Armee hält an Pannenprojekt fest

Doch kein Übungsabbruch beim 700-Millionen-Flop: Die Armee betreibt das Informationssystem FIS Heer weiter – wenn auch mit «markanter Einbusse».

Macht Abstriche: Armeeminister Ueli Maurer scheint zum Kompromiss bereit. (Archivbild)

Macht Abstriche: Armeeminister Ueli Maurer scheint zum Kompromiss bereit. (Archivbild) Bild: Keystone

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Es war eine schwierige Entscheidung für Armeeminister Ueli Maurer. Er stand vor der Wahl, entweder einen Abschreiber von 700 Millionen Franken hinzunehmen oder zusätzliche Millionen in ein über weite Strecken untaugliches System zu stecken. Ende letzten Jahres liess Maurer durchblicken, dass er nicht abgeneigt wäre, das Führungsinformationssystem (FIS) Heer – eine computerbasierte Kommandodatenbank für die vernetzte Echtzeitführung – zu beerdigen. Nun ist klar: Er will grundsätzlich daran festhalten.

Jedoch soll der Einsatzbereich des Systems stark eingeschränkt werden. Das Militärdepartement VBS habe sich für eine «temporäre Reduktion der Einsatztiefe» entschieden, ist in einem noch unveröffentlichten Zwischenbericht nachzulesen, der dem «Bund» auszugsweise vorliegt.

Nur für grössere Einheiten

Konkret heisst dies, dass nicht wie ursprünglich geplant jede Gruppe, jedes Fahrzeug oder gar jeder einzelne Soldat in das System integriert wird. Ausgerüstet werden sollen nur grössere Einheiten, etwa Kompanien. In der Regel gehören einer Kompanie 100 bis 150 Mann an. Grund für die Beschränkung ist, dass die Datenflut, die das FIS Heer produziert, im mobilen Einsatz nicht bewältigt werden kann. Mit der geringeren «Einsatztiefe» könnten die Telekommunikationssysteme genauso entlastet werden wie die Betriebs- und Instandhaltungsbudgets, hält das VBS im Bericht fest. Gleichzeitig entstehe allerdings eine «markante Einbusse» in der Führungsfähigkeit bei mobilen Einsätzen. Zudem werde das Lagebild weniger präzis.

Die ursprünglichen Leistungsanforderungen könnten erst mit einer «massiven Ausweitung der Kapazitäten für die mobile Telekommunikation erfüllt werden», schreibt das VBS weiter. Bei der Beschaffung des Systems sei dieser Aspekt völlig vernachlässigt worden.

20 Millionen Franken pro Jahr

Wie stark der Weiterbetrieb des FIS Heer das Armeebudget belasten wird, lässt sich offenbar nicht exakt eruieren. Eine vollständige Kostentransparenz sei nicht möglich, ist im knapp 30-seitigen Bericht nachzulesen. Es bestünden Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen den Beschaffungs- und den Betriebskosten. Als Richtwert schätzt das VBS die jährlichen Kosten auf 20 Millionen Franken.

Ob sich die Sicherheitspolitiker mit diesen Angaben zufriedengeben, wird sich nächste Woche zeigen. Die Diskussion des FIS-Heer-Berichts ist für die Sitzung der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates vom Montag traktandiert. Der Ruf nach einem vollständigen Übungsabbruch kam in der Vergangenheit bereits aus verschiedenen Lagern.

«Grosse Unwägbarkeiten»

Die bloss «temporäre» Einschränkung bedeutet, dass ein grosser Teil des beschafften Materials eingelagert wird, bis Klarheit über Verfügbarkeit und Kauf von neuen Telekommunikationsgeräten besteht. Offenbar hofft Ueli Maurer, das System in der weiteren Zukunft doch noch voll einsetzen zu können. Als Option ist im Bericht bereits jetzt die Möglichkeit erwähnt, eine kleine Menge von leistungsfähigen Funkgeräten zu beschaffen. Eine andere Variante sieht vor, das FIS Heer zu Übungszwecken im mobilen Einsatz via das unverschlüsselte Handynetz zu betreiben.

Gleichzeitig ist sich Maurer der Risiken des Weiterbetriebs bewusst. Das FIS Heer stehe vor «grossen Herausforderungen und Unwägbarkeiten» und sei nur «eingeschränkt miliztauglich», steht im Bericht. Jedoch funktioniere es im stationären Bereich und sei bei grossen Übungen bereits erfolgreich eingesetzt worden. Zudem wolle die Schweizer Armee im Bereich der elektronisch unterstützten Führung weiterhin präsent sein. Die nun gewählte Lösung diene der Armee am besten und erbringe für die bislang eingesetzten Mittel einen «optimalen Nutzen». (Der Bund)

Erstellt: 18.08.2012, 08:33 Uhr

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