«Der Effekt ist gleich null»

Uni­hockey: Trainer Thomas Berger trifft im Superfinal vom Samstag in der Klotener Swiss-Arena mit Wiler-Ersigen auf Alligator Malans. Der 48-Jährige erklärt, warum er kein Freund des Formats ist.

Thomas Berger über das Kernproblem der Sportart Unihockey: «Wir hätten ein Topprodukt, aber es schaut kaum einer hin.»

Thomas Berger über das Kernproblem der Sportart Unihockey: «Wir hätten ein Topprodukt, aber es schaut kaum einer hin.» Bild: Marcel Bieri

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Am Samstag findet die dritte Auflage des Superfinals statt. Wie beurteilen Sie das Format?
Thomas Berger: Am Anfang war ich im Zwiespalt, weil ich dachte, dass der Superfinal der Sportart marketingmässig etwas bringt. Aus sportlicher Sicht ist die Situation indiskutabel, das Format nicht salonfähig.

Sie sprechen vom Anfang – wie sieht es jetzt aus?
Soweit ich informiert bin, sind die Auswirkungen auf der Marketingseite irrelevant. Der Anlass wurde zweimal durchgeführt, der Effekt ist gleich null. Die ­Medienpräsenz ist nicht gestiegen, der Kreis der Zuschauer nicht viel grösser geworden; es sind nach meinem Wissensstand kaum Externe dazugekommen. Krass ausgedrückt, ist es auch mit Superfinal eine Inzuchtveranstaltung.

Trotzdem findet das Männerspiel am Samstag erstmals zur Primetime statt. 20.15 Uhr, live auf SRF 2: Weist das nicht darauf hin, dass Unihockey als Sportart salonfähig geworden ist?
Die Eishockeymeisterschaft ist zu Ende, im Fussball bietet sich gerade nichts an. Bei der ersten Austragung begann das Spiel mit Verspätung, weil Giulia Steingruber noch einen Sprung absolvierte. Das zeigt den Stellenwert auf. Ob die Primetime zu einer höheren Einschaltquote führen wird, wage ich zu bezweifeln. Zur Primetime laufen auch auf andern Kanälen viel beachtete Sendungen.

Ihre Gesamtbeurteilung fällt ziemlich negativ aus.
Mittlerweile schon, ja. Fallen am Spieltag drei, vier wichtige Spieler krankheitsbedingt aus, hast du keine Chance, den Titel zu gewinnen. In einer Serie setzt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die bessere Mannschaft durch, in einer einzelnen Partie spielt das Glück eine wesentlich grössere Rolle.

Ist die Ausgangslage gleich wie vor dem Cupfinal – oder sehen Sie Unterschiede?
Der Stellenwert des Superfinals ist deutlich höher. Ansonsten ist die Ausgangs­lage vergleichbar.

Worin besteht in der Vorbereitung die grösste Herausforderung?
Es geht um die mentale Komponente, um das Ausblenden der speziellen Rahmenbedingungen. Rein sportlich sind wir bereit, haben wir alles Nötige getan.

Im Unterschied zu Gegner Malans ­haben Sie mit Matthias Hofbauer, Tatu Väänänen und Adrian Zimmermann drei Mittdreissiger im Team, welche immer noch zu den Leistungsträgern gehören. Wie wichtig ist Erfahrung in dieser Situation?
Ich glaube, das ist eine individuelle, mehr mit der Persönlichkeit als mit dem Alter zusammenhängende Geschichte. Wichtig ist vor allem, dass der Spieler mit Drucksituationen umgehen kann.

Was in Ihrer Equipe Patrick Mendelin zum Schlüsselspieler werden lässt.
Er kann ein sehr wichtiger Faktor werden, aber eben nicht des Alters wegen. Sondern weil er Mendelin ist, weil er sich auch von 20 000 Zuschauern nicht beeindrucken liesse.

