Frutigen

Bärtschi und das Abenteuer seines Lebens

FrutigenDer Frutiger Kevin Bärtschi (27) ist unterwegs, seit zehn Monaten. Aktuell ist der Weltenbummler in Thailand. Im australischen Darwin – nach 26 Ländern und über zwölf Monaten – will er seine jüngste Tour abschliessen.

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Kevin Bärtschi, kann man süchtig nach der weiten Welt sein?
Kevin Bärtschi: Ja, ich glaube, das kann man. Ich bin ein gutes Beispiel dafür, und es geht nicht nur mir so. Wenn ich von einem Abenteuer zurückkehre, denke ich, dass ich nun meine Reiselust vorerst gestillt habe. Es dauert aber nicht lange, und schon nagt das Fernweh wieder an mir.

Und dann beginnt die Planung?
Waren da nicht noch diverse Orte, welche ich auch noch entdecken wollte? Die Liste wird nie kürzer. Und sollte mal irgendwann alles abgefahren sein, möchte man definitiv wieder zurück an die Orte, die so toll waren, und schauen, ob es immer noch gleich aussieht, riecht, Bekanntschaften treffen und nochmals das köstliche Essen geniessen.

Also treibt Sie die Sehnsucht nach Abenteuer?
Vielleicht ist es weniger die Sucht nach der grossen weiten Welt, sondern das Verlangen nach persönlicher Horizonterweiterung, Ausbrechen aus dem Alltag und die Sehnsucht nach dem Gefühl von Freiheit und keinen Verpflichtungen. Mit dem eigenen Motorrad die Welt erkunden klingt wie ein Bubentraum, ein Traum, den ich lebe.

Das liest sich sehr begeisternd . . .
Es gibt Momente, in denen ich laut unter meinem Helm singe. So zum Beispiel, wenn ich auf einer schönen Strasse fahre, wenn ich eine weitere Grenze überquert habe und ein neues Land betrete oder atemberaubende Landschaften auf mich wirken lasse. Da realisiere ich, was ich erlebe. Ich merke, dass es nicht ein Traum ist. Diese Momente sind unbeschreiblich und sehr erfüllend. Ich liebe das Abenteuer und das Ungewisse. Kein Tag ist gleich, es gibt keinen Alltag, und es vergeht kein Moment mit Langeweile.

«Mit dem eigenen Motorrad die Welt erkunden klingt wie ein Bubentraum, ein Traum, den ich lebe.»

Das Berner Oberland ist Ihnen ganz klar zu klein . . .
Wir leben in einer der schönsten Regionen und haben einen hohen Standard. Doch manchmal muss man seine Komfortzone verlassen, um wieder schätzen zu lernen, wie gut wir es haben und was für ein schöner Fleck das Oberland ist. Heimweh ist für mich die Bestätigung, dass ich zu Hause ein anderes, aber ebenso glückliches Leben führe. Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich nach dem Vertrauten und einem geregelten Alltag sehnt.

Neue Länder und Kulturen bringen neue Erfahrungen. Gibt es unerfreuliche Ereignisse?
Nicht wirklich. Das unerfreulichste Ereignis bisher war in Burma, als ich in einer Reise­gruppe mit Guide das Land durchquerte. Dort hatte ich eine Panne und musste mein Motorrad auf einen Truck laden, um es bis an die thailändische Grenze zu befördern. Die Mitfahrt mit einem Tourguide erwies sich aber als sehr unterhaltsam und erschien mir als gelegene Abwechslung zum Motorradfahren. Die prägendste Erfahrung war für mich jedoch das Reisen in Indien. Hier erlebte ich eine Achterbahnfahrt meiner Gefühle.

Konkret?
Mehrere Wochen Motorrad fahren – ohne die Sonne zu sehen wegen des Smogs – ist unschön. Die Luftverschmutzung schlug auf meine Gesundheit. Die Geldentwertung verbreitete Chaos und erschwerte das Reisen ge­waltig. Die überfüllten, ohren­betäubenden und unorganisierten Zustände auf den Strassen ­Indiens waren auch für mich als erfahrenen Motorradfahrer stressig. Ich wurde von Reizen überflutet und stand vor interkulturellen Herausforderungen, die es spannend machten, aber auch sehr viel Energie raubten.

