Beat Feuz fehlt nur der «Flow»

Vor Jahresfrist kehrte Beat Feuz am Lauberhorn nach einem Achillessehnenriss in den Weltcup zurück. In diesem Winter ist es weniger gut gelaufen. Aus der Ruhe bringen lässt sich der 29-Jährige aus Schangnau darob nicht.

Ein Gespräch mit dem Emmentaler Skirennfahrer Beat Feuz während dem Aufstieg mit der Wengernalpbahn.
Video: Martin Bürki

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Andere würden hadern. Nach Ursachen suchen. Ihr Material und sich selbst hinterfragen. Beat Feuz hingegen scheint im Vorfeld der Lauberhornabfahrt weit davon entfernt zu sein, sich Gedanken zu machen, die ihn auf der Piste bremsen könnten. Obwohl er das Podest in diesem Winter noch nicht betreten, die Erwartungen noch nicht erfüllt hat.

Wobei an dieser Stelle differenziert werden muss: Erwähnte Erwartungshaltung, auf den Resultaten der vergangenen Saison beruhend, bezieht sich auf die Öffentlichkeit. Steht Feuz am Start, erwartet er von sich eine fehlerfreie Darbietung. Wie jene in der Abfahrt Mitte Dezember im Val Gardena. Das Verdikt: Platz 14, 87 Hundertstel hinter Überraschungssieger Max Franz aus Österreich.

Der Emmentaler sagt, die Fahrt sei «korrekt» gewesen. «Andere waren einfach schneller», hält er fest. Wohl wissend, dass ihm die Saslong nicht sonderlich behagt, er beim Ritt über Ciaslat-Wiese und Kambelbuckel nie besser als Achter gewesen ist. Letzten Winter war er – vom Comeback am Lauberhorn abgesehen – in der Abfahrt nie schlechter als Fünfter.

Als wäre er von einer Welle getragen worden, belegte er Samstag für Samstag Spitzenplätze. Bändigte gar die wilde Streif zu Kitzbühel, die Aksel Svindal und Hannes Reichelt abwarf, obwohl er wegen eines Ende August erlittenen Achillessehnenrisses die Vorbereitung verpasst und nur sechs Schneetrainingstage in den Beinen hatte – keinen einzigen auf Abfahrtsskiern.

«Ich bin nicht immer gut gefahren, aber ich bin immer schnell gewesen.» Selbiges lasse sich derzeit bei den Norwegern beobachten. So stehe der vierfache Saisonsieger Kjetil Jansrud längst nicht in jedem Rennen sehr gut auf den Skiern. «Aber er bringt es trotzdem runter.»

Diesen Zustand, Feuz spricht vom «Flow», habe er noch nicht erlangt, sagt der Schangnauer, ergänzend, dass er nicht weit davon entfernt sein dürfte. «Im Super-G von Val d’Isère wurde ich trotz zwei Fehlern Sechster. Erwische ich zwei Kurven etwas besser, reicht es fürs Podest.» Was zeige, dass die Basis für Spitzenleistungen vorhanden sei.

In diesen Sätzen spiegelt sich jene Gabe, welche Feuz das Sportlerleben nebst seiner angeborenen Gelassenheit am stärksten erleichtert: die Fähigkeit, das Unerfreuliche zu ignorieren, aus jedem Erlebnis das Positive mitzunehmen. «Beat ist irrsinnig stark im Kopf», sagt sein langjähriger Trainer Sepp Brunner. Exemplarisch ist sein Verhalten bei der Videoanalyse von Trainingsfahrten.

Sind ihm zwei, drei wichtige Abschnitte vorstellungsgemäss gelungen, verlässt er den Raum mit einem guten Gefühl. Selbst dann, wenn er auf den Schnellsten drei Sekunden verloren hat. Seine physische Verfassung sei so gut wie noch nie in seiner zweiten Karriere, erwidert Feuz auf die entsprechende Frage. Er sagt es nicht nur, er glaubt auch daran.

Eine seiner grössten Leistungen besteht darin, die ausgesprochen positive Grundeinstellung konserviert zu haben, obwohl er vorübergehend ganz unten angelangt war, die Ärzte im Spätherbst 2012 infolge einer bakteriellen Infektion im linken Knie gar eine Unterschenkelamputation in Erwägung gezogen hatten. Die einschneidenden Erfahrungen haben den 29-Jährigen dazu bewogen, den Trennstrich zu ziehen, von zwei Karrieren zu sprechen, die aktuelle als eine Art Geschenk zu betrachten.

