SCB minus Plüss

Was lange währt, wird nicht gut. Sportchef Alex Chatelain und Martin Plüss können sich nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen, der 39 Jahre alte Captain wird den SC Bern nach dieser Saison verlassen. Plüss’ Abgang wird kaum zu kompensieren sein.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist der 2. Februar, Viertel vor neun Uhr. Martin Plüss fährt mit dem Fahrrad vor der Postfinance-Arena vor. Anschliessend schlängelt er sich beim Interview durch Fragen, die er nicht beantworten darf, nicht beantworten will. Das Thema: die Vertragsverhandlungen zwischen ihm und dem SC Bern.

Plüss hält sich an die Ab­machung, zieht Mal für Mal den Joker. Und trotzdem wird im Verlauf des Gesprächs klar, dass das eigentlich Undenkbare eben doch denkbar, eine Trennung im Frühling nicht mehr ausgeschlossen ist. Zwar möchte Plüss ein weiteres Jahr in Bern bleiben, und der SCB möchte seinen Captain eine wei­tere Saison beschäftigen. Doch er sagt: «Wenn etwas Grundlegendes für mich nicht stimmt, dann bleibe ich hartnäckig.» Weitere Gespräche folgen, der Entscheid wird vertagt.

Während der Nationalmannschaftspause weilt Sportchef Alex Chatelain in Schweden. Er lässt aus dem Norden verlauten: «Ich hoffe immer noch, dass wir uns ­einig werden. Aber mittlerweile schliesse ich gar nichts mehr aus.»

Keiner bezieht Stellung

Am 16. Februar ist die Stimmung in den Katakomben der Post­finance-Arena angespannt. Der Sportchef verfolgt das Training; er will sich zur «Causa Plüss» nicht äussern. Der Captain läuft nach der Einheit schnurstracks in Richtung Garderobe; er muss zur Dopingkontrolle. Danach sagt Plüss, dass er nichts sagen darf. Er verweist auf eine Medienmitteilung. Um 16.30 Uhr ist es offiziell: Martin Plüss verlässt den SC Bern per Ende Saison.

Klub und Spieler sind sich der Tragweite des Beschlusses bewusst. Der SCB wird seinen Prinzipien untreu, indem er für einmal einen Abgang kommuniziert. In der Mitteilung wird explizit darauf verwiesen, dass keiner der Beteiligten Stellung beziehen wird. Die Liaison, die seit 2008 von Erfolg geprägt ist, soll möglichst in Minne enden. Ob dieser Entscheid nach wochenlangen Verhandlungen ein sinnvoller ist respektive zur Ruhe beitragen wird, sei dahingestellt.

Kein Bald-Eishockeyrentner

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wird letztlich Plüss’ Konstanz zur Trennung nach dieser Saison führen. Er weigert sich seit Jahren, wie ein Bald-Eis­hockeyrentner zu spielen. Der Musterprofi agiert noch immer dominant, er spielt Powerplay und Boxplay, kaum ein anderer NLA-Spieler ist stärker am Bully. So sind zuletzt immer wieder die Versuche der Verantwortlichen gescheitert, den Wirkungskreis des Captains einzudämmen respektive ihn zu entlasten und ­vermehrt andere Spieler in die Verantwortung zu nehmen.

Das Gedankenspiel, einen anderen Akteur als Captain zu installieren, liess der neue Trainer Kari Jalonen gleich nach der Ankunft zur Makulatur verkommen, indem er Plüss im Amt bestätigte. Dennoch wollten einige Mit­glieder der Sportkommission die Abnabelung nun vorantreiben. Sie sahen für den bald 40-Jährigen in Zukunft eine kleinere Rolle vor, was Plüss missfiel. «Gibt es im Sport einen wichtigeren Gradmesser als die Leistung?», fragte er vor zwei Wochen im Interview.

Nun erledigt sich der Ab­lösungsprozess von selbst: Der Routinier wird in seinen letzten SCB-Playoffs nochmals jene zentrale Rolle einnehmen, die ihm vorschwebt – und die ihm entsprechend seinen Leistungen zusteht. Allein: Diese letzten SCB-Playoffs kommen für Plüss mindestens eine Saison zu früh.

