Wegen Chinesen wird das Schlööfle verboten

Wegen des Besuchs des chinesischen Staatspräsidenten wird der Bundesplatz von Sonntag bis Montag zum Sperrgebiet. Betroffen vom Stillstand ist auch die Eisbahn. Pro-Tibet-Aktivisten dürfen nur ausser Sichtweite demonstrieren.

Sperrzone Bundesplatz: Pro-Tibet-Aktivisten im Jahr 2009.

Sperrzone Bundesplatz: Pro-Tibet-Aktivisten im Jahr 2009. Bild: Jürg Spori

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Es gibt jene Staatsgäste, die bemerkt der Normalbürger gar nicht. Etwa den polnischen Präsidenten, der im November zu einem offiziellen Besuch im Bundeshaus empfangen wurde. Keine Hundertschaft der Polizei, ­keine Absperrungen, keine Demonstranten, keine Scharfschützen auf den Dächern. Es war eine Visite, die den Courant normal der Bundesstadt nicht sprengte.

Und dann gibt es jene Besucher, die auffallen. Oder besser gesagt, die Begleiterscheinungen ihres Besuches sind unübersehbar. Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping gehört zu dieser Sorte. Wenn er von Sonntag bis Montag in Bern weilt, herrscht rund um das Bundeshaus der Ausnahmezustand. Die ganze Achse vom Casino-Parking bis zur Christoffelgasse – rund 500 Meter – wird komplett gesperrt sein, inklusive Bundesplatz.

Autofahrer, Fussgänger und sogar der ÖV müssen weichen. Die Polizei kündigt an, an den Zu­gängen zum abgesperrten Sektor Personen- und Fahrzeugkontrollen durchzuführen. In der ganzen Innenstadt müssten Passanten aus Sicherheitsgründen damit rechnen, kontrolliert zu werden. Es sind Zustände, wie man sie vom Weltwirtschaftforum WEF in Davos kennt, an das Xi Jinping nach seinem Bern-Besuch weiterreisen wird.

Ein Kompromiss solls richten

Es ist eine belastete Vorgeschichte, die mit den Visiten der chinesischen Staatsführung einhergeht. Für den Gastgeber ein Spagat zwischen Grundrechten wie der Meinungsäusserungsfreiheit und der Gastfreundschaft. 1999 löste ein Staatsbesuch eine mittlere Staatskrise aus.

Pro-Tibet-Demonstranten, die auf das Dach der UBS geklettert waren, hissten in Sichtweite des damaligen chinesischen Staatspräsidenten ihre Transparente. Dieser war derart erzürnt, dass er den Empfang vor dem Bundeshaus ausfallen liess. «Sie haben einen guten Freund verloren», stauchte er die dama­lige Bundespräsidentin Ruth Dreifuss zusammen.

2009: Um einen erneuten Eklat zu vermeiden, liess der Berner Gemeinderat während eines Ar­beitsbesuches der Chinesen kurzerhand 50 Tibeter verhaften, die zuvor friedlich demonstriert hatten. Dafür hagelte es Kritik.

Nun steht der nächste diplomatische Seiltanz an, denn auch bei diesem Besuch wollen Exil-Tibeter protestieren. Ein Kompromiss soll es richten. Die Aktivisten dürfen am Sonntag zwischen 10 und 12 Uhr auf dem unteren Waisenhausplatz demonstrieren, wie Tenzin Nyingbu, Präsident der Tibetergemeinschaft Schweiz, bestätigt. Der chinesische Staatspräsident dürfte davon nichts mitbekommen, er trifft erst später ein. Sowieso ist der untere Waisenhausplatz vom Bundeshaus aus kaum einsehbar.

Entschädigung für Ausfälle

Tenzin Nyingbu erwartet über 500 Demoteilnehmer. Er hat absichtlich nur die Hälfte seiner 25 Sektionen nach Bern bestellt. «Wenn ich gesagt hätte, es sollten alle kommen, wäre die Lage wohl unkontrollierbar geworden», sagt er. Viele seiner Mitstreiter würden beim Thema China sehr emotional reagieren.

Immer wieder zünden sich Tibeter aus Protest gegen die chinesische Herrschaft in ihrer Heimat selber an. Vergangenen Monat verlief eine solche Selbstverbrennung in der chinesischen Gansu-Provinz tödlich. Plane jemand eine solche Tat, gehe es meist so schnell, dass sie für die Organisatoren kaum zu verhindern sei, so Nyingbu.

Die Behörden versuchen trotzdem, nichts dem Zufall zu überlassen. Fünfmal wurden die Tibeter zu Gesprächen geladen. Drei Sitzungen mit Bundesbern, zwei Sitzungen mit der Stadt und der Kapo. «Wir wollen ja auch nicht, dass die Schweiz unseretwegen einen Schaden erleidet», sagt Nyingbu.

Nicht schadlos dürfte der Staatsbesuch dagegen für jemand anders bleiben: die Schlittschuhläufer. Die Eisbahn auf dem Bundesplatz wird wegen Xi Jinping von Sonntag bis Montagnachmittag geschlossen sein. Schlööfle verboten.

Es sei immerhin mit Bundesbern abgemacht, dass sie für die Einnahmeausfälle eine Entschädigung erhalten würden, sagt Betreiber Mario Imhof. Eine erste Staatskrise – nicht bei der offiziellen Schweiz, sondern den Eisbahnbetreibern – wäre vorerst abgewendet. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2017, 18:39 Uhr

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