Unnötige Operationen: «Oft ist der Patient die treibende Kraft»

Ist es wahr, dass Spitäler Zusatzversicherte ­häufiger operieren – zum Teil auch unnötig? Der erfahrene Spitaldirektor Thomas Straubhaar nimmt Stellung: Er zeigt sich selbstkritisch, nimmt aber auch die Patienten in die Verantwortung.

Thomas Straubhaar: «Spätestens seit Einführung der Fallpauschalen 2012 versucht jedes Spital, mehr Fälle zu behandeln.»

Thomas Straubhaar: «Spätestens seit Einführung der Fallpauschalen 2012 versucht jedes Spital, mehr Fälle zu behandeln.» Bild: Kilian Kessler/zvg

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Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) werden Zusatz­ver­sicherte in Spitälern häufiger operiert. Muss man als Privat- oder Halbprivatversicherter Angst ­haben, unnötig unters Messer zu kommen?
Thomas Straubhaar: Es ist zwar möglich, dass Zusatzversicherte häufiger operiert werden, aber die Auswertung des BAG belegt das nicht. Das Amt zieht aus den eigenen Zahlen die falschen Schlüsse. Bei ungefähr der Hälfte der untersuchten Eingriffe zeigen die Zahlen nur, dass Zusatzversicherte im Spital öfter stationär behandelt werden als Personen, die lediglich eine Grundversicherung haben.

Sprich: Man lässt zusatzver­sicherte Patienten auch dann im Spital übernachten, wenn das gar nicht nötig wäre?
In der Tendenz: Ja. Es gibt Situationen, in denen rein medizinisch beides möglich ­wäre: eine am­bulante oder eine stationäre Behandlung. In solchen Fällen wird jedes ­Spital schauen, dass es Zusatzversicherte mindestens eine Nacht im Haus behalten kann. Da müssen wir uns nichts vor­machen. Alles andere wäre ja auch erstaunlich. Der finanzielle Anreiz mit den deutlich höheren Abgeltungen und Arzthonoraren aus der Zusatzversicherung ist so stark, dass Spitäler gezwungen sind, sich so zu verhalten.

Volkswirtschaftlich betrachtet ist das aber unerwünscht. Die Grundversicherung und die Kantone müssen höhere Kosten übernehmen, wenn Patienten unnötigerweise stationär behandelt werden.
Stimmt. Aber das Verhalten der Spitäler und der Ärzte kann sich erst ändern, wenn die Anreize richtig gesetzt werden. Heute sind die ambulanten Tarife für Spitäler nicht kostendeckend. Wir müssten die Tarifsysteme so umbauen, dass es sich lohnt, auch Zusatzversicherte wenn immer möglich ambulant zu behandeln.

Wenn Spitäler und Ärzte so stark nach finanziellen Anreizen funktionieren, müssen dann Zusatzversicherte nicht doch befürchten, unnötig operiert zu werden, weil es sich lohnt?
In dieser absoluten Form ist diese Unterstellung sicher falsch. Aber natürlich können sich die starken finanziellen Anreize der Zusatzversicherung auch hier auswirken. Das bedeutet nicht, dass es Ärztinnen und Ärzte gibt, die jeden Privatversicherten auf der Stelle operieren würden. Aber bei vielen Patienten und Beschwerden lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob ein Eingriff nötig ist oder nicht. Oft wäre ­genauso gut denkbar, eine Therapie zu machen oder einfach mal ­abzuwarten, wie sich die Beschwerden entwickeln. In solch unsicheren Fällen müssen Arzt und Patient gemeinsam den ­richtigen Weg finden. Es kann sein, dass eine Minderheit geldgesteuerter Ärzte eher zu einer Operation rät, wenn der Patient zusatzver­sichert ist. Aber oft ist sowieso der Patient die treibende Kraft.

Wie meinen Sie das?
Patienten sind heute vielfach nicht mehr bereit, selber aktiv etwas für ihren Körper zu machen oder auch eine gewisse Zeit zu leiden. Nehmen wir an, ein solcher Patient habe Rückenschmerzen. Der Arzt wird ihm vermutlich zwei Möglichkeiten anbieten: eine Operation oder eine mehrmonatige Therapie. Ich behaupte, dass Patienten heute immer öfter die erste, weniger anstrengende Variante wählen. Dabei belegen Studien, dass in der Mehrzahl der Fälle eine Therapie ausreichen würde und die Operation so gesehen unnötig ist.

