«Ich lerne viel von den Katholiken»

Der 34-jährige Pfarrer Christian Walti setzt sich für eine sinnlichere Kirche ein. Die Reformation habe sie zu karg gemacht. Mit viel Engagement tritt er dem grassierenden Desinteresse entgegen.

Christian Walti in der Albe, einem feierlichen Gewand für den Gottesdienst, in der Friedenskirche in der Stadt Bern.

Christian Walti in der Albe, einem feierlichen Gewand für den Gottesdienst, in der Friedenskirche in der Stadt Bern. Bild: Stefan Anderegg

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Warum arbeiten Sie als junger und dynamischer Pfarrer in einer alten und trägen Kirche?
Christian Walti: Die Kirche muss sich verändern. Diese Herausforderung reizt mich. Ich möchte etwas bewirken, und die Arbeit wird mir nicht ausgehen. Für mich war es eine Berufung.

Im religiösen Sinn?
Ein Gotteserlebnis oder so etwas Ähnliches hatte ich nicht. Ich bin nicht religiös aufgewachsen. Aber als Kind beeindruckten mich jene, die den kirchlichen Unterricht gestalteten. Sie kannten eine Dimension des Lebens, die mir fremd war. Mich nahm wunder, was dahintersteckte. Ich begann mich zu engagieren und fand heraus, dass ich in der Kirche meine Talente ausspielen kann.

Vor 500 Jahren sorgte Martin Luther mit seinen 95 Thesen für Aufruhr in der Kirche. Ist heute die Luft draussen?
Die Reformation war ein Fitnessprogramm für die damalige Kirche. Sie war zu fett geworden. Es ging um Macht und Geld. Der Ruck war nötig, damit die Leute wieder in Kontakt mit dem Spirituellen treten konnten.

Heute leidet die Kirche an Schwindsucht.
Die reformierte Kirche ist so stark abgemagert, dass wir uns fragen müssen, wie wir wieder Fleisch an die Knochen bringen. Etwas überspitzt gesagt wurde ihr alles genommen, was religiös aufgeladen war, und durch all­gemeine Lebensthemen ersetzt. Aber um diese kümmern sich bereits viele andere Institutionen.

Das Jubiläumsjahr ist eine Zäsur. Was sehen Sie als Ihren Beitrag?
Junge Theologen wie ich möchten die karge Kirche aufpäppeln. Aber es ist nicht getan mit moderner Musik oder einem coolen Auftritt. Wir müssen es wieder hinkriegen, dass Leute in Berührung kommen mit der höheren Macht und ihrer eigenen Spiri­tualität.

«Die reformierte Kirche ist so stark abgemagert, dass wir uns fragen müssen, wie wir wieder Fleisch an die Knochen bringen.»Christian Walti

Wie soll das gehen?
Ich lerne viel von der römisch-katholischen Kirche. Sie wurde behutsamer reformiert, indem sie beispielsweise zahlreiche Rituale beibehielt und sie zugäng­licher machte. Eine Taufe oder ein Abendmahl ist bei den Katholiken sinnlich und schön. Bei den Reformierten sind Feiern dagegen oft steif, ja fast ein wenig peinlich. Wir müssen Rituale, die guttun, und knackige Aussagen, die ins Leben hineinwirken, in die reformierte Kirche zurückholen.

Kommt das gut an?
Interessanterweise erhalte ich gerade in der Stadt Bern, wo ich Pfarrer bin, auf liturgische Feiern positivere Rückmeldungen als auf herkömmliche reformierte Gottesdienste, bei denen die Gemeinde bestenfalls zum Singen aufstehen kann.

In der Stadt ist die Abwanderung aus der Kirche noch aus­geprägter als auf dem Land. Glauben Sie, dass man so Gegensteuer geben kann?
Austritte in der Stadt sind oft durch die Abwanderung Reformierter in die Agglomeration bedingt. Fast mehr Sorgen macht mir, dass die doch beträchtliche Anzahl jener, die noch Kirchensteuern bezahlen, sich am kirch­lichen Leben nicht beteiligt. Dem möchte ich etwas entgegensetzen, indem ich kleine Keime setze wie das Death Café.

Was ist das denn?
Death Café tönt etwas provokativ. Wir reden dort gemeinsam über den Tod. Das lässt junge Menschen nicht kalt. Bei all meinen Aktivitäten versuche ich, Beziehungen aufzubauen und Sinnfragen anzusprechen. Indem ich so am Leben anderer teilnehme, tue ich etwas dafür, dass die Kirche relevant bleibt.

Hat die Kirche noch Antworten auf heutige Fragen?
Die Kirche ist eine Gemeinschaft, in der solche Fragen zur Sprache kommen können. In der Ausein­andersetzung mit der Bibel, die zu kauen gibt, sind auch heute Antworten zu finden. Jedenfalls höre ich zum Beispiel nach einer Abdankung oft: Ihre Begleitung hat mir gutgetan.

Christian Walti (34) wuchs im Kanton Zürich auf, arbeitete zuerst als Theologe an der Universität Bern und ist nun seit zweieinhalb Jahren Pfarrer in der Kirchgemeinde Frieden der Stadt Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.01.2017, 09:47 Uhr

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