Interlaken

«Duckmäusertum geht mir auf die Nerven»

InterlakenAm Alpensymposium in Interlaken erklärt Politentertainer Gregor Gysi in einem 20-Minuten-Crash-Kurs die Welt.

«Es gibt keine funktionierende Weltpolitik»:?Gregor Gysi, Bundestags- abgeordneter der Linken, am Dienstag in Interlaken.

«Es gibt keine funktionierende Weltpolitik»:?Gregor Gysi, Bundestags- abgeordneter der Linken, am Dienstag in Interlaken. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das einzige Ministerium, das mich reizen könnte, wäre das Aussenministerium», verriet Gregor Gysi eben im «Spiegel». Was es da so alles zu tun gäbe, skizziert die Ikone der deutschen Linken in Interlaken. «Der Umgang mit Weltproblemen – von Syrien bis hin zur Schweiz», heisst sein Referat. Um die Schweiz aber geht es nur sehr am Rande. Es geht um die Welt.

«Ohne und gegen Russland gibt es keinen Frieden in Europa», ist eine seiner Botschaften. Sanktionen hält er für den «völlig falschen Weg». Dann zur USA: «Es gibt Grenzen. Mit Trump sind sie unterschritten.» Und zu Syrien: «Reden muss man auch mit Assad.» Beiläufig erwähnt er Gespräche in den USA und in Israel, seine Reisen nach China und in den Irak. Dann kommt das Klima dran. Und die Armut.

Ein roter Faden in Gysis Rede ist die Kritik an «seiner» Regierung. «Duckmäusertum geht mir auf die Nerven», erklärt er, weil Berlin in Washington wegen der Spionageaffäre nicht heftiger auf den Tisch klopfte. Später wird er sarkastisch. Als Griechenland und Italien vor einem Jahr auf eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge gedrängt hätten, wollte Berlin nichts davon wissen: «Da verhinderst du vielleicht einen kleinen Nachteil und schon hast du einen riesigen.»

Sein Auftritt in Interlaken ist ein bescheidenes rhetorisches Feuerwerk, wenn man weiss, dass er 2013 als bester Wahlkampfredner ausgezeichnet wurde. Im Bundestag, in den er 1990 erstmals gewählt wurde, kann ihm kaum einer das Wasser reichen. Am Samstag wird Gysi 68 Jahre alt. Doch aufhören ist für den gelernten Melker und Rechtsanwalt aus Ostberlin mit Baselbieter Wurzeln kein Thema.

Bis im Oktober war Gysi Oppositionsführer. Dann hat er den Linken-Fraktionsvorsitz nach zehn Jahren an Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch abgetreten. Ruhiger ist es deswegen für und um ihn nicht geworden. Im Deutschen Theater Berlin, wo er eine eigene Gesprächsreihe hat, empfing er am Sonntag den Toten-Hosen-Sänger Campino. Heute ist er in Karlsruhe, wo am Bundesverfassungsgericht ein Antrag der Linken zu «Minderheiten- und Oppositionsrechten» verhandelt wird. «Bis Juni bin ich ausgebucht», stöhnt er am Alpensymposium. Auf die Frage von Moderator Stephan Klapproth aber, ob er denn mehr aus Pflicht als aus Freude hier sei, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: «Seit Jahren wollte ich immer in Interlaken genau zu Ihnen sprechen».

Und die Botschaft für die Schweiz? «Man kann nicht nur von Banken leben. Die Schweiz muss wieder lernen, links zu wählen.»

Nach 1945 hätte es in Deutschland wirkliche Persönlichkeiten in der Politik gegeben. «Heute gibt es Beamte», stellt er fest. Und wenn es nach 1989 doch wieder ein paar Persönlichkeiten gebe, dann aus dem Osten. Da mag man an Joachim Gauck denken und an Angela Merkel. Und an Gregor Gysi. Neben dem Präsidenten und der Bundeskanzlerin ist er der bekannteste Ossi auf der politischen Bühne – und der präsenteste in den Sofas der TV-Talkshows. So hat es der «bunte Hund» zwar nicht in die Herzen der Menschen, aber in jede deutsche Stube geschafft.

Bundestag und Talkshow, das kann er. Nur Exekutive, das kann er nicht: Nach nur sechs Monaten trat er im Juli 2002 wegen der Bonusmeilenaffäre als Berliner Senator zurück. Ein Comeback würde er wohl höchstens für seinen Traumjob als Aussenminister wagen. Aber dafür sei sein Englisch nicht gut genug, räumt er selbst ein. Und es fehlt ihm die richtige Partei und das richtige Land dafür. Immerhin aber hätte der Politveteran eine Agenda: «Wenn es nicht gelingt, globale Probleme wie Krieg, Hunger und Klima zu lösen, dann wird die Situation unbeherrschbar.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.01.2016, 23:21 Uhr

Artikel zum Thema

Die Kühe in Pink waren ein Flop

Interlaken Unter dem Titel «Vier gewinnt» stand am Dienstag der Unternehmertalk am Internationalen Alpensymposium in Interlaken. Mit dabei war auch der Oberländer Musiker und Fabrikant der schweizweit bekannten hölzernen Kühe, Marc Trauffer. Mehr...

«Ich bin einer, der sehr wenig schreibt»

Interlaken Gleich nach dem Unternehmertalk am Alpensymposiums stand am Dienstag Marc Trauffer dieser Zeitung Rede und Antwort. Mehr...

Blog

Paid Post

Erlebnis- und Eventreisen.

Erleben Sie exklusive Fahrten in faszinierendem Ambiente.

Werbung

Kommentare

Blogs

Foodblog Vietnam im Breitsch

Bern & so Süsser Unge­horsam

Die Welt in Bildern

Artistische Rauchzeichen: Ein Gleitschirmspringer kreist während einer Militärübung in Taiwan durch die Lüfte (17. Januar 2017).
(Bild: Chiang Ying-ying) Mehr...