Wer ist hier der Boss?

Baze, Stiller Has, Züri West: Diesen Frühling brachte das Berner Plattenlabel Sound Service Alben grosser Künstler im Monatstakt heraus. Sylvie Widmer ist die Frontfrau im Hintergrund. Ein Porträt.

Erinnerung an goldene Zeiten: Sylvie Widmer vor den mit Gold und Platin ausgezeichneten Platten ihrer Künstler. Heute ist das Musik­geschäft härter.

Erinnerung an goldene Zeiten: Sylvie Widmer vor den mit Gold und Platin ausgezeichneten Platten ihrer Künstler. Heute ist das Musik­geschäft härter. Bild: Iris Andermatt

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Wer ist hier der Boss? Sylvie Widmer lacht schallend. Dann sagt sie diplomatisch: «Wir haben flache Hierarchien.» Fraglos ist sie die starke Frau im Betrieb – sie ist auch die einzige.

Die 50-Jäh­rige ist das Gesicht des Berner Musiklabels Sound Service, sie kümmert sich um die Musiker, um die Medien, um die Finanzen. Eher im Hintergrund arbeiten Ehemann Röfe Widmer und Sohn Raphael Szabo.

Die Büros des Familienbetriebs befinden sich in einem Einfamilienhausquartier in Gümligen. Früher logierte hier der Zytglogge-Verlag. Die Räume sind grosszügig gehalten, im hinteren Teil stapeln sich zahllose CDs und Platten in deckenhohen Gestellen. Züri West, Stiller Has, ­Baze, Polo Hofer...

Widmer und ihre Männer: Ehemann Röfe (links) und Sohn Raphael Szabo. Bild: Iris Andermatt

Jeden Morgen verpacken die beiden Männer des Betriebs hier die bestellten Alben. Machen bis zu zwanzig Päckli. Bringen sie zur Post und verschicken sie in die ganze Schweiz. Denn Sound Service macht alles selbst, von der Produktion bis zum Vertrieb. Und das seit fast dreissig Jahren, und meistens mit Erfolg.

Das beweist die Wand neben der Eingangs­türe. Dort hängt Auszeichnung an Auszeichnung – Gold-, Platin-, und Mehrfachplatinplatten für die Bestseller. Sie erinnern an jene ruhmreiche Vergangenheit, in der man noch richtig viele Alben verkaufen konnte.

Heute sieht es anders aus. «Die Branche hat über 70 Prozent ihres Absatzes eingebüsst. Und das trifft auf alle Vertriebe und auf alle Titel zu», sagt Sylvie Widmer. Auch auf Stiller Has und Züri West, deren neue Alben eben von Sound Service veröffentlicht wurden. Und auch von anderen Labels wie Nation Music, welches vor kurzem pleiteging. Der Kuchen ist kleiner und trockener geworden.

Auch Sound Service musste redimensionieren. «Wir haben sehr viele Anpassungen gemacht», sagt Widmer. Vor zehn Jahren arbeiteten noch zehn Leute für das Label, sukzessive wurde deren Zahl gesenkt. Sound Service besetzte im Geschäftsgebäude in Gümligen damals die doppelte Fläche. Sylvie Widmer hatte ein helles Büro auf der anderen Seite des Gebäudes mit Zugang zu einem Garten. Das ist passé.

Ohne Züri West, ohne Has

Wenn Sylvie Widmer vom Geschäftlichen spricht, wechselt sie den Modus. Ist sie im alltäglichen Gespräch umgänglich und herzlich, argumentiert sie nun sachlich und distanziert. «Ich denke, der Musikkonsum an und für sich ist nicht zurückgegangen, aber er ist nicht mehr messbar», sagt sie. Von Göläs erstem Album «Uf und dervo» hatte Sound Service 300 000 Exemplare verkauft. «Diese Verkaufszahlen sind heute nicht mehr möglich», meint sie.

Heute läuft fast alles über Streamingdienste. Fast alles, nur nicht die Musik von Züri West und Stiller Has. «Ich bin aus zwei Gründen kein Fan von Spotify», sagt Widmer, «erstens macht der Dienst keine Zugeständnisse, weil er nicht an nationalen Künstlern interessiert ist, und zweitens ist er zu tiefpreisig.» Einen besseren Weg gehe Apple, der Konzern bemühe sich ernsthaft, nationales Repertoire besser abzubilden und aktiv zu unter­stützen. Kurz: Wenn Streaming, dann zu guten Bedingungen.

Gut kochen, gut verhandeln

Sylvie Widmer ist schwarz gekleidet, aber nicht in Trauermodus. Sie jammert nicht, sie analysiert. Sie zögert nicht, sie handelt. «Sound Service ist immer für uns erreichbar, auch am Sonntag», fasst Züri-West-Gitarrist Küse Fehlmann zusammen. «Sylvie gibt Vollgas für ihre Künstler und leidet auch mit ihnen.»

Auch hier hat Sylvie Widmer zwei Gesichter, ein privates und ein geschäftliches. Oder wie Küse Fehlmann es formuliert: «Sie ist eine sehr gute Köchin und eine toughe Verhandlerin.» Aber nicht beides gleichzeitig.

«Sie ist eine sehr gute Köchin und eine toughe Verhandlerin.»Züri-West-Gitarrist Küse Fehlmann über Sylvie Widmer.

«Im Garten bei Widmers reden wir bei feinem Essen im intimen Rahmen über unsere Pläne», erzählt Fehlmann. Die Verhandlungen über die Zusammenarbeit fänden später im Büro statt. «Da macht Sylvie einem manchmal das Leben schwer. Aber das muss so sein, es geht um den Franken. Sound Service hat seine Bedürfnisse und wir unsere.»

Alles hören, alles bewerten

Sound Service wollte gar nie richtig gross werden. «Die überschaubare Grösse hilft», findet Sylvie Widmer. «Ich habe lieber wenige Künstler, dafür kann ich voll für sie da sein.» Noch immer bekommt das Label viele Demotapes, sie landen auf Röfe Wid­mers Schreibtisch. Er ist für alles, was Musik und Produktion betrifft, zuständig. Die Stapel der Einsendungen sind nicht mehr so hoch wie vor einigen Jahren.

«Röfe hört sich alles an, er beantwortet auch alle Einsendungen», sagt Widmer. Etwa 90 Prozent davon lehnt Sound Service ab. Und dann gibt es Glücksfälle, wie eben Züri West. Sound Service veröffentlichte 1989 «Bümpliz Casablanca» – das Label ver­buchte einen nationalen Grosserfolg. Fortan ging es nur bergauf.

Nachdem Sylvie Widmer 1996 zum Label gestossen war, konzentrierte sich Sound Service ausschliesslich auf die Produktion und den Vertrieb von Schweizer Künstlern. Züri West blieb das Zugpferd. Und ist es noch heute. «Es wäre schön, wenn es immer so laufen würde wie in diesem Frühling», sagt Sylvie Widmer.

Nun braucht sie erst einmal Ferien. Mit Ehemann Röfe geht sie auf eine grosse Velotour an der Ostsee. Sohn Raphael Szabo hält die Stellung. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.05.2017, 12:54 Uhr

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