«Wa weäscht im Läbe sövel baas?»

Eine neue alte Welt: Die Mundarttexte der 1973 verstorbenen Frutigtaler Dichterin Maria Lauber kommen in dem Lesebuch «Isch net mys Tal emitts» und einer CD zu neuen Ehren. Am Freitag ist Vernissage in Thun.

Musiker mit Frutigtaler Wurzeln: Christoph Trummer und Nadja Stoller.

Musiker mit Frutigtaler Wurzeln: Christoph Trummer und Nadja Stoller. Bild: Reto Camenisch/zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine «luubi Sprach» nannte Maria Lauber ihre Muttersprache, den Frutigtaler Dialekt. «Luubi» bedeutet lieb, geliebt, sanft. Es tat der Frutiger Dichterin und Lehrerin, geboren 1891, in der Seele weh, als sie in der Stadt Bern, wo sie das Lehrerinnen­seminar besuchte, darauf hingewiesen wurde, dass man hier «Längizyt» und nicht «Lengizyt» sage. Das Ä klang fremd in ihren Ohren.

Sie versuchte sich den Städtern anzupassen und fragte sich gleichzeitig mit schlechtem Gewissen, warum sie sich schämte für ihre Muttersprache. Aber in seinen Texten pflegte das «Puremiitschi» vom «Prasten» (eine Bäuert am Osthang der Niesenkette) seinen Dialekt, widmete ihm mit «My Muetersprach» später auch ein Gedicht: «O Muetersprach, wie du mig triischt / Dür Früüd u Fyr, dür Wärch u Weh/ mig triischt, bis fallt i ds Haar der Schnee / u d’ mit mym letschte Wort vergiischt.»

Der Blick vom Tellerrand

Es würde die 1973 verstorbene Schriftstellerin bestimmt freuen, dass ihre geliebte Muttersprache zu ihrem 125. Geburtstag zu neuen Ehren kommt. Der Dialekt, über den sie schrieb: «Di Sprach, win ig sa schrybe, ischt am vergah.»

Das Lesebuch «Ischt net mys Tal emitts», herausgegeben von der Kulturstiftung Frutigland, wird am Freitag im Rahmen des Berner Literaturfests vorgestellt. Darin finden sich Gedichte, Geschichten und Texte über Heimat und Fremde, über Laubers Dorf und den Blick vom Tellerrand. Denn ihr Tal, stellte Lauber fest, sei so «näbenus» und doch «emitts» (mitten) in der Welt.

Verschiedene Zugänge

Da die Bücher von Maria Lauber seit längerem vergriffen sind, ist eine mehrbändige Neuedition geplant. Gut, dass erst mal das Lesebuch erscheint. Weil es sich auch für «Anfänger» eignet und verschiedene Zugänge zum Werk der ausserhalb Frutigens kaum noch bekannten Schriftstellerin bietet. Das Lesebuch ist nicht nach Textformen, sondern nach Themen geordnet, ein Glossar und ein umfangreicher Anhang helfen beim «Übersetzen».

Der Fotograf Reto Camenisch setzt die Heimat Laubers mit in sich ruhenden Schwarzweissbildern in Szene. Das Tüpfelchen auf dem i ist aber die beigelegte CD. Und wer den Dialekt nicht im Ohr hat, beginnt am besten direkt mit der Nummer 3: «Es stiit es Hüsli ot der Strass. / I gseh, wen ig der Grund us gah, / wi d Suna schynt i ds Pfeeschterglas, / gseh vur der Wand der Birbuum stah.»

Maria Lauber selbst liest das Gedicht «Öes Huus». Es ist der Mitschnitt einer Lesung. Die Autorin liest schnell, reiht singend und meist ohne Pause Wort an Wort. Ihr A wohnt tief in der Kehle, direkt neben dem O. In ihrer Stimme liegt etwas Verschmitztes, das sich hie und da auch in ihren Texten wiederfindet.

Unmittelbar berührt

Die in Frutigen aufgewachsenen Liedermacher Trummer und Nadja Stoller sowie das Trio Rehblick haben einige Gedichte Laubers vertont. Zudem finden sich auf der CD Lesungen von den Lauber-Kennern Luise Schranz-Hari und Ueli Schmid sowie O-Töne aus dem Frutigtal. Im Vorwort zum Lesebuch beschreibt Christoph Trummer seinen ersten Kontakt mit den Gedichten von Maria Lauber: «Die Berührung war unmittelbar.»

«Isch net mys Tal, öes Dorf emitts, / mitts in der Wäld? U was süscht git’s / wa wärt u wichtig weä win das? / Wa weäscht im Läbe sövel baas?» – aus Texten wie diesen Lieder zu machen, sei ­keine Arbeit gewesen. «Maria Laubers Gedichte sind so stimmig in ihren Bildern und der Form, dass man sie eigentlich nur noch singen muss.»

Und so klingt das auch: Ohne Firlefanz, mal mit Schlagwerk und Akkordeon, mal nur mit Gitarre begleitet, kleiden Trummer und Stoller die Gedichte in ruhige Folktöne, schenken ihnen Raum und noch mehr Zeit. So arbeiten sie vor allem die Melancholie in Laubers Texten heraus.

Anders das Trio Rehblick um den Frutiger Stefan Imobersteg: Hier ist das Klangkleid eigensinniger, dominanter auch. Das ist weniger Folk und mehr Volksmusik, weniger Melancholie und mehr Gewitztheit. Welche Herangehensweise wohl Maria Lauber besser gefallen hätte? (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.08.2016, 09:43 Uhr

Maria Lauber, Frutiger Autorin. (Bild: zvg)

Das Buch

Buch: «Isch net mys Tal emitts», Zytglogge-Verlag. 256 S., mit CD. Vernissage: Freitag, 19.8., Rathaushalle, Thun; Fest zum 125. Geburtstag von Maria Lauber: 26.8., Kirchgemeindehaus, Frutigen

6.?Berner Literaturfest

Das 6. Berner Literaturfest (17.–21. 8.) wird heute Abend im Berner Generationenhaus eröffnet. Franz Hohler und Annette Pehnt diskutieren mit der Psychologin Elisabeth Schlumpf über das Altern. Weitere Schwerpunkte sind der Walliser Autorin S. Corinna Bille und Robert Walser gewidmet sowie Ilma Rakusa und dem Dichter und Pfarrer Kurt Marti. Am Freitag finden Lesungen in der Region statt, neu auch in Neuenegg. Nachmittagslesungen von dreissig Autoren gibt es am Samstag in der Berner Altstadt. Der Krimiautor Hansjörg Schneider hat seine Teilnahme abgesagt. ass

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Blogs

Foodblog 1000 Scotch Eggs

Gartenblog Griechische Randen

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Lightshow: Ein Blitz entlädt sich während eines Sommergewitters über Bern (27. Juni 2017).
(Bild: Anthony Anex) Mehr...