Ein Baby schiesst durch Raum und Zeit

Mit der Frage nach dem Sinn des Lebens wird ein gelangweiltes Ehepaar durch ein ausgesetztes Baby konfrontiert. Konzert Theater Bern bietet mit «Das Beste aller möglichen Leben» eine beste Unterhaltung.

Irrwitzige Versuchsanordnung: Baby Christopher (Mitte: David Berger) konfrontiert seine überforderten Eltern  (Jonathan Loosli, Kornelia Lüdorff) mit existenziellen Fragen.

Irrwitzige Versuchsanordnung: Baby Christopher (Mitte: David Berger) konfrontiert seine überforderten Eltern (Jonathan Loosli, Kornelia Lüdorff) mit existenziellen Fragen. Bild: Annette Boutellier

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Sie tauft es spontan «Sunshine», er nennt das Baby «Gehänge wie ein Pferd». Naomi (Kornelia Lüdorff) und East (Jonathan Loosli) sind ein Paar, das sich im Alltagstrott auseinandergelebt hat. Sie möchte schwanger werden, er weiss es zu verhindern. Doch eines Morgens, Schlag fünf, entdecken sie auf ihrem Küchentisch eine Babyschale mit Baby und eine Nachricht von der Mutter, die es ausgesetzt hat. Naomi ist entzückt, East skeptisch, und sie einigen sich, dass sie zwei Stunden warten, bevor sie die Polizei rufen.

«Nennt mich Christopher», sagt das Baby sogleich und verlangt nach Kaffee. Christopher ist kein gewöhnliches Baby. Er wächst und lernt so schnell, dass er, noch bevor East um sieben Uhr zur Arbeit fährt, einen Gottesbeweis aufstellt, jahrhundertealte Mathematikprobleme löst, heroinsüchtig wird und, geläutert, zu Gott findet und dann stirbt.

Krieg ich jetzt Sex zu sehen?

Er stellt existenzielle Fragen, treibt damit die Geschichte voran und überfordert seine Stiefeltern. «Wie habt ihr euch verliebt?», «Warum ist die Welt ungerecht?», «Was ist der Sinn des Lebens?» oder auch: «Krieg ich jetzt Sex zu sehen, ihr Fotzen?» Das Paar zerstreitet sich, versöhnt sich, beide werden vom rasenden Zögling verprügelt und vergewaltigt, bevor er als alternder Mann zur Räson zurück­findet.

«Das Beste aller möglichen Leben» des US-amerikanischen Dramatikers Noah Haidle bringt in seiner irrwitzigen Versuchs­anordnung allerlei grosse Fragen über den Sinn und den Unsinn des Lebens ins Spiel, die allerdings nicht allzu tief greifen. «Was bringt es, einen Gottesbeweis zu machen, wenn man noch nie geliebt hat?» ist als Quintessenz geradezu kitschig.

Wechselbad der Gefühle

Dennoch: Die Schweizer Erstaufführung des Stücks bringt dank einer temporeichen Inszenierung von Mario Matthias einen bestens unterhaltenden Abend. Das Publikum sieht quasi in Echtzeit ein Leben vorbeiziehen. Das ist meistens witzig, manchmal beklemmend und insgesamt ein Wechselbad der Gefühle.

Auch, was die schauspielerische Leistung betrifft. David Berger und Jürg Wisbach teilen sich die Rolle des Christopher. Wie bei Lüdorff und Loosli schaut man ihnen gerne bei der Arbeit zu. Nur ist jeder Satz, der fällt, und jede Bewegung überdreht – verzerrt wie Zeit und Raum (Bühnenbild: Konstantina Dacheva). Das wirkt mit der Zeit etwas anstrengend – da wirkt am Schluss der Tanz des altersmilden Greises Christopher mit seiner jungen Mutter Naomi zu Tom Waits’ «I’m Leaving the Table» wie im Blick durch die Zeitlupe als wohliger Kontrast.

Weitere Vorstellungen: bis 20. Juni. www.konzerttheaterbern.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.04.2017, 19:37 Uhr

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