Sie haben 23 Länder durch­fahren, sind jetzt in Thailand. Wo möchten Sie länger bleiben?
Das Himalaja-Gebirge und Kirgistan haben mir landschaftlich besonders gut gefallen. Doch das Highlight der Reise waren die fast zwei Monate im Iran. Leider haben viele Leute ein völlig falsches Bild der Islamischen Republik. Das Land hat mich sehr inspiriert, und dorthin werde ich bestimmt zurückkehren.

«Heimweh ist für mich die Bestätigung, dass ich zu Hause ein anderes, aber ebenso glückliches Leben führe.»

Was stimmt denn an unserem Bild vom Iran nicht?
Es sind nicht nur die eindrück­lichen Moscheen mit ihrer friedlichen Stimmung in den Innenhöfen, die saftig grünen Stadt­pärke, die lebhaften Basare, die Bauwerke der Antike oder das ­gute Essen, die dieses Land zu einem der schönsten Länder für Reisende machen. Es sind vor allem die Leute, die es ausmachen. Ich kenne kein anderes Volk, das so gastfreundlich ist wie die Perser.

Sehr oft wurden wir zum Essen oder Übernachten einge­laden. Täglich wurden wir mit Früchten, frischem Brot, Süssigkeiten oder kühlen Getränken beschenkt; Restaurantrechnungen wurden von anderen Gästen beglichen, oder ein Hotelaufenthalt wurde uns bezahlt.

Sind Ihnen auf der langen Reise viele Schweizer begegnet?
Ja, wir habe einige Schweizer getroffen. Am Schweizer Nationalfeiertag begegnete wir Silvia und Thomas, mitten im Nirgendwo in Turkmenistan. Es reichte leider nur für einen kurzen Kaffeeschwatz, da wir das Land in fünf Tagen durchquert haben mussten. In Osch in Kirgistan bei einem Schweizer Mechaniker lernte ich Liliana und Emil kennen.

Die beiden sind seit dem 18. Oktober 1984 mit ihrem Land Cruiser unterwegs. Sie sind Halter von drei Weltrekorden. Sie haben 188 Länder bereist und über 800'000 Kilometer mit demselben Auto zurückgelegt. Und in Luang Prabang in Laos traf ich einen Genfer, welcher die Strecke von Hongkong nach Laos zu Fuss zurückgelegt hat. Sein Ziel ist, bis in die Schweiz zu marschieren.

«Ich kenne kein anderes Volk, das so gastfreundlich ist wie die Perser.»

Sie sind nicht das erste Mal auf einer grossen Tour: Südamerika, Australien und Asien haben Sie schon mit Auto, Motorrad oder mit dem Rucksack erkundet. Wohin geht es als Nächstes?
Da ich mein Motorrad für einige Zeit in Darwin unterbringen werde, wird mein nächstes Projekt Australien heissen. Ich werde im Sommer zurückkehren in die Schweiz, einige Monate arbeiten und wieder zurückfliegen, um den roten Kontinent komplett zu umrunden. Was dann kommen wird, ist ungewiss. Irgendwann möchte ich aber noch von Alaska nach Ushuaia fahren.

Einmal quer durch die Welt und dann zurück ins Oberland. Was machen Sie als Erstes bei der Rückkehr?
Das habe ich mir ehrlich gesagt noch gar nie überlegt. Ich freue mich, meine Familie wiederzusehen, die mich auf meiner ganzen Reise unterstützt hat. Ohne meine Eltern, die die ganze adminis­trative Arbeit, welche sich zu Hause ansammelt, für mich er­ledigen, wäre eine solche Reise wesentlich komplizierter. Und auf Muttis Küche freue ich mich besonders!

Kevin Bärtschi (27) hat bei der BLS Forstwart gelernt und arbeitete bei Swiss Helicopter und Heliswiss International als Flughelfer. Die Reise auf Facebook: Knastbros Travel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 16:57 Uhr

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