«Arbeitsmarkt ist bereit für Rentenalter 67»

Ökonom George Sheldon kann nicht nachvollziehen, warum Rentenalter 67 bei vielen auf Ablehnung stösst. Die Voraussetzungen für ein höheres ­Rentenalter seien hierzulande nahezu perfekt.

«Die Frage ist nicht, ob wir ­fähig sind, länger zu arbeiten, sondern ob wir ­dazu bereit sind», findet Arbeitsmarktforscher George Sheldon.

«Die Frage ist nicht, ob wir ­fähig sind, länger zu arbeiten, sondern ob wir ­dazu bereit sind», findet Arbeitsmarktforscher George Sheldon. Bild: Keystone

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Bürgerliche und Arbeitgeber schlagen vor, zur Sanierung der AHV das Rentenalter in den nächsten Jahrzehnten schrittweise auf 67 Jahre zu erhöhen. Ist das eine gute Idee?
George Sheldon: Aus Sicht des Arbeitsmarkts spricht jedenfalls nichts dagegen. Es gibt genug Arbeit für alle Generationen. Die Voraus­setzungen für ein höheres Rentenalter sind in der Schweiz fast schon ideal.

Dann stimmt es nicht, dass der Arbeitsmarkt für ein höheres Rentenalter «nicht bereit» sei, wie SP-Sozialminister Alain ­Berset kürzlich sagte?
Ich sehe da tatsächlich keinerlei Probleme. Zunächst einmal muss man wissen, dass der Schweizer Arbeitsmarkt an chronischer Personalknappheit leidet, was die starke Zuwanderung der letzten Jahre erklärt. Der Arbeitsmarkt ist für ältere Erwerbstätige ausgesprochen aufnahmefähig. In kaum einem anderen Land sind so viele 50- bis 64-Jährige erwerbstätig wie in der Schweiz. Auch wenn das immer wieder behauptet wird, gibt es keine Anzeichen dafür, dass Unternehmen die Jüngeren vorziehen. In den 1990er-Jahren gab es zwar einen Trend zu Frühpensionierungen, doch das war eine Ausnahme. Historisch gesehen stimmte die Altersstruktur der Erwerbstätigen immer mit der Altersstruktur der gesamten Bevölkerung überein. Das beweist, dass Firmen nicht auf das ­Alter schauen.

Wollen Sie sagen, Arbeits­losigkeit im Alter sei gar kein ­Problem?
Ein Problem ist, dass Ältere, die ihre Stelle verloren haben, überdurchschnittlich lange arbeitslos bleiben. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist höher. Gleich­zeitig ist jedoch das Risiko, die Stelle zu verlieren, für Ältere vergleichsweise klein. Die Erwerbslosenquote der 50- bis 64-Jährigen liegt aktuell bei 3,2 Prozent, im Vergleich zu 4,5 Prozent bei den 25- bis 49-Jährigen.

Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass es auch in Zukunft genug Arbeit für alle gibt, wenn das Rentenalter auf 67 Jahre steigt?
Ich sehe nicht, wie man daran zweifeln kann. Wir haben in der Schweiz einschlägige, absolut positive Erfahrungen mit Er­höhungen des Rentenalters. Ab 2001 haben wir das Rentenalter der Frauen von 62 auf 64 Jahre angehoben. Auch damals warnten viele vor einer steigenden Arbeitslosigkeit. Was ist passiert? Ein Grossteil der Frauen hat rasch reagiert und länger gearbeitet – ohne dass die Arbeitslosigkeit gestiegen wäre. Das zeigt auch, dass eine Erhöhung des ordentlichen Rentenalters durchaus wirkungsvoll ist und ­Ältere dazu veranlasst, länger zu arbeiten. Wenn also das Ziel ist, die Leute dazu zu bringen, länger zu arbeiten, ist eine Erhöhung des ordentlichen Rentenalters das effektivste Mittel dazu.

Sind die Älteren denn überhaupt imstande, bis 67 weiter zu ­arbeiten?
Klar. Die Zahlen lassen keinen Zweifel zu. 1970 war der Anteil der 65-Jährigen, die noch arbeitstätig waren, viermal höher als im Jahr 2000. Es wird wohl niemand behaupten, das liege daran, dass die Senioren früher ­fitter waren. Der Grund liegt auf der Hand: Im Jahr 2000 konnte man es sich dank der höheren Renten leisten, sich früher aus dem Arbeitsleben zu verabschieden. 1970 war das aus finanziellen Gründen schlicht keine Option. Die Frage ist also nicht, ob wir ­fähig sind, länger zu arbeiten, sondern ob wir dazu bereit sind. Immerhin haben wir in der Schweiz im internationalen Vergleich eine der höchsten Lebenserwartungen. Wer heute pensioniert wird, darf damit rechnen, noch gut 20 Jahre zu leben.

Aber es gibt auch hierzulande stark belastete Berufsgruppen, zum Beispiel im Bau oder auch in der Industrie. Sollen Maurer bis 67 arbeiten?
Für diese Gruppen muss man Ausnahmeregelungen finden, zum Teil gibt es diese auch schon. Aber ich finde es falsch, diese stark belasteten Jobs als Massstab für die gesamte Bevölkerung zu nehmen. Schon heute ist in der Schweiz nur noch ein relativ kleiner Teil aller Erwerbs­tätigen in wirklichen Verschleissjobs tätig. Diese Entwicklung wird so weitergehen, nicht zuletzt, weil die Jungen besser ausgebildet sind als frühere Generationen. Der Anteil der Ungelernten nimmt seit Jahrzehnten von einer Generation zur anderen ab. Heute sind drei Viertel aller Angestellten im Sektor Dienstleistungen tätig, sie können in aller Regel sicher bis 67 arbeiten. Das trifft auch auf einen Teil der Angestellten der Industrie zu, die ja nicht nur physisch harte Jobs umfasst.

Sehen Sie denn aus Sicht des Arbeitsmarkts gar kein Argument gegen ein höheres Ren­tenalter?
Abgesehen davon, dass sich viele offenbar gern möglichst früh pensionieren lassen, eigentlich nicht (lacht). Wobei ich sogar hier skeptisch bin. Ich treffe immer wieder Ältere, die darunter leiden, dass sie mit 65 von einem Tag auf den anderen von 100 auf 0 reduzieren müssen. Ich selber bin 68-jährig und froh, dass ich mein Arbeitspensum selbstgesteuert sukzessive reduzieren kann.

Trotzdem ist eine Erhöhung des Rentenalters gemäss allen Umfragen immer noch höchst unpopulär, auch ein Grossteil der Politiker fürchtet sich vor einem solchen Schritt. Wie erklären Sie sich das?
Da bin ich ratlos. Für mich ist es immer noch überraschend, dass sich offenbar viele Schweizer so schwer tun mit dieser Frage. Das passt ehrlich gesagt nicht in mein Bild der Schweiz. Arbeit hat hier einen ­hohen Stellenwert, und auch in Abstimmungen setzen sich hier meistens eher marktwirtschaftliche, realistische Positionen durch. Zum Beispiel verzichten wohl nur die Schweizer freiwillig auf mehr Ferien. Beim Rentenalter hingegen werden die Schweizer irgendwie irrational.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2016, 08:42 Uhr

Zur Person

George Sheldon ist einer der profiliertesten Kenner des Schweizer Arbeitsmarkts, den er als Wirtschaftsprofessor der Universität Basel während Jahrzehnten beobachtet und untersucht hat. Zu seinen Schwerpunkten zählen die Auswirkungen staatlicher Markteingriffe. Sheldon ist emeritiert, er betreut Doktoranden, hält Vorträge und nimmt nach wie vor gerne an öffentlichen Debatten teil.

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