«In meiner ersten Karriere fuhr ich einfach Ski; ich tat, was mir Spass machte. Wenn ich das heute immer noch täte, wäre ich nicht mehr Skirennfahrer.»Beat Feuz

«Im Kopf», stellt er klar, «bin ich der Gleiche geblieben. Im Körper hingegen fühlt sich nichts mehr wie früher an.» Feuz spricht über den Wiedereinstieg nach der langen Pause, sagt, er sei sich «wie ein Skischüler, ein Junior» vorgekommen. «In meiner ersten Karriere fuhr ich einfach Ski; ich tat, was mir Spass machte. Wenn ich das heute immer noch täte, wäre ich längst nicht mehr Skirennfahrer.»

Er dürfe weder «hirnlos trainieren» noch «hirnlos Rennen bestreiten», müsse jedes Signal des Körpers ernst nehmen. «Früher war es für mich selbstverständlich, Rennfahrer zu sein. Heute geniesse ich es, Rennfahrer sein zu dürfen.» Besonders schön sei, trotz allem noch fähig zu sein, zu den Schnellsten zu gehören, wenn alles stimme.

Er erwähnt den zweiten Platz an der Lauberhornabfahrt 2015, den WM-Bronze-Gewinn in Beaver Creek, die Siege beim letzten Weltcupfinal in St. Moritz, strahlt dabei wie ein Kind, welches eine Tafel Schokolade erhalten hat. Andere bezeichneten sich mit vergleichbarer Vergangenheit als Pechvögel, Feuz betrachtet sich als Glückspilz.

Abstriche nimmt er darob gerne in Kauf. Der Gesamtweltcup – im März 2012 wurde er von Marcel Hirscher erst am Weltcupfinal in Schladming auf Rang 2 verwiesen – wird nie mehr ein Thema sein, weil Feuz seine Einsätze wegen des elffach operierten Knies dosieren muss.

«Aber ich muss Prioritäten setzen.»Beat Feuz

Die Kombination – in seiner «ersten Karriere» stand er viermal auf dem Podest – hat er nach dem missglückten Test in Santa Caterina für diesen Winter aus dem Programm gestrichen. Zwei Slalomtrainingstage habe er seit der WM 2015 absolviert, was nicht annähernd ausreiche.

Klar sei es schade, klar hätte er die Kombination in Wengen gerne bestritten. «Aber ich muss Prioritäten setzen.» Ob respektive wann die Rennen am Lauberhorn gefahren werden können, ist in Anbetracht der Wetterprognose ungewiss. «Wir nehmen es, wie es kommt», sagt Feuz. Anderen wird das schwererfallen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2017, 07:56 Uhr

Artikel zum Thema

Lauberhorn: Ein Sprung sorgt für Gesprächsstoff

Mit Beat Feuz (3.), Carlo Janka (4.) und Patrick Küng (6.) reihten sich die drei noch aktiven Lauberhornsieger im ersten Abfahrts-Training in Wengen in den Top 6 ein. Mehr...

Beat Feuz visiert das Podest an

Für Beat Feuz hat die Vorbereitung aufs Lauberhornrennen vor Ort begonnen. Der Abfahrtssieger von 2012 sieht sich nicht als Favorit, gibt sich aber ehrgeizig. Mehr...

«Vitamin C kann sicher nicht schaden»

Die Krankheitsfälle steigen markant an, Fachleute sprechen schon von einer Epidemie. Was man jetzt noch gegen die Grippe tun kann, verrät Hausarzt Beat Rössler. Mehr...

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Blogs

Foodblog Die grüne Matte-Fee

Gartenblog Zwergengarten

Service

Die Welt in Bildern

Beinfreiheit einmal anders: Im sächsischen Niederwiesa machen riesige Frauenbeine auf die Ausstellung «High Heels - die hohe Kunst der Schuhe» aufmerksam, die im nahen Schloss Lichtenwalde zu sehen ist. (23. Mai 2017)
(Bild: Sebastian Willnow/DPA) Mehr...