Roman Herzog ist gestorben

Die «Ruck»-Rede machte Roman Herzog berühmt. 1997 kritisierte der damalige Bundespräsident die Reformmüdigkeit in Deutschland und mahnte Bürger zu Veränderung. Nun ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.

Auch nach seiner Zeit als Staatsoberhaupt blieb Roman Herzog ein Mann der offenen Worte. Archivbild aus dem Jahr 2014 im Schloss Bellevue in Berlin.

Auch nach seiner Zeit als Staatsoberhaupt blieb Roman Herzog ein Mann der offenen Worte. Archivbild aus dem Jahr 2014 im Schloss Bellevue in Berlin. Bild: Keystone

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Die berühmte «Ruck»-Rede wird bleiben. Ein Reformappell, den Bundespräsident Roman Herzog 1997 an die Deutschen richtete. Auch nach seiner Zeit als Staatsoberhaupt blieb der gebürtige Bayer ein Mann der offenen Worte. Nun ist Herzog im Alter von 82 Jahren gestorben.

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Herzog als «markante Persönlichkeit», die «vorwärtstreibenden Mut» und «charmante Skepsis» verband. Bundeskanzlerin Angela Merkel hob die unprätentiöse und humorvolle Art des beim Volk einst «hochbeliebten» Bundespräsidenten hervor. Als «einen der ganz grossen Bayern» bezeichnete ihn CSU-Chef Horst Seehofer. Herzogs Optimismus und seine Mahnung zu Reformbereitschaft sei bis heute aktuell, erklärte FDP-Chef Christian Lindner.

Kohls zweite Wahl

Die Wahl ins höchste Staatsamt 1994 kam für Herzog überraschend. Wunschkandidat von Kanzler Helmut Kohl (CDU) war Sachsens Justizminister Steffen Heitmann. Doch mit Äusserungen über Ausländer und die Rolle der Frau produzierte der ultrakonservative Ostdeutsche Negativschlagzeilen. Schliesslich zog er seine Kandidatur zurück, Herzog wurde Kandidat von CDU und CSU. Im dritten Wahlgang setzte sich das CDU-Mitglied schliesslich gegen honorige Konkurrenz, den Sozialdemokraten Johannes Rau und die jüngst verstorbene Liberale Hildegard Hamm-Brücher, durch.

Der Jurist Herzog wurde nach seinen Stationen als Staatssekretär in Rheinland-Pfalz, Minister in Baden-Württemberg sowie elf Jahren am Bundesverfassungsgericht, darunter sieben als Präsident, der erste gesamtdeutsch gewählte Bundespräsident. Als Nachfolger des beliebten Richard von Weizsäcker trat er in grosse Fussstapfen. Auch Herzog wurde ein anerkanntes Staatsoberhaupt.

Zu den bleibenden Verdiensten zählte 1996 die Proklamation des 27. Januar als Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 hat die UNO den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt.

Vorbote der Kohl-Abwahl

Am ehesten wird aber eine Rede im Gedächtnis der Deutschen bleiben, die Herzog am 26. April 1997 hielt. Gerade war er von einer Asien-Reise zurückgekehrt, wo ihn die «unglaubliche Dynamik» beeindruckte. In Deutschland herrsche dagegen Mutlosigkeit und ein Gefühl der Lähmung, beklagte Herzog. Und er mahnte: «Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, die Grossen mehr, die Kleinen weniger.»

Die Bundesrepublik befand sich nach den Jahren der Wiedervereinigungseuphorie in einer Starre. Über 4 Millionen Menschen waren arbeitslos, die Sozialversicherungen erodierten. Kohl regierte im 15. Kanzlerjahr. Herzogs Ruck-Rede hatte einen liberalen Klang, sie wirkte damals wie ein vorzeitiger Abgesang auf die Kohl’sche Regierung, die 1998 durch SPD und Grüne abgelöst wurde.

Nach dem Staatsamt weiter aktiv

Herzog blieb auch nach seiner Zeit im Schloss Bellevue politisch aktiv. Er führte jenen Konvent, der 1999/2000 die EU-Grundrechtecharta erarbeitete. Für die CDU leitete er eine Kommission, die Vorschläge für eine Reform der Sozialversicherungen machte, die 2005 ins Wahlprogramm der Union einflossen. Herzog warnte vor einer zu starken Zentralisierung der EU, wetterte gegen die Macht der Alten («Rentnerdemokratie») und sprach sich für eine Heraufsetzung der Fünf-Prozent-Hürde bei Wahlen aus.

Eine zweite Amtszeit hatte Herzog frühzeitig abgelehnt. Er hat dies politisch begründet. Jedoch gab es wohl auch einen privaten Grund. Er wusste schon 1996 von der Krebserkrankung seiner Frau Christiane, wie er viele Jahre später offenbarte. Sie starb im Jahr 2000. Nun ist auch Roman Herzog tot. Er hinterlässt zwei Söhne und seine zweite Ehefrau Alexandra Freifrau von Berlichingen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2017, 16:47 Uhr

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