Thun

«Der Reiz ist, möglichst viele Leute zu belästigen»

ThunAm Freitag um 10 Uhr startet die 58. Schweizer Künstlerbörse. Nebst Helfern, Künstlerinnen und Technikern schwitzen vor und auf der Bühne bis zum Sonntag auch die Moderatoren. Zu ihnen gehört Renato Kaiser. Der Poetry-Slammer sagt 18 Auftritte an.

Renato Kaiser,  Poetry-Slam-Schweizermeister 2012, moderiert in Thun.

Renato Kaiser, Poetry-Slam-Schweizermeister 2012, moderiert in Thun. Bild: zvg

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Während die Künstlerinnen und Künstler je 20 Minuten Präsenz für ihren Programmausschnitt erhalten, gehört Ihnen die Bühne im Schadausaal und im Lachensaal während dreier ­Tage. Eine grosse Kleinkunstehre für Sie als Poetry-Slam-Schweizer-Meister 2012?
Renato Kaiser: Ja, klar! Das ist toll. Aber trotzdem: Das Publikum darf mich in erster Linie als Moderator erwarten und erst in zweiter Priorität als Künstler.

Welches Ziel haben Sie sich für die drei Tage gesetzt?
Mein Ziel ist, dass die Kunstschaffenden den bestmöglichen Auftritt haben. Die eine oder ­andere künstlerische Einlage werde ich mir aber kaum verkneifen können. (lacht)

Das gehört doch eh dazu.
Schon, aber es ist eine grosse Verantwortung. Stellen Sie sich vor, ich würde einem hoffnungsvollen Kleinkünstler seine 20 Minuten versauen oder zumindest teilweise. Dies nur, weil ich zu wenig vorbereitet wäre oder unbedingt den einen Joke machen musste, der dann aber die Stimmung im Saal völlig herunterziehen würde.

Internationale Kleinstkunst als bunter Blumenstrauss, und an Ihnen ist es, 18 unterschiedliche Acts und Formationen in mehreren Sprachen vorzustellen: Wie haben Sie sich vor­bereitet?
Die Vorbereitungen begannen vor gut einem halben Jahr, gleich nach der Anfrage von der KTV ATP, der Dachorganisation der Schweizer Kleinkunstszene und Organisatorin der Künstlerbörse. Zuerst war es vor allem gedanklich, hier ein Stichwort, da eine Idee . . . einige Künstler kannte ich, andere nicht. Schliesslich teilten wir – das Moderationsteam mit Lionel Frésard sowie Gerardo und Naïma und mir – uns die Auftretenden je nach Präferenzen und teilweise je nach Sprache untereinander auf.

«Wie üblich bereite ich mich so perfekt vor, wie es geht.»

Ist jeder Satz, jedes Wort und ­jeder Gag bis ins Detail geplant, oder geben Sie sich als Poetry-Slammer auch spontan ein?
Wie üblich bereite ich mich so perfekt vor, wie es geht. Denn im Improvisieren bin ich noch nicht besonders gut, da arbeite ich noch dran. (lacht) Vielleicht wird in Thun mein Improvisations- und Reaktionsvermögen auf eine harte Probe gestellt, wer weiss.

Entstehen Ihre Texte rasch?
Manchmal schreibe ich einen Text in wenigen Stunden, manchmal brauche ich Tage, Wochen, ja Monate dafür. Grundsätzlich sage ich aber: Ein Slam-Text sollte in zwei, drei Tagen machbar sein.

Inwiefern ist für Sie die Spoken-Word-Kunst auch Kleinkunst?
Ehrlich gesagt überlege ich mir nie, was Kleinkunst ist und ob Spoken Word es ist oder nicht. Für mich ist Kleinkunst Kunst, die in kleineren Räumen stattfindet und daher nahe am Publikum ist. Poetry-Slams sind Dichterwettbewerbe, bei denen dem Publikum Gedichte und Geschichten entgegengeworfen, -gebellt, -geflüstert und -gesprochen werden – meist in kleineren Räumen, weshalb wir wohl tatsächlich zur Kleinkunst zählen. (schmunzelt)

Wie gross ist Poetry-Slam international mittlerweile eigentlich geworden?
Der bisher grösste Poetry-Slam der Welt fand auf der Hamburger Trabrennbahn 2015 vor über 5000 Leuten statt.

Wie nervös sind Sie?
Grundsätzlich bin ich vor jedem Auftritt nervös – mit dieser Ehre nun noch ein bisschen mehr als sonst. Da ich normalerweise in erster Linie Künstler und nicht Moderator bin, ist es für mich eine ungewohnte Situation.