In Ihrer ersten Amtszeit bei Wiler-Ersigen gewann die Mannschaft sechs von sieben möglichen Meistertiteln. In dieser Saison, der ersten in ihrer zweiten Amtszeit, hat sie die Qualifikation auf Rang 1 abgeschlossen. Sehen Sie zwischen damals und heute mehr Parallelen oder Unterschiede?
Wir hatten nach der letzten Saison (Out im Viertelfinal; die Red.) nicht erwartet, dass wir ganz vorne stehen würden. Sicher, in den letzten Monaten ist bei uns vieles gut gelaufen. Anderseits kann es auch sein, dass das Niveau insgesamt nicht mehr so hoch ist wie vor fünf, sechs oder sieben Jahren.

Heisst das, die Ausgeglichenheit der letzten drei, vier Jahre beruht nicht auf stärker gewordener Konkurrenz, sondern auf einer schwächeren Phase Wiler-Ersigens?
Das ist schwierig abzuschätzen. Ich habe länger mit Olle Thorsell (früher Spieler, nun Assistenztrainer) über dieses Thema diskutiert. Wir sind der Meinung, dass wir mit unserem besten Team aus dem letzten Jahrzehnt die heutige Mannschaft deutlich schlagen würden. Was den Schluss zulässt, dass Wiler-Ersigen etwas schwächer, die Konkurrenz hingegen etwas stärker geworden ist. Die obere Hälfte der Liga ist dadurch zusammengerückt.

Hat sich das Spiel verändert?
Physisch bewegen sich mittlerweile alle auf sehr hohem Level. Es wird zuweilen wesentlich härter gespielt als früher, wenn auch nicht auf eine gesunde Art. Aber wirklich weitergekommen sind wir unter dem Strich nicht.

Warum nicht?
Wir bewegen uns alle am Limit. Wenn wir aus den Spielern mehr herausholen wollen, müssen wir sie stärker belasten . . .

. . . was nicht möglich ist, weil sie Amateure sind.
Der nächste Schritt wäre die Entlastung der Spieler, damit diese mehr Zeit und Energie in den Sport investieren könnten. Kriegen wir das nicht hin, bleiben wir stehen. Das Kernproblem ist, dass es sich beim nächsten Schritt um einen Quantensprung handelt.

Wie sähe dieser aus?
Wir müssten einem ganzen Kader, also mindestens zwanzig Leuten, den Halbprofistatus ermöglichen. Was nur realistisch wäre, wenn es uns gelänge, das Budget im Minimum zu verdoppeln.

Sie sprechen im Konjunktiv.
Womöglich ist dieser Schritt für das Unihockey zu gross. Die Handballer hätten wohl das gleiche Problem, wenn nicht ein paar Leute mit Handballvergangenheit bei grossen Firmen in einflussreichen Positionen sässen. Dem Unihockey fehlt die Verankerung in der Wirtschaft.

Mittlerweile fehlen auch Zuschauer; bei Wiler-Ersigen sind sicher zehn Prozent weniger Leute in der Halle als im letzten Jahrzehnt. Warum ist das so?
Ich weiss es nicht, aber es erstaunt mich. In keinem anderen Mannschaftssport ist derart viel «Action» verpackt. Beim Eishockey schlafe ich manchmal fast ein. Da gibt es vier Bullys und drei Wechsel, ohne dass etwas Spannendes passiert. Wir hätten ein Topprodukt, aber es schaut kaum einer hin.

Freuen Sie sich trotzdem auf Samstag?
Natürlich. Solche Spiele hast du nicht oft im Leben. Riesenambiente, Riesenshow. Schön, dass man Teil davon sein darf. Für den Einzelnen ist der Anlass ein Super­erlebnis, der Sportart scheint er aber nicht zu helfen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 21.04.2017, 14:52 Uhr

Zur Person

Thomas Berger gilt als einer der profundesten Kenner des Schweizer Uni­hockeys. Als Trainer Wiler-Ersigens ­gewann der 48-jährige Bündner in der letzten Dekade sechs Meistertitel. Zuvor war der langjährige Cheftrainer der Schweizer U-19-Auswahl an der Bande von Alligator Malans dreimal erfolgreich gewesen. Zuletzt stand Berger fünf Jahre lang als Trainer und Geschäftsführer in Diensten von Chur. Im Frühling 2016 holte ihn sein ehemaliger Spieler Reto Luginbühl, mittlerweile Vereinspräsident, zu Wiler-Ersigen zurück.

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