Kurz: Wir sind zu faul.
Das ist drastisch ausgedrückt, aber es geht in diese Richtung. Der medizinische Fortschritt hat eine grosse, oft auch überzogene Erwartungshaltung geweckt. Stark unterstützt wird dies durch eine völlig unkritische, verherrlichende Berichterstattung in vielen TV-Sendungen. Wer Schmerzen hat, will heute sofortige Linderung. Wenn ein solcher Patient unbedingt eine Operation will, sagt heute wohl kein Spitalarzt mehr Nein, auch wenn der Eingriff vielleicht nicht unbedingt nötig oder zumindest verfrüht ist.

Ist der wirtschaftliche Druck so gross geworden?
Er ist jedenfalls gewachsen. Spätestens seit Einführung der Fallpauschalen 2012 versucht jedes Spital, mehr Fälle zu behandeln. Fallzahl und Schweregrad entscheiden darüber, ob ein Spital wirtschaftlich überleben kann. Auch dieser Aspekt führt dazu, dass Spitalärzte in Zweifelsfällen rascher operieren als früher. Die Hemmschwelle sinkt. Das hat auch damit zu tun, dass die Risiken bei Eingriffen stark gesunken sind. Zusammen mit der steigenden Erwartungshaltung und der geringeren Leidensfähigkeit der Patienten trägt dies dazu bei, dass es heute mehr Eingriffe gibt als früher – zum Teil sicher auch unnötige. All diese Faktoren tragen damit zum alljährlichen Wachstum der Fallzahlen und der Kosten bei, wobei auch die ­Demo­grafie, die Zunahme der älteren Bevölkerung, einen grossen Beitrag leistet.

Was raten Sie Patienten, die ­unsicher sind?
Vor allem sollten sie daran denken, dass jeder Eingriff auch ­Risiken birgt. Diese Risiken sind zwar weitaus kleiner als früher, was ebenfalls dazu beiträgt, dass heute auch in Fällen operiert wird, in denen man früher darauf verzichtet hätte. Doch ein Rest­risiko gibt es immer noch, bei jeder Operation. Zudem würde ich persönlich eine Zweitmeinung einholen, wenn ich nicht sicher bin, ob ein Eingriff wirklich angezeigt ist. Gerade für Zusatzversicherte ist das kein Problem, da sie die Zweitmeinung nicht selber bezahlen müssen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.08.2016, 17:05 Uhr

Hintergrund

Eingriffe am Knie, an der Wirbelsäule, an der Schulter oder auch Kaiserschnitte: Diese und einige weitere Operationen kommen bei Zusatzversicherten in Schweizer Spitälern häufiger vor als bei Patienten, die «nur» die Grundversicherung haben. Zu dieser Erkenntnis kommt eine neue Analyse des Bundesamts für Gesundheit. Der Verdacht liegt ­nahe, dass Zusatzversicherte schneller operiert werden, weil es sich für Spitäler und Ärzte lohnt. Allerdings hat die Analyse einen Haken: Die verwendete Statistik umfasst nur stationäre Fälle; das sind Fälle, in denen der Patient mindestens eine Nacht im Spital bleibt. Die ambulanten Fälle hingegen fehlen. Das ist ein Makel, da ein Teil der auffälligen Eingriffe auch ambulant vor­genommen werden kann.

Die Analyse wird unterschiedlich ausgelegt. Für die einen bestätigt sie, dass das ­Risiko, unnötig operiert zu werden, für Zusatzver­sicherte höher ist als für Grundversicherte. Für die anderen zeigt sie einzig, dass Zusatzversicherte häufiger stationär behandelt werden.

Zur Person

Thomas Straubhaar hat langjährige, vielfältige Erfahrung im Spitalmarkt. Heute leitet der Berner die Zürcher Klinik Lengg, eine Spezialklinik für Epilepsie und Neuro­rehabilitation. Zudem amtet er als Präsident des Spitalrates des Kantonsspitals Obwalden sowie des Schweizer Vereins für Qualitätsentwicklung in Spitälern (ANQ). Früher leitete Straubhaar unter anderem die Klinik Sonnenhof in Bern und ­interimistisch das Spital Bülach. Als ehemaliger stellvertretender Leiter des Spitalamts des Kantons Bern kennt er auch die Rolle des Staates im Gesundheitswesen.

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