Der «vernünftige» Vaterschaftsurlaub  dauert vier Wochen

Viele Väter müssen Ferien ­nehmen, wenn sie nach der Geburt eines Kindes daheim sein wollen. Nun fordert eine Initiative einen «vernünftigen» Vaterschaftsurlaub, der 4 Wochen dauert und die Allgemeinheit 385 Millionen Franken im Jahr kostet.

Ein Ballon für vier Papi-Wochen: Gewerkschaften sowie Männer- und Frauenverbände sammeln Unterschriften für einen Vaterschaftsurlaub.

Ein Ballon für vier Papi-Wochen: Gewerkschaften sowie Männer- und Frauenverbände sammeln Unterschriften für einen Vaterschaftsurlaub. Bild: Keystone

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Adrian Wüthrich hat nach­gezählt: Über 30-mal haben National- und Ständerat die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs bereits abgelehnt, sagte der Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travailsuisse gestern vor den Medien. Deshalb lanciert nun eine breite christlich-soziale Allianz eine Volksinitiative für einen Vaterschaftsurlaub à mindestens 4 Wochen.

Neben Gewerkschaften sind Männer-, Frauen- und Familienorganisationen mit an Bord. Auch die SP hat ihre Unterstützung zugesagt. Die Unterschriftensammlung hat gestern begonnen.

80 Prozent vom letzten Lohn

Die Initianten verlangen gemäss Selbstdiagnose einen «vernünf­tigen» Vaterschaftsurlaub – will heissen: Eigentlich möchten sie eine längere Papi-Zeit. Um die Chancen der Initiative zu erhöhen, legen sie aber einen Kompromiss vor. Konkret sollen alle Männer Anrecht auf mindestens 20 Freitage haben, wenn sie Vater werden. Diese freien Tage könnten sie im ersten Lebensjahr des Kindes flexibel beziehen, zum Beispiel an einem Stück oder indem sie ihr Pensum 20 Wochen lang um einen Tag reduzieren.

Während der zwanzig Papi-Tage erhielten sie – analog zum bestehenden ­14-wöchigen Mutterschaftsurlaub – Erwerbsersatz in Höhe von 80 Prozent des letzten Lohns. Das würde 385 Millionen Franken im Jahr kosten.

Zahlen müssten solidarisch ­alle Arbeitnehmer und -geber im Land über ihre Lohnbeiträge: Der Beitrag an die Erwerbsersatzordnung müsste voraussichtlich um 0,12 Prozentpunkte steigen. Bei einem Monatslohn von 6000 Franken sind das 7.20 Franken, die Angestellte und Arbeitgeber je hälftig bezahlen müssten. Den einzelnen Angestellten koste das nicht mehr als eine Tasse Kaffee im Monat, wie die Initianten vorrechneten. Das zeige, dass der ­Vaterschaftsurlaub bezahlbar sei. Das sehen nicht alle so. Von einer ­«Luxusvariante» spricht ausgerechnet CVP-Nationalrat Martin Candinas, der im Parlament kürzlich mit einem Anlauf für 2 Wochen Vaterschaftsurlaub scheiterte.

Widersprüchliche Angaben

Aus Sicht der Initianten steht fest, dass ein Vaterschaftsurlaub allen dienen würde: den Vätern, die in der wichtigen Phase nach der Geburt eine bessere, engere Beziehung zum Kind aufbauen; den Müttern, die unter anderem bessere Chancen für den beruf­lichen Wiedereinstieg erhielten; aber auch den Unternehmen, da junge Väter dank Urlaub motivierter und stabiler seien.

Bisher ist es den einzelnen Branchen oder Unternehmen überlassen, ob sie ihren Angestellten einen Vaterschaftsurlaub gewähren, der über das heutige Minimum von einem Tag hinausgeht. Grosszügig sind zum Beispiel die Migros (3 Wochen) ­sowie der Bund, einige Kantonsverwaltungen von Bern bis Genf, Lidl, UBS, SBB oder Swisscom (2 Wochen). Viele grössere Arbeitgeber wie auch der Kanton Zürich gewähren eine Woche. Im Gewerbe hingegen sind laut den Initianten Regelungen von einem bis drei Tagen verbreitet.

