Mit Zusatzversicherten machen die Spitäler Kasse

Weil privat und halbprivat versicherte Patienten für ­Spitäler lukrativ sind, werden sie öfter operiert – wohl auch ­öfter unnötig oder zumindest verfrüht. Eine Auswertung des Bundes gibt diesem Vorwurf neue Nahrung.

Privatpatientin nach der Operation: Spitäler verdienen gutes Geld, wenn sie Zusatzversicherte länger als nötig im Spital behalten.

Privatpatientin nach der Operation: Spitäler verdienen gutes Geld, wenn sie Zusatzversicherte länger als nötig im Spital behalten. Bild: Getty Images

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Eines ist sicher: Patienten mit einer Zusatzversicherung sind in Spitälern äusserst gern gesehene Gäste. Während die Fallpauschalen, die von der Grundversicherung und den Kantonen bezahlt werden, stark unter Druck stehen, können die Spitäler mit ­Privat- und Halbprivatpatienten richtig schön Geld verdienen.

Das lässt sich an einem Beispiel aus einer neuen Studie der Beratungsfirma PWC illustrieren: Demnach erhält ein Spital für eine Krampfaderoperation eine Fallpauschale von circa 6000 Franken. Bei Allgemeinver­sicherten bleibt es dabei.

Hat der Patient hingegen eine Zusatzversicherung, nimmt das Spital zusätzlich noch einmal rund 4000 Franken ein. Beides gilt im Fall einer stationären Behandlung, wenn also der Patient über Nacht im Spital bleibt.

Mehr als 30 Prozent Gewinnmarge

Wie lukrativ Zusatzversicherte sind, belegt eine Auswertung der Gesundheitsdirektion (GD) des Kantons Zürich. Im Durchschnitt über ­alle Diagnosen erzielen Spitäler bei der Behandlung Zusatzversicherter eine Gewinnmarge von mehr als 30 Prozent, wie Tobias Wolf von der GD sagt.

Somit liegt der Verdacht nahe, dass Spitäler Zusatzversicherte speziell häufig behandeln. Das Gleiche gilt für die beteiligten Ärzte. Da die Zusatzversicherungen die freie Arztwahl umfassen, können die Kaderärzte in diesen Fällen persönliche Honorare dazuverdienen.

Führt dies dazu, dass Zusatzversicherte schneller unters Messer kommen als Grundversicherte? Dass Ärzte sie teilweise zu früh oder sogar un­nötig operieren, obwohl jeder Eingriff ein Risiko birgt? Eine neue Analyse des Bundesamts für Gesundheit (BAG) fasst dazu die verfügbaren Zahlen zusammen. Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Wer nicht unnötig operiert werden will, muss seine Zusatzversicherung kündigen. Das BAG listet Eingriffe auf, die bei Zusatzversicherten zum Teil massiv häufiger vorgenommen wurden als beim Rest der Bevölkerung.

«Komplexe Eingriffe am Kniegelenk» zum Beispiel: Hier war die Operationshäufigkeit bei Zusatzversicherten mehr als doppelt so hoch wie bei Grundversicherten. Von 100 000 Zusatzversicherten wurden 825 operiert, bei den Grundversicherten nur 383.

Andere Beispiele sind weniger spektakulär, aber immer noch eindrücklich. Bei «Eingriffen an Extremitäten» lag die OP-Wahrscheinlichkeit 1,7-mal höher, bei «Revision oder Ersatz des Hüftgelenks» 1,3-mal.

Der definitive statistische ­Beweis fehlt

Auffällig ist, dass der Grossteil der Eingriffe, die bei Zusatzver­sicherten häufiger vorkommen, planbar ist. Damit sind sie für Spitäler finanziell besonders interessant – ganz im Gegensatz zu Notfallleistungen, die ­hohe Fixkosten erfordern, während die Einnahmen ungewiss sind. Planbare Behandlungen kommen bei Orthopäden oft vor, die daher regelmässig im Verdacht stehen, rasch zum Skalpell zu greifen.