Keine gesperrte Nummer

Plüss wird auf wie neben dem Eis eine grosse Lücke hinterlassen. Im Hinblick auf die nächste Spielzeit dürfte die Mittelachse arg ­geschwächt werden. Zudem ist der Verbleib von Erstliniencenter Mark Arcobello (NHL-Ausstiegsklausel) nicht gesichert. Den Legendenstatus im Klub wird Plüss nicht erhalten. Dafür hätte er ein weiteres, zehntes Jahr für den SCB spielen müssen.

Doch Trikot unter dem Hallendach hin, gesperrte Nummer 28 her: Die Verdienste des dreifachen Familienvaters für den Klub sind nicht hoch genug einzuschätzen. Er hat seit 2008 516 NLA-Spiele für den SCB bestritten, 397 Skorerpunkte erzielt, das Team dreimal zum Titel und in sieben seiner neun Saisons als Captain geführt. Mit seiner unaufgeregten Art bildete Plüss im notorisch nervösen Umfeld des Klubs einen wohltuenden Kon­trast. Und: Plüss war einer der wenigen Spieler, die in Bern auch öffentlich ihre Meinung äusserten und gewisse Entscheide der Klubführung infrage stellten.

Trotz der komplizierten Verhandlungen glaubten bis zuletzt die meisten an eine Einigung. ­Irgendwann würde Plüss nach­geben und den Vertrag unterschreiben. Aber wie hat er doch gesagt: «Wenn etwas Grund­legendes für mich nicht stimmt, dann bleibe ich hartnäckig.» Bis zum bitteren Ende für alle Be­teiligten. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.02.2017, 08:46 Uhr

Artikel zum Thema

Es gibt nur Verlierer

Sportredaktor Reto Kirchhofer über den Abgang des SCB-Spielers Martin Plüss. Mehr...

«Ich bin kein Lästerer»

Vor dem Spitzenkampf am Samstag gegen die ZSC Lions spricht SCB-Captain Martin Plüss (39) unter anderem über seine lang­wierigen Vertragsverhandlungen. Plüss sagt: «Bei Punkten, die für mich zentral sind, bleibe ich hartnäckig.» Mehr...

Valentinstag für Videoliebhaber

Der SC Bern gewinnt gegen die ZSC Lions trotz schwachem Startdrittel 3:2. Fünf Runden vor Qualifikationsende hat der Tabellenführer den Vorsprung auf die Zürcher auf vier Punkte vergrössert. Mehr...

NLA

50. Runde

25.02.HC Lugano - ZSC Lions3 : 2
25.02.Geneve-Servette HC - EHC Kloten2 : 4
25.02.Fribourg-Gottéron - SC Bern4 : 7
25.02.HC Davos - SCL Tigers6 : 2
25.02.HC Ambri Piotta - Lausanne HC3 : 2
25.02.EV Zug - EHC Biel-Bienne4 : 3
Stand: 25.02.2017 22:19

Rangliste

NameSpSU+U-NG:EP
1.SC Bern5031649160:114109
2.ZSC Lions5026987166:115104
3.EV Zug50283613153:12296
4.Lausanne HC50235121154:13980
5.HC Davos50224420152:13578
6.HC Lugano50196421142:15573
7.Geneve-Servette HC501841117135:14073
8.EHC Biel-Bienne50212324146:14070
9.EHC Kloten501451021142:16262
10.SCL Tigers50164327124:15459
11.Fribourg-Gottéron50125231130:17748
12.HC Ambri Piotta5098528113:16448
Stand: 25.02.2017 22:23

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Blogs

Gartenblog Warten auf die Wärme
Echt jetzt? Die Tussi im Mann
Serienjunkie Die Erben von «Twin Peaks»

Service

Die Welt in Bildern

Irritierend: Eine Besucherin des Holocaust-Mahnmals in Berlin flaniert mit einem Einhorn-Luftballon zwischen den Stelen hindurch. (24. April 2017)
(Bild: John MacDougall) Mehr...