Eine Leading Lady für Venedig

Sie ist künstlerische Leiterin im Centre Pompidou und mag Chansons: Die Französin Christine Macel wird Kuratorin der Venedig-Biennale 2017. Das sind gute Neuigkeiten.

Leitet seit 2000 das Kuratorenteam des Musée National d’Art Moderne im Centre Pompidou: Die Kuratorin Christine Macel. (Bild: Jean-Claude Planchet, Centre Pompidou)

Leitet seit 2000 das Kuratorenteam des Musée National d’Art Moderne im Centre Pompidou: Die Kuratorin Christine Macel. (Bild: Jean-Claude Planchet, Centre Pompidou)

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Das Oberflächliche zuerst. Christine Macel, am Wochenende zur künstlerischen Leiterin der nächsten Venedig-Biennale erkoren, sieht aus, wie man sich die Bilderbuchpariserin eben vorstellt: blass, roter Lippenstift, brünette Mähne, vom Wind liebevoll zerzaust. Wer will, kann in ihr getrost die Carine Roitfeld der Kunst sehen: Was die Roitfeld für die französische «Vogue», das ist Macel fürs Centre Pompidou. Seit 2000 leitet sie das Kuratorenteam des darin beheimateten Musée National d’Art Moderne, zuvor war sie beim Kulturministerium.

Einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat sie noch nicht, dafür weiss man, dass sie Kurzgeschichten ebenso gern liest wie Fachliteratur zu okkulter Philosophie, Chansons aus den 70ern schätzt sowie Barockkompositionen, gern ins Kino geht und auch mal an eine Ausstellung zu Todesritualen. Kurz: ein Hansdampf in allen Gassen; ein bisschen schräg vielleicht, dafür in High Heels.

Zweimal kuratierte sie Länderpavillons

Damit stöckelt sie seit zwei Jahrzehnten ziemlich stolperfrei übers internationale Kunstparkett; und auch in Venedig ist sie keine Novizin. Zweimal hat sie bereits einen Länderpavillon kuratiert: 2007 den belgischen, 2013 den französischen. Und was sie dort zeigte, war ganz nach dem venezianischen Geschmack: klug, ja poetisch auch – dabei aber hoch ästhetisch und schön eingängig.

Videovirtuose Anri Sala (2013) lieferte Nahaufnahmen von Pianistenhänden, die Ravels Klavierkonzert in D-Dur für die linke Hand in die Tasten drückten; Eric Duyckaerts (2007) liess das Publikum durch ein Glaslabyrinth tapsen: Kunstkonsum als bläulich schimmerndes, megastylishes Geduldspiel, das den Betrachter elegant auf sich selbst zurückwarf. Oder, weniger schmeichelhaft: Selbstreflexion light.

Da macht es doppelt Sinn, wenn Biennale-Verwaltungsratspräsident Paolo Baratta sich am Wochenende freute, mit Macel eine Kuratorin gefunden zu haben, «die die grosse Rolle, die Künstler beim Erfinden ihrer Universen und beim Widerspiegeln unserer Welt haben, zur Geltung bringen» könne.

Erst die vierte Frau

Sind das jetzt gute Neuigkeiten, und darf man sich also auf Venedig 2017 freuen? Ja, und man darf. Zumal aus Frauensicht: Seit die Biennale jeweils einen künstlerischen Leiter bestimmt – seit 1962 –, ist Macel erst die vierte Dame, die diesen Posten innehat. Die letzte im Chefsattel war 2011 «unsere» Bice Curiger – mit der man Macel durchaus ein bisschen vergleichen darf: Wie Curiger schafft Macel den Spagat zwischen Nische und Blockbuster, indem sie etwa Matisse mit Olafur Eliasson zusammenbringt und Performance-Guerillero Tino Sehgal mit Picasso.

Im Pompidou zeigt sie mit Vorliebe jene Newcomer, deren Output zwar clever ist, aber eben auch optisch etwas hergibt – Philippe Parreno, Gabriel Orozco –, daneben gibts Gruppenausstellungen mit schwungvollen Titeln wie «Dance Your Life» oder «Dionysiac».

«Historisch prekäres Moment»

Beschwingt dürfte also auch die Venedig-Biennale 2017 werden – auch wenn, wie Biennale-Chef Baratta zugab, man sich des «historisch prekären Moments» durchaus bewusst sei. Macel wird die damit verbundenen Erwartungen ebenso erfüllen wie letztes Jahr der aus Nigeria stammende Okwui Enwezor diejenigen, den afrikanischen Kontinent ins Boot zu holen: nämlich oberflächlich und punktuell.

Das Publikum wird schliesslich auch 2017 nicht in die Giardini strömen, um sich die gute Laune vermiesen zu lassen. Stattdessen wird man die Proseccogläser heben: auf gute Kunst – und darauf, dass Frankreichs Leading Ladies auch anders können als Marine Le Pen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2016, 18:07 Uhr

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