Der Aussergewöhnliche

Carlinhos ist eine Ausnahmeerscheinung. Der Brasilianer war die Hauptfigur in einem ARD-Dokumentarfilm, er trägt die Nummer 10, hat das gewisse Etwas. Aber in Thun droht er immer mehr zum Sündenbock zu werden.

Harte Schale, weicher Kern: Carlinhos posiert für den Fotografen auf der Tribüne der Stockhorn-Arena. Hinter der coolen Fassade verbirgt sich ein sensibler junger Mann.

Harte Schale, weicher Kern: Carlinhos posiert für den Fotografen auf der Tribüne der Stockhorn-Arena. Hinter der coolen Fassade verbirgt sich ein sensibler junger Mann. Bild: Markus Grunder

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Es ist Ende August in der Stockhorn-Arena. Thun liegt gegen Basel nach zwanzig Minuten 0:3 ­zurück. Carlinhos trifft bedingt eine Schuld, er ist schliesslich einer von elf Spielern. Und dazu erst noch eine Offensivkraft. Aber der Brasilianer ist es, der den Ärger der Fans zu spüren bekommt. Bei einem Ballverlust wird geflucht und geschimpft. Irgendeinmal auch gepfiffen. Als er nach 52 Minuten ausgewechselt wird, sind viele Zuschauer erfreut. Es ist leicht, ein Sündenbock zu werden, aber schwer, diese Rolle wieder abzuschütteln.

Carlinhos sitzt auf der Tribüne der Stockhorn-Arena. Dort, wo ihn mancher während der Partie gerne sehen würde. Es ist der Donnerstag vor dem heutigen Spiel in Basel (20 Uhr). Für den Fotografen blickt der 22-Jährige lässig in die Kamera, gibt den Coolen. Hinter den Tattoos aber verbirgt sich ein freundlicher und scheuer junger Mann. Carlinhos kann aufblühen, im Team gilt er als Spassvogel. Er muss Wärme spüren, Vertrauen. Er ist sensibel. «Es ist für uns alle eine schwierige Zeit», sagt er. Für ihn ist sie noch schwieriger.

«Ich verspüre grossen Druck»

7 Partien hat Carlinhos bisher in der Super League bestritten, nur einmal durfte er durchspielen. Er hat noch kein Tor vorbereitet und auch keines erzielt. Vom «Blick» ist er schon dreimal ins «Flop-Team der Runde» gewählt worden. Im Internet, auf Facebook, in Foren sind die Meinungen gemacht. Dass man mit Carlinhos in der Startelf nur einen Blumentopf gewinnen könne, ist noch eine der freundlichsten. Die Kommentare sind oft niveaulos, zuweilen gar rassistisch. Carlinhos wäre gut beraten, das alles nicht zu lesen. Er tut es dennoch.

Fussball ist ein einfaches Spiel, im Stadion glaubt jeder, es zu kennen, sich ein Urteil erlauben zu können. Über Jahrzehnte haben sich Raster gebildet, nach denen die Akteure bewertet werden. Die Nummer 9 schiesst die Tore, die 10 spielt die entscheidenden Pässe. Die Nordländer sind rustikal, die Südamerikaner feinfüssig. Ein Brasilianer mit der 10 ist die Multiplikation dieser Erwartungshaltungen. Er muss den Unterschied ausmachen. Carlinhos sagt, er wisse das. «Ich verspüre grossen Druck.» Dabei ist er im Sommer wie viele Thuner vor ihm aus der Challenge League gekommen.

Leere Versprechen

Die Nummer 10 und der FC Thun, es ist eine Geschichte mit schönen Momenten, aber auch vielen enttäuschenden. Da war mal Adriano Pimenta, einer der Cham­pions-League-Helden, der erst die 9 getragen hatte, später aber für Milaim Rama die Nummer wechselte. Da war Oscar Scarione, der vom Oberland aus zu einer respektablen Karriere startete, die ihn über St. Gallen und Istanbul nach Tel Aviv geführt hat. Da waren Sandro Iashvili, Cesar, Milos Krstic und Marco Rojas. Die magische 10 ist ein Versprechen, das im Oberland während der letzten zehn Jahre nur selten gehalten werden konnte. Die Frage ist: Wie wird Carlinhos dereinst in dieser Aufzählung dastehen?

Beim FC Thun kommt einem Ausländer eine besondere Aufmerksamkeit zu. Hier ist er nicht einer von vielen, sondern wie im Schweizer Eishockey einer der wenigen. Eine Ausnahmeerscheinung. Neben Carlinhos haben nur der Franzose Norman Peyretti und der Israeli Lotem Zino keinen Schweizer Bezug. Carlinhos sagt, er sei selbstkritisch. «Spiele ich nicht gut, bin ich traurig.» Er sitzt dann in seiner Wohnung, zerbricht sich den Kopf. Was ist, wenn er an den Erwartungen zerbricht?

Viel Frust, wenig Glamour

Carlinhos ist in ärmlichen Verhältnissen im Millionenmoloch São Paulo aufgewachsen. Früh ist sein Talent augenfällig, früh befeuert er in der Familie die Hoffnung, dass der Sohn ihr dereinst ein besseres Leben ermöglichen könne. Mit 18 wird er von Leverkusen verpflichtet, er spielt für den deutschen Topklub dreimal in der Europa League. Nach sechs Monaten wird er eine Liga tiefer nach Regensburg verliehen. Nach einem Jahr kehrt er desillusioniert nach Hause zurück. Seine Erwartungen, und die der Familie, haben sich nicht erfüllt.

Carlinhos Leben ist verfilmt worden. Er ist eine der Haupt­figuren im ARD-Dokumentarfilm «Mata Mata». In einer Szene ist zu sehen, wie er in seiner Wohnung in Leverkusen den Frust in sich frisst. Einmal sagt er, er würde am liebsten alle umbringen. Zwei seiner Freunde sind kurz zuvor in der Heimat verstorben, der eine an einer Überdosis, der andere bei einem Verkehrsunfall. Es ist ein anderer Blickwinkel auf die glamouröse Fussballwelt. «Damals war ich ein Kind», sagt Carlinhos. «Jetzt bin ich ein Mann.»

In der Schweiz gefällt es ihm, diesmal muss er nicht allein sein, seine Frau ist mit dabei. Er hat sich Gedanken gemacht über den schwachen Start, die Krise in Thun. Er verweist auf die letzte Saison, in der er bei Aarau auch Anlaufschwierigkeiten hatte, am Ende aber in der Challenge League 10 Tore erzielte. Er sagt: «Der Unterschied zwischen den Ligen ist gross. Ich brauche Zeit.» Und er meint, er müsse seine Position im Thuner Spiel erst noch finden. Wie also soll er die Leute glücklich machen, wenn er selbst noch sein Glück sucht?

Carlinhos glaubt, er müsse nur ein Tor erzielen, dann komme alles gut. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.09.2016, 20:39 Uhr

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