Feuz über Federer: «Da war ich der Schulbube»

Am Sonntag ­wurde Beat Feuz Weltmeister in der Abfahrt, am Montag lud er zum Interview. Der 30-jährige Schangnauer sprach unter anderem über Emotionen, Perspektiven und die Begegnung mit Roger Federer.

Beat Feuz: «Ablenkung kann Gold wert sein.»

Beat Feuz: «Ablenkung kann Gold wert sein.» Bild: Keystone

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Wer Weltmeister wird, hat nach dem Rennen einiges zu tun – wie sah Ihr Programm aus?
Beat Feuz: Den Nachmittag verbrachte ich am Berg. Konkret sagte ich verschiedensten Personen mehr oder weniger das Gleiche. Um 17.35 Uhr kam ich im Hotel an – und ich wusste, dass ich es um 17.45 Uhr wieder verlassen muss. Ich ging hinein und wieder hin­aus, kam eigentlich zu nichts. Nach der Siegerehrung gab ich wieder Interviews, dann gingen wir ins Swiss House. Nach den ­offiziellen Geschichten habe ich dort mit den Eltern, der Freundin und Kollegen etwas gegessen. Das war gemütlich.

Und danach...
... ging es ins Tiroler Haus. Ich hatte mit Max Franz und Patrick Küng dort abgemacht. Die Österreicher freuten sich, dass wir Schweizer zu ihnen kamen. Dann gingen wir ins Liechtensteiner Haus, welches sich in der Nähe unseres Hotels befindet, und liessen den Abend ausklingen.

Wann hatten Sie den ersten ­ruhigen Moment für sich?
Morgens um halb fünf Uhr, als ich im Bett lag, vorher hatte es keine ruhige Sekunde gegeben.

Und wann wurde Ihnen bewusst, was Sie erreicht haben?
Nach dem Aufwachen, als ich im Bett lag, schaute ich mir zum ersten Mal die Siegesfahrt an. Da kamen wenige schönen Momente hoch, da realisierte ich, von wo ich gekommen war. Wobei ich immer noch nicht ganz fassen kann, dass ich erreicht habe, was ich unbedingt erreichen wollte.

Wie war es zu dieser Zielsetzung gekommen?
Als klar war, dass St. Moritz die WM durchführen würde, war ebenso klar, dass ich nie mehr um den Gesamtweltcup kämpfen werde, mich auf einzelne Geschichten konzentrieren muss. Im letzten März gewann ich hier die ersten Rennen in meiner zweiten Karriere.

Was löste das in Ihnen aus?
Ich sah, was möglich ist. Und hatte fortan nur noch die Heim-WM im Kopf. Nun stehe ich mit der Goldmedaille da, in der Abfahrt – die Wirkung ist brutal stark.

Wie meinen Sie das?
Wengen und Kitzbühel sind Superrennen. Aber wenn es nicht aufgeht, kannst du es ein Jahr später wieder versuchen. Die Heim-WM hingegen gibt es in der Karriere genau einmal. Dass der Plan dann auch aufgeht, ist grandios. Weltmeister im eigenen Land, das ist schwer zu toppen. Olympia im eigenen Land wird es nicht geben, solange ich fahre.

Wie lange werden Sie fahren?
Ich hoffe schon noch auf zwei gute Jahre.

Nur noch zwei Jahre?
Nächsten Winter finden Olympische Spiele statt, danach kommt die WM in Are. Dort als Titelverteidiger am Start zu stehen, ist ein grosses Ziel. Längerfristig zu planen, wäre wegen meines Knies sinnlos.

Welcher Moment war am Renntag der speziellste?
Uff, da kann ich nicht nur einen nennen.

Woran denken Sie?
An das grüne Licht im Ziel – ich erhielt die Bestätigung, dass mir eine gute Fahrt geglückt war. Dann an den Moment, als die Nummer 30 unten war. Als ich in der Leaderbox stand, war mir klar, dass ich erst etwas zum Sieg sagen werde, wenn die 30 im Ziel ist. Als ich zum Fernsehinterview gebeten wