Der Befreiungsschlag für Patrick Fischer

Sportredaktor Reto Kirchhofer schreibt über das Schweizer Nationalteam.

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Die Schweizer Nationalmannschaft hat in der Stadt der Liebe das Eishockeyherz höherschlagen lassen. Sie bezwang Kanada und Tschechien, blieb in der Gruppenphase ohne Niederlage nach regulärer Spielzeit. Im Viertelfinal war Schweden mit neunzehn gestandenen NHL-Spielern Endstation. In diesem Vergleich machte einzig die Differenz an spielerischer Klasse den Unterschied.

Die grösste Qualität der Schweizer war nicht das Talent, sondern der Teamgeist. Was banal klingt, ist in einer WM-Kampagne ein schwieriges Unterfangen: Die Vorbereitung ist von einem Kommen und Gehen geprägt. Am Turnier selbst müssen die Spieler innert Kürze zusammenfinden, an Widrigkeiten wachsen. Das ist den Schweizern hervorragend gelungen.

Es hat Spass gemacht, ihnen zuzuschauen. Und Patrick Fischer hat etwas geschafft, was nur wenige Trainer von sich behaupten können: Er ver­mochte annähernd das Optimum aus der Mannschaft herauszuholen – einer Mannschaft, die vor dem Turnier kaum Kredit, dafür viele Absagen erhalten hatte. Die Vermutung sei gewagt: Mit diesem Geist und der Veredelung durch Spieler wie Roman Josi und Nino Niederreiter wäre die Medaille in Griffweite gewesen.

Die Viertelfinalqualifikation ist für die Schweiz jedes Jahr wie eine Guillotine, die heruntersaust und die Turnierbilanz in «gut» und «schlecht» trennt. 2017 befindet sich das Nationalteam auf der guten Seite. Es steht ausser Frage, dass das Erreichen der Top 8 auch in Zukunft das Minimalziel sein muss, wobei die hohen Ansprüche an die Auswahl nicht immer mit deren Stellenwert korrespondieren. Seit die NLA-Klubs die Agenda be­stimmen, hat Rot-Weiss an Relevanz eingebüsst. Während der Saison ist die Auswahl nicht mehr als ein Schattenpflänzchen.

Doch im Mai soll es dann prächtig blühen, bitte schön. Als Folge dieses Denkens ist der Rückstand auf die Topnationen angewachsen. Diesen zu verringern, ist Stand heute pure Träumerei. Es muss vielmehr das Ziel sein, den Status quo zu erhalten, sich vor der Kon­kurrenz aus Deutschland, Norwegen, Lettland, Dänemark, Weissrussland und Frankreich in den Top 8 zu behaupten.

Im Quervergleich investiert Swiss Ice Hockey wesentlich mehr Geld ins Na­tionalmannschaftsprogramm, kann auf die bessere Infrastruktur zurückgreifen. Insofern war die Steigerung nach dem schwachen Abschneiden im vergangenen Jahr zwar sehr schön, aber schlicht und einfach auch notwendig.

Der Posten des Nationaltrainers war in der Vergangenheit ein Zankapfel. Es begann mit der sonderbaren Ablösung von Silbercoach Sean Simpson, gefolgt von den Unruhen um das Engagement Glen Hanlons, dem PR-Debakel nach dessen Absetzung mit den öffentlichen Avancen gegenüber Kevin Schläpfer und den Irrungen und Wirrungen um Felix Hollenstein.

Das alles bedeutete für den Verband einen massiven Imageverlust. Schliesslich trat Patrick Fischer sein Amt im Dezember 2015 mit dem inoffiziellen Etikett «Notlösung» an. Ist er siebzehn Monate und zwei WM-Turniere später die Wunschlösung? Zumindest hat der Zuger seinem Profil Schärfe verliehen. Fischer ist im Prinzip der ideale Nationalcoach: Er verkörpert Stolz, hat ein gewinnendes Auftreten, ist kommunikativ, spricht drei Landessprachen.

Das Wichtigste aber hat ihm bis Paris gefehlt: der Erfolg. Wegen seines ungenügenden Leistungsausweises wurde und wird seine Arbeit zu Recht hinterfragt. Der Sieg gegen Kanada kam einem Befreiungsschlag gleich, und dank des erreichten Ziels Viertelfinal darf Fischer ver­dientermassen in Ruhe die nächsten Aufgaben angehen: Olympia 2018, WM 2018.

Das WM-Ergebnis stellt auch dem Nationalmannschaftsdirektor Raeto Raffainer ein gutes Zeugnis aus. Für ihn gilt wie für den Trainer: Er zahlte letztes Jahr für die Unerfahrenheit Lehrgeld, zog aus dem Scheitern in Moskau aber die richtigen Schlüsse. Das Engagement des Defensivstrategen Tommy Albelin als Assistenten war ein geschickter Schachzug. Spätestens nach den schwachen Auftritten am Deutschland-Cup war den Beteiligten klar, dass eine Taktikkorrektur unabdingbar ist.

Seither gefällt die Schweiz mit einer Mischung aus Frechheit, Disziplin und Reife. Darüber hinaus wurde der Staff professionalisiert, mit einem Torhüter-, einem Athletikcoach und einem Psychologen ergänzt. Letztlich hat jeder Nationaltrainer Stärken und Schwächen. Die Kunst besteht darin, die Schwächen abzufedern, Hilfestellung zu bieten. Dies ist Raffainer gelungen. Der Erfolg von Paris basiert auf der guten Teamarbeit – auf wie neben dem Eis.

reto.kirchhofer@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.05.2017, 06:34 Uhr

Sportredaktor Reto Kirchhofer (Bild: Andreas Blatter)

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