Region Thun

Er wollte die Joggerin nicht vergewaltigen

Region ThunEin junger Mann hat vor bald vier Jahren eine Joggerin angefallen und betatscht. Der Mann habe zwar aus sexuellen Motiven gehandelt, befand das Obergericht. Es sei aber keine versuchte Vergewaltigung gewesen.

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Es war ein Sommerabend. Eine junge Frau joggte entlang der Zulg in Steffisburg. Dabei begegnete sie einem Spaziergänger, der derart in Gedanken versunken war, dass er ihren Gruss nicht abnahm. Die Frau dachte sich nichts dabei, sondern lief weiter ihre Runde.

Als sie etwas später den gleichen Weg zurückrannte, passierte es. Der Mann fiel sie an und drückte sie zu Boden. Dann legte er sich auf sie, zog ihr die Jogginghose soweit runter, dass er sie im Hüftbereich küssen konnte. Auch betatschte er sie. Die schockierte Joggerin liess sich dies nicht gefallen. Sie schrie um Hilfe und kniff den Angreifer, bis er von ihr abliess. Dann suchte sie das Weite.

Die Frau leidet bis heute unter dem Vorfall. Sie geht nicht mehr allein joggen, und auch im öffentlichen Verkehr fühlt sie sich teilweise unwohl.

Freispruch – oder dochversuchte Vergewaltigung?

Vor knapp einem Jahr war der Mann für seinen hinterhältigen Angriff von der Thuner Einzelrichterin verurteilt worden. Ihm wurde wegen sexueller Nötigung und Pornografie eine bedingte Geldstrafe von 190 Tagessätzen à 30 Franken (5700 Franken) aufgebrummt. Doch damit waren weder die Staatsanwaltschaft noch die Verteidigung zufrieden. Deshalb kreuzten die Parteien am Montag vor dem Obergericht erneut die Klingen.

Die Positionen lagen weit auseinander. Der Pflichtverteidiger forderte einen Freispruch. «Es war unrecht, was er getan hat», stellte der Anwalt zwar klar. Aber sein Mandant, der damals viele Pornos – teilweise mit illegalem Inhalt – konsumierte, habe nicht mehr zwischen Fantasie und Realität unterscheiden können. «Er brauchte Nähe.» Auch wenn er sich nach Berührungen gesehnt habe, so wollte der Verteidiger keine sexuelle Absicht ausmachen können. «Die Tat war zudem ein spontaner Entschluss.»

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Staatsanwalt die Angelegenheit anders taxierte. «Der Überfall war geplant, wenn auch nicht von langer Hand.» Er erkannte beim Angeklagten auch keine aufrichtige Reue. Dass er in der Vergangenheit als Exhibitionist in Erscheinung getreten war und auch Passantinnen schon mal unvermittelt an die Brüste gefasst hatte, passte laut Staatsanwalt ins Bild.

«Er wollte mehr als nur Berührungen und Küsse.» Vergewaltigungsszenen in Pornofilmen hätten ihn erregt. «Sie dienten ihm als Vorlage für den Überfall.» Der Staatsanwalt forderte schliesslich wegen versuchter Vergewaltigung eine unbedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten.

«Ich liess los, als ich realisierte, was abging»

Der Angeklagte gab sich vor dem Obergericht selbstkritisch. «Es war ein grosser Fehler.» Er könne sich nicht erklären, wie es dazu kommen konnte. Plötzlich sei ihm bewusst geworden, was er mache. «Ich liess los, als ich realisierte, was abging.» Unterdessen sei er ein anderer Mensch geworden. Er habe in der Therapie gelernt, sich besser einzuschätzen. Er schaue zwar ab und zu noch Pornos, aber nur noch legale. Weiter habe er eine Lehre in einer Druckerei begonnen. «Es gefällt mir dort.» Er sei nun daran, seine Zukunft aktiv zu gestalten.

Das Obergericht wollte ihm diese nicht zerstören. «Sie sind auf einem guten Weg, aber noch längst nicht am Ziel», sagte Gerichtspräsidentin Irene Graf. Das Urteil sei ein Schuss vor den Bug. Die Tat sei aber nicht zu bagatellisieren, leide das Opfer doch noch heute unter den Geschehnissen von vor vier Jahren.

Beim Überfall habe es sich aber nicht um eine versuchte Vergewaltigung gehandelt. Es sei noch hell gewesen, und die Tat hätte sich auf einem öffentlichen Weg zugetragen. «Ort und Zeitpunkt waren also nicht geeignet.» Auch habe die Tat weniger als eine Minute gedauert, und der Mann hätte noch mehr Gewalt anwenden können, wenn er es gewollt hätte.

Das Obergericht verurteilte den Mann schliesslich wegen sexueller Nötigung und Pornografie zu einer bedingten Geldstrafe von 190 Tagessätzen à 30 Franken. Die Probezeit wurde auf vier Jahre festgesetzt. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 15.05.2017, 20:56 Uhr

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