Letztlich bleibt der schwere Vorwurf, dass Spitäler und ihre Ärzte Zusatzversicherte aus wirtschaftlichen Motiven vorschnell oder unnötig operieren, im Raum stehen. Statistisch definitiv belegen lässt er sich nicht. Selbst die Zürcher GD, die mit ihren Arbeiten schweizweit führend ist, kann dazu keine erhärteten Erkenntnisse vorweisen.

Und auch BAG-Vizedirektor Oliver Peters räumt ein, in vielen Fällen sei nicht klar, ob ein Eingriff nötig sei oder ob man ihn aufschieben und am Ende vielleicht ganz darauf verzichten könne. Aber: «Unsere Zahlen deuten darauf hin, dass bei den betroffenen Wahlein­griffen Patienten mit Zusatzversicherung eher operiert beziehungsweise eher stationär operiert werden.» Die höheren Operationsraten seien umso erstaunlicher, als man aus anderen Studien wisse, dass Zusatzversicherte insgesamt gesünder seien als Allgemeinversicherte.

Die Ärzte argumentieren oft, der Wunsch nach einem Eingriff gehe stark von den Patienten aus. Daran glaubt Oliver Peters nicht: Patienten vertrauten in erster ­Linie dem Rat des Arztes. Deshalb bleibt Peters dabei: «Zusatzversicherte sind bei gewissen Wahleingriffen stärker dem Risiko ausgesetzt, vorschnell oder unnötig stationär operiert zu werden.»

Zusatzversicherte werden gerne über Nacht behalten

Was sagen die Ärzte dazu? Dass die kritisierten Spezialärzte die Vorwürfe zurückweisen, versteht sich von selbst. Interessanter und differenzierter ist, was die unverdächtigen Hausärzte sagen (siehe Kasten).

In einem Punkt sind sich jedoch alle befragten Ärzte und Spitalvertreter einig: Aus ihrer Sicht ist die Analyse des BAG grundsätzlich unbrauchbar, da sie nur stationäre Behandlungen umfasst, nicht aber ambulante. Das ist in der Tat ein Problem, da ein Teil der Eingriffe, bei denen das BAG auf Auffälligkeiten gestossen ist, auch ambulant vor­genommen werden kann.

Diese Fälle tauchen in der Analyse aber gar nicht auf. Das BAG bestreitet dies nicht, hält aber fest: «Die meisten der genannten Eingriffe werden in der Regel stationär durchgeführt.» Deshalb wird aus Sicht des Bundesamts für Gesundheit die Aussagekraft der Analyse durch das Fehlen der ambulanten Eingriffe lediglich geschmälert.

Die Analyse bestätigt zudem eine Art Nebendiagnose, die weitgehend unbestritten ist: ­Sogar Ärzte und Spitalmanager geben zu, dass Spitäler Zusatzversicherte aus ­finanziellen ­Motiven gerne über Nacht im Haus behalten. Wenn sie einen Privatpatienten ambulant behandeln, entgehen ihnen die beträchtlichen Zusatzeinnahmen.

Deshalb werden Zusatzver­sicherte zum Teil auch dann stationär behandelt, wenn das ambulant möglich wäre. Oder anders gesagt: In leichteren Fällen, in denen ein Allgemeinversicherter das Spital noch am Tag des Eingriffs verlässt, bleibt der Zusatzversicherte vielleicht noch eine Nacht dort.

Zürcher Regierung zieht die Schraube an

Das ist zwar weniger gravierend als ein unnötiger Eingriff, aber immer noch problematisch. Stationäre Behandlungen sind generell markant teurer als ambulante. Und auch wenn es hier um Privat- und Halbprivatversicherte geht, übernimmt die Zusatzver­sicherung bei weitem nicht die vollen Mehrkosten.

Auch hier begleichen die Grundversicherung und die Kantone mit den Fallpauschalen den Grossteil der Kosten. Die Zusatzversicherung bezahlt nur die teurere Hotellerie und die Kosten der freien Arztwahl. Somit führen unnötige stationäre Behandlungen zu Mehrkosten, welche die Allgemeinheit tragen muss.

