«Spielsüchtige bauen ein Lügengebilde auf»

Psychotherapeut Franz Eidenbenz sagt, wann die Spielfreude zur Sucht wird und wie er Betroffene therapiert – und warum härtere Gesetze nicht zielführend wären.

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Herr Eidenbenz*, über 75’000 Menschen in der Schweiz spielen exzessiv. Wann wird die Freude am Glücksspiel zur Sucht?
Glücksspielsüchtig wird man in der Regel nach einem Gewinn. Betroffene verfallen dann der Illusion, dass sie das Spiel kontrollieren könnten. Voraussetzungen für eine solche Sucht sind zudem ein inneres Ungleichgewicht sowie ungelöste Probleme aus der Vergangenheit. In der Arbeit mit Betroffenen zeigt sich häufig, dass sie das Glück im Leben nicht auf ihrer Seite hatten. Im Spiel fordern Betroffene das Schicksal heraus und wollen fehlende Anerkennung und Zuwendung mit dem grossen Gewinn kompensieren.

Welche Symptome weisen auf eine Spielsucht hin?
Wer von einem problematischen Spielverhalten in eine Sucht abgleitet, verliert die Kontrolle. Betroffene spielen länger, häufiger und mit mehr Geld, als sie eigentlich wollen. Zudem verzerrt sich ihre Wahrnehmung: Ein nüchtern denkender Mensch weiss, dass er auf Dauer statistisch gesehen Geld verliert. Ein pathologischer Glücksspieler will jeden Verlust durch einen neuen Gewinn kompensieren. Wenn ein solcher eintritt, ist er überzeugt, dass er eine Glückssträhne hat und weiterspielen muss. Das löst eine Negativspirale aus.

Wie wirkt sich die Spielsucht auf das soziale Umfeld aus?
Betroffene halten ihre Spielsucht geheim und bauen ein Lügengebilde auf, um unentdeckt spielen zu können. Wegen ihres hohen Finanzbedarfs borgen oder entwenden sie Geld beim Arbeitgeber, bei der Partnerin oder in der Familie – immer mit der Absicht, dieses wieder zurückzuzahlen. Die Personen im nahen Umfeld müssen deshalb bei einem Verdacht ihre Finanzen prüfen und unter Umständen ihr Konto schützen.

Warum ist der Anteil an problematisch Spielenden bei Jugendlichen fast doppelt so hoch wie in der erwachsenen Bevölkerung?
Jugendliche sind risikofreudiger und können Impulse schlechter kontrollieren als Erwachsene. Das macht sie anfälliger für Versprechungen und Rausch. Grundsätzlich sind Männer viel stärker von der Spielsucht betroffen als Frauen. Dagegen ist beispielsweise die Kaufsucht vorwiegend weiblich.

Wie therapieren Sie Spielsüchtige?
Zum einen bieten wir Gespräche mit dem Betroffenen und seinen Angehörigen an. Der Einbezug des Umfelds ist wichtig, weil dessen Vertrauen häufig missbraucht wurde und Betroffene unter Schuldgefühlen leiden. Zum anderen bieten wir Gruppentherapien an. Für Spielsüchtige ist es wichtig, sich mit anderen Menschen auszutauschen, welche die selben Erfahrungen gemacht haben. Den Weg zu uns finden Betroffene aber oftmals erst, wenn sie finanziell oder sozial stark unter Druck stehen.

In unserem Fallbeispiel hat der Mann über 500’000 Franken verspielt. Bewegt sich dieser Betrag im üblichen Rahmen?
Der Betrag ist hoch, aber durchaus üblich. Die meisten Glücksspielsüchtigen haben Schulden. Die meisten begleichen diese in ein bis drei Jahren. Es gibt aber auch Betroffene, die kaum die Möglichkeit haben, schuldenfrei zu werden.

Müsste das Glücksspiel gesetzlich restriktiver geregelt werden, um die hohe Zahl der Süchtigen einzudämmen?
Eine zu starke gesetzliche Reglementierung birgt das Risiko, dass die illegalen Glücksspielangebote zunehmen würden. Aus der Perspektive der Suchtbehandlung wäre es wünschenswert, stärker auf die Prävention zu setzen und für eine niederschwellige Behandlung genügend Mittel aus den Abgaben von Lotterien und Casinos vorzusehen. Auf diese Weise könnten gerade Jugendliche besser geschützt werden.

* Der Psychologe und Psychotherapeut Franz Eidenbenz ist Leiter der Behandlungsabteilung des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.06.2015, 15:01 Uhr

Der Psychologe und Psychotherapeut Franz Eidenbenz ist Leiter der Behandlungsabteilung des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich.

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