«Manchmal schreibe ich einen Text in wenigen Stunden, manchmal brauche ich Tage, Wochen, ja Monate dafür.»

Ist es Ihr erster Auftritt in Thun?
Nein, nein. Ich kenne die Stadt ziemlich gut. Im Mokka findet einer der legendärsten Poetry-Slams der Schweiz statt, und da trat ich schon häufig auf. Auch mit dem KKThun fühle ich mich vertraut.

Wie kommt das?
An der Schweizer Künstlerbörse durfte ich 2010 mein erstes Bühnenprogramm vorstellen, agierte einmal als Künstlerbörsenchronist und trat ein, zwei weitere Male in anderer Funktion auf, so etwa als Vertreter des Gastkantons St. Gallen. Ich habe nur gute Erinnerungen an Thun!

Was verstehen Sie unter Spoken-Word-Künstler genau?
Ein Spoken-Word-Künstler ist einer, der auf der Bühne spricht und dessen Beiträge im besten Falle von der Performance, vom Ausgesprochenwerden leben oder wenigstens profitieren.

Zudem bezeichnen Sie sich als Comedian, Satiriker und Autor und sind auch Präsident von Spoken-word.ch. Wie bringen Sie dies alles unter einen Hut?
Im Moment weiss ich auch nicht, wie ich alles unter einen Hut bringe. (lacht) Manchmal bin ich das eine, manchmal alles zusammen. Seit ich vor einem Jahr begann, auch Internetvideos zu machen, ist die Aufmerksamkeit mir gegenüber zusätzlich gewachsen. Das ist natürlich schön, doch es überfordert mich zum Teil auch.

Und was tun Sie, wenn Sie für sich und privat sind?
Dann verbringe ich einen schönen Abend mit meiner Freundin oder gehe mit meinem Hund spazieren. Da halte ich dann vielleicht auch einmal meinen Mund.

Erstmals standen Sie 19-jährig im März 2005 auf der Bühne und gewannen in Winterthur in jenem Jahr auch gleich ihren ersten Slam. Wirkt der steile Einstieg nach?
Vor meinem ersten Auftritt dachte ich bis kurz vorher: «Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Du stehst jetzt nicht auf diese Bühne!?», und dann gings doch. Den Sieg habe ich in vollen Zügen ­genossen, doch ansonsten weiss ich nicht mehr viel.

«Drei Tage an der Schweizer Künstlerbörse in Thun zu sein, mit all diesen schrägen Vögeln und liebenswürdigen Menschen und vielen Freunden, ist einfach ein grosser Spass.»

2012 waren Sie Poetry-Slam-Schweizer-Meister. Was reizt Sie an dieser Form des Ausdrucks?
Wie viele bin ich da reingerutscht. Ich habe davon gehört, es hat mich interessiert, es gab eine offene Liste, ich habe mich eingetragen, voilà! Wahrscheinlich bin ich Poetry-Slammer geworden, weil ich ein ziemlich grosses Mitteilungsbedürfnis habe. Und der Reiz daran ist, mit diesem möglichst viele Leute zu belästigen.

Gibt es Vorbilder?
Es gibt Dutzende, aber ich picke jetzt einfach mal eine raus, und das ist Hazel Brugger. Nicht nur ist ihr Humor besonders intelligent, ihre Art zu schreiben herausragend und ihre Bühnenpräsenz beeindruckend. Dazu meistert sie all diesen Hype, all diese Aufregung um ihre Person völlig souverän und gelassen und macht einfach weiter ihr Ding. Hazel Brugger ist krass. Und äusserst liebenswert.

Ist sie für Sie die beste Spoken-Word-Künstlerin der Welt?
Für mich ist es derzeit gerade ­Nora-Eugenie Gomringer. Ihre Texte sind brillant und ihre Auftritte atemberaubend und beides zusammen allen zu empfehlen.

Gibt es ein persönliches Ziel?
Ich habe weder Ziele noch Träume. Aber mein Plan ist, dass mein Soloprogramm, meine Lesebühnen in Biel und Bern sowie meine monatliche Satireshow «Kaiser-Schmarren» im Casino-Theater so gut weiterlaufen wie bisher.

Zurück zu Ihrem ersten Auftritt heute um 13.15 Uhr: Auf was freuen Sie sich am meisten?
Auf diesen ganzen verrückten Haufen! Drei Tage an der Schweizer Künstlerbörse in Thun zu sein, mit all diesen schrägen Vögeln und liebenswürdigen Menschen und vielen Freunden, ist einfach ein grosser Spass.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.04.2017, 21:57 Uhr

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