Stadtnatur im Dichtestress

Städtische Grünflächen werden als Hort der Artenvielfalt immer wichtiger. Aber genau sie geraten wegen der Verdichtungsbemühungen der Raumplanung unter Druck. Bilder aus Stadtberner Quartieren liefern Denkanstösse.

Kleine urbane Wildnis: Überbauung Weissenstein an der Grenze zwischen Bern und Köniz.

Kleine urbane Wildnis: Überbauung Weissenstein an der Grenze zwischen Bern und Köniz. Bild: Sabine Tschäppeler

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In der Stadt Bern wurden in den letzten drei Jahren 70'000 wild wachsende Pflanzen inventa­risiert. 2016 meldeten interessierte Stadtbewohner 174 Wild­tierbeobachtungen. Darunter befanden sich Biber, Fischotter, Füchse, Dachse und Ringelnattern, die durch die Stadt strichen, schwammen, schlichen oder streiften.

Am Hang beim Aargauerstalden blüht im Sommer eine Magerwiese, wie man sie auf dem Land kaum mehr sieht, durch die Überbauung Weissenstein an der Gemeindegrenze zu Köniz mäandriert in einem quasinatürlichen Bett ein Bächlein, und zwischen den Gleisen des Güterbahnhofs Bern wuchert es hemmungslos. Willkommen in der neuen Wildnis der Stadt Bern!

Mit dem Projekt «Wildwechsel – Stadtnatur für alle» versucht Stadtgrün Bern seit 2015, die Sensibilität für urbane Biodiversität zu stärken. Ein umfunktionierter Bauwagen steht jeweils für einige Monate in einem Quartier, quasi als Drehscheibe für Aktionen und Beratungsangebote, mit denen die Bevölkerung angeregt werden soll, ihr Wohnumfeld zugunsten von Wildtieren und Wildpflanzen aufzuwerten.

Naturparadies Insel

«Wildwechsel» befindet sich noch in diesem Jahr in der Pilotphase. Sabine Tschäppeler, Leiterin der städtischen Fachstelle Natur und Ökologie, ist aber zuversichtlich, «Wildwechsel» danach in ein Definitivum überführen zu können. Die noch bis Sonntag dauernde, viertägige Ausstellung im Kornhausforum zeigt Fotos aus den ersten beiden Jahren von «Wildwechsel».

Man sieht betörend wuchernde Wildgärten im Steigerhubel und in Bümpliz, man sieht Jugendliche, die im Wyssloch daran arbeiten, für die Erdkröte Lebensraum zurückzugewinnen. Schon fast von tropischer Vielfalt sind die Tier- und Pflanzenarten, die die Belegschaft der Insel auf dem Spitalareal fotografiert und unter dem Hashtag #naturinselspital auf Instagram gepostet haben.

Urbaner Vorwärtsdrang

Die Bilder im Kornhausforum wollen mehr als nur romantische Natur in städtischem Umfeld zeigen. Sie machen auch die Ambition deutlich, dass Biodiversität nicht bloss ein gefälliger Nebeneffekt, sondern im aktuellen Städtewachstum ein bewusstes Bekenntnis zu moderner Urbanität sein soll.

Logisch, dass die raumplanerisch propagierte Siedlungsverdichtung innerstädtische Grünräume unter Druck setzt. «Genau deshalb ist jetzt der Moment, sich bewusst und gezielt mit der Natur innerhalb des Siedlungsraums auseinanderzusetzen», sagt Sabine Tschäppeler. Besonders wichtig seien die Innenhöfe.

Und: Es sei nicht so, dass sich die Interessen von Menschen und Natur innerhalb von Siedlungen zuwiderlaufen. Im Gegenteil: Ein Engagement für Biodiversität könne in Überbauungen auch das nachbarschaftliche Zusammenleben befruchten.

Bildanimationen in der Ausstellung zeigen, wie es in bestehenden Überbauungen im Baumgarten, in Brünnen oder in der Länggasse aussehen könnte, wenn man der Wildnis mehr Beachtung schenken würde als heute. Es sieht urban aus. Richtig urban.

«Wildwechsel». Ausstellung im Kornhausforum, Freitag, 12–17 Uhr, Samstag und Sonntag, 11–17 Uhr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 09:48 Uhr

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