Die Zürcher Kantonsregierung will das nicht länger hinnehmen. Sie ist bereit, neue Wege zu gehen, um diese Ertrags­optimie­rung der Spitäler zu unterbinden. Die Regierung plant derzeit eine Regelung, die es so noch nirgends in der Schweiz gibt – und die man durchaus als Misstrauensvotum gegenüber der Ärzteschaft aus­legen darf: In Zukunft könnte der Kanton verbindlich definieren, welche Untersuchungen und welche Behandlungen grundsätzlich nur noch ambulant gemacht werden dürfen. Wenn ein Spital sich nicht daran hält, zahlt der Kanton Zürich nichts mehr an die stationären Kosten. Das letzte Wort dazu hat jedoch der Kantonsrat.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.08.2016, 07:52 Uhr

Hausärzte zwischen Vertrauen und Skepsis

Werden Zusatzversicherte unnötig oft operiert? Die Antwort kennen am ehesten die unverdächtigen Hausärzte. Sie nehmen ihre Kollegen in Schutz, ­äussern aber auch Zweifel.

Hausärzte sind die idealen Zeugen. Zum einen wird ein Grossteil der Patienten, die im Spital operiert werden, von ihnen überwiesen. Zum anderen sind sie unverdächtig: Hausärzte verdienen keinen Rappen mehr, wenn sie zusatzversicherte Patienten behandeln, und kommen insofern auch nicht in Versuchung. Deshalb können sie am ehesten beurteilen, ob Zusatzversicherte in Spitälern oft vorschnell oder sogar unnötig behandelt werden. Die Antwort ist nicht eindeutig.

Marc Müller, Präsident des Verbands der Haus- und Kinderärzte, nimmt die Spezialärzte klar in Schutz. Er betont, die Hausärzte schauten genau darauf, an welche Spezialisten sie ihre Patienten überweisen würden. «Ein Spezialist, der überflüssige Operationen durchführt, wäre sehr schnell weg vom Fenster.» Zudem weist Müller auf die Rolle der Patienten hin, die zum Teil von sich aus eine Operation wünschten, sei es, weil sie im Internet oder in den Medien dazu animiert werden, sei es aus Angst, zum Beispiel vor einer natürlichen Geburt, weshalb die Wahl auf einen Kaiserschnitt fällt. Müller räumt ein, es gebe unter den Spezialärzten wohl «schwarze Schafe», aber das sei eine kleine Minderheit.

Eine etwas andere Erfahrung hat der Vizepräsident des Verbands, Philippe Luchsinger. Das mag damit zu tun haben, dass Luchsinger in Affoltern am ­Albis im Grossraum Zürich eine Praxis führt, während Müller in Grindelwald im Berner Oberland tätig ist, wo die Spezialistendichte deutlich geringer ist. Luchsinger hält fest, dass gerade ­Zusatzversicherte häufig direkt zum Spezialarzt ihrer Wahl gehen, ohne vorher einen Hausarzt zu konsultieren. Einen Grund für die häufigeren Eingriffe sieht Luchsinger bei den Zusatzversicherten selber: Das seien in der Regel Personen mit höherem Einkommen und verantwortungsvollem Job, die wenig anfangen könnten mit der eher konservativen, abwartenden Hausarztmedizin, sondern dem Motto folgen würden, dass «etwas gemacht werden» müsse.

Oft gingen sie direkt zu den Spezialärzten, und das seien nun mal gerade in der Orthopädie Ärzte, die operieren. «Da treffen also schon mal zwei zusammen, die gerne vorwärtsmachen», folgert Luchsinger. Ob die Ärzte dabei immer korrekt vorgehen oder auch mal vorschnell operieren würden, könne wegen fehlender wissenschaftlicher Daten nicht beantwortet werden. Luchsinger hegt zumindest Zweifel. Aus persönlicher Erfahrung wisse er, dass vor allem bei Wirbelsäuleneingriffen in den letzten Jahren zu rasch Eingriffe empfohlen worden seien.

Hausarzt Luchsinger findet, dass Kantone und Krankenkassen all diese Fragen in Zukunft genauer untersuchen sollten, damit unnötige Eingriffe generell vermieden werden könnten – nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern vor allem im Interesse der Patienten.

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