Bern

Der Polizist hat richtig gehandelt

Bern Kein Amtsmissbrauch, keine Tätlichkeit, keine Körperverletzung. Ein Berner Kantonspolizist wurde vor Gericht freigesprochen. Er handelte verhältnis- und rechtmässig, als er einen Verdächtigen zu Boden drückte.

Ist ein Berner Polizist unnötig harsch gegen einen mutmasslichen Ladendieb vorgegangen? Darüber muss nun die Einzelrichterin entscheiden.

Ist ein Berner Polizist unnötig harsch gegen einen mutmasslichen Ladendieb vorgegangen? Darüber muss nun die Einzelrichterin entscheiden. Bild: Bruno Petroni

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Die Adventszeit bedeutet Hochkonjunktur für Laden- und Taschendiebe. Um den Langfingern Einhalt zu gebieten, führten drei Polizisten in Zivil in der Berner Altstadt im Dezember 2014 eine Überwachungsaktion durch. Dabei fielen ihnen zwei Männer auf. Diese beiden hasteten eilig von Laden zu Laden, ohne etwas zu kaufen. Wie die Polizisten beobachteten, schenkten sie älteren Menschen und Frauen mit Kinderwagen – beliebte Opfer von Taschendieben – besonders viel Aufmerksamkeit.

Sie gingen jeweils gemeinsam in die Läden, kamen aber gestaffelt wieder heraus. Für die Polizei ein weiterer Hinweis darauf, dass die beiden etwas Illegales im Schilde führen könnten. Die Polizisten entschlossen sich, die Männer zu kontrollieren.Die Kontrolle des einen verlief unauffällig und ohne Zwischenfälle. Ganz anders jene des zweiten Verdächtigten. Sie führte schliesslich zur gestrigen Gerichtsverhandlung.

«Sehr, sehr peinlich»

Gemäss der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft hatte der Polizist den Verdächtigten «grundlos, ohne Vorwarnung und ohne, dass dieser Gegenwehr geleistet hätte, unter Missbrauch seiner Amtsgewalt» zu Boden gedrückt.

Wie der damals Verdächtigte – ein 32-jähriger Iraker – gestern vor Gericht aussagte, sei der Polizist auf ihn zugekommen und habe laut irgendetwas gerufen. Er habe reflexartig eine Abwehr­bewegung mit den Händen gemacht. Der Polizist habe ihn danach zu Boden gedrückt und in Handschellen gelegt. Dabei habe er ihm erhebliche Schmerzen zugefügt – insbesondere am Rücken, wo der Verdächtigte ein chronisches Leiden aufweist. «Ich war überrascht, als er auf mich zu kam», sagte der 32-Jäh­rige, der in einem Restaurant arbeitet. Er empfand den Vorfall als grosse Ungerechtigkeit und Demütigung. In der Altstadt, vor allen Leuten in Handschellen abgeführt zu werden, sei «sehr, sehr peinlich» gewesen, so der Verdächtigte. Finanzielle Forderungen stellte er gestern keine.

Der beschuldigte Polizist schilderte den Verlauf etwas anders. Er habe zweimal «Police Control» gerufen und den Verdächtigten zuerst am Handgelenk und dann am Arm festhalten wollen. Doch dieser habe sich beide Male losgerissen. «Das habe ich als Fluchtversuch oder Gegenwehr gewertet, also habe ich ihn zu Boden geführt.» Hat er dabei mehr Gewalt angewandt als notwendig? «Nein, ganz klar nicht», so der Polizist.

Wie sich herausstellte, war der Verdacht wegen Diebstahls gegen die beiden Männer unbegründet. Die Verdächtigten trugen kein Diebesgut auf sich und sind übrigens auch nicht vorbestraft.

«Rechtmässiger Einsatz»

Richterin Christine Schaer sprach den Polizisten von allen Vorwürfen frei. «Die Polizei muss eingreifen können, wenn ein Verdacht besteht.» Der Beschuldigte führte den Verdächtigten zu Boden, um zu verhindern, dass sich dieser der Kontrolle entziehe, so Schaer. Dass sich der Verdacht im Nachhinein als falsch herausstellte, ändere daran nichts. «Das Verhalten des Verdächtigten passte einfach in das Schema eines Diebes», erklärte die Richterin. Im Nachhinein lasse sich zwar schon mutmassen, ob es wirklich nötig war, den Mann zu Boden zu führen.

Aber: «Polizisten müssen in Sekundenbruchteilen entscheiden», betonte Schaer. Ein ungerechtfertigtes Handeln des Polizisten sei nicht ersichtlich. «Ich erachte die Anhaltung und das zu Boden führen als verhältnis- und rechtmässig.» Auch wenn ein Verdächtigter schulmässig zu Boden geführt werde, könne er gewisse Bles­suren davon tragen, so die Rich­terin. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.05.2016, 19:32 Uhr

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