Etwas widersprüchlich waren gestern die Angaben zur Frage, wie erfolgreich diese einzel­betrieblichen Verhandlungen heute laufen. Der Präsident der Gewerkschaft Syna, Arno Kerst, sprach von «äusserst ernüchternden Erfahrungen», während sein Kollege von Transfair, CVP- ­Nationalrat Stefan Müller-Altermatt, wohlwollend sagte, in den meisten neuen Gesamtarbeitsverträgen werde ein längerer Vaterschaftsurlaub gewährt.

Alternative Elternurlaub

Findet die Initiative eine Mehrheit, haben Väter mindestens 4 Wochen Urlaub und Mütter 14 Wochen. Die Alternative wäre ein gemeinsamer Elternurlaub, den sich Väter und Mütter individuell aufteilen. Die Initianten schlagen zwar kein solches Modell vor. Sie betonen aber, ihre Initiative lasse eine Weiterentwicklung in diese Richtung zu, falls das Parlament wider Erwarten grosszügiger sein will. Allerdings wären die Eltern nicht frei in der Aufteilung des Urlaubs: Die Mutter müsste weiterhin mindestens 14 Wochen beziehen und der Vater 4.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.05.2016, 10:03 Uhr

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Andere Länder

Die EU-Staaten sind gegenüber frischgebackenen Eltern generell deutlich grosszügiger als die Schweiz – zumindest auf den ersten Blick. Denn der Teufel steckt im Detail. Unterscheiden muss man erstens den Vaterschafts- vom Elternurlaub. Die EU-Länder offerieren keinen oder einen relativ kurzen Vaterschaftsurlaub, dafür aber einen langen bis sehr langen Elternurlaub (auch bekannt als «Elternzeit»). Dieser Urlaub muss gemäss EU-Richtlinie mindestens 4 Monate dauern. Mutter und Vater können diese Zeit mehrheitlich frei unter sich aufteilen und zum Teil in mehreren Tranchen beziehen.

Zweitens kommt es nicht nur auf die Dauer des Urlaubs an, sondern fast noch mehr darauf, wie viel Geld «Elternurlauber» erhalten. Es gibt einzelne Länder wie Spanien oder Gross­britannien, die zwar den vorgeschriebenen Elternurlaub vorsehen, auf eine finanzielle Entschädigung aber verzichten. In anderen Staaten ist die Ver­gütung relativ tief, in Italien zum Beispiel müssen 30 Prozent des letzten Lohns genügen.
Die meisten EU-Länder sind zwar grosszügiger, aber auch dies nicht unbeschränkt. In Deutschland etwa erhält man zwar 14 Monate lang zwei Drittel des letzten Lohns, die Obergrenze liegt allerdings bei 1800 Euro im Monat. Zum Vergleich: In der Schweiz erhalten die Mütter während des 14-wöchigen ­Mutterschaftsurlaubs bis zu 5900 Franken im Monat (80 Prozent des letzten Lohns).

Jedenfalls bekommen Eltern in Ländern mit langem Urlaub nicht während der ganzen Zeit Geld. Deutschland zum Beispiel gewährt zwar einen ultralangen Elternurlaub von drei Jahren, Geld gibt es aber grundsätzlich «nur» in den 14 ersten Lebensmonaten des Kindes. In Österreich dauert der Urlaub maximal zwei Jahre, wobei man ein Jahr lang Anrecht auf 80 Prozent des letzten Lohns hat.

Kurz: Ganz so paradiesisch, wie man meinen könnte, sind die ­Elternurlaube auch anderswo nicht – aber fast überall immer noch komfortabler als in der Schweiz.fab

Martin Candinas

Letztes Mal hätte es fast geklappt: Ende April lehnte der ­Nationalrat die Einführung eines zweiwöchigen Vaterschaftsurlaubs mit nur sieben Stimmen Unterschied ab. Eingebracht hatte die Vorlage der Bündner CVP-Nationalrat Martin Candinas. Gestern reagierte aber auch er auf Anfrage skeptisch auf die Initiative für einen «vernünftigen», vierwöchigen Vaterschaftsurlaub: Er hält diesen Vorschlag für zu teuer und bezeichnet ihn als «Luxusvariante». Candinas hofft aber, dass die Initiative den Druck erhöht, sodass sich das Parlament später doch noch für einen zweiwöchigen Urlaub ausspricht.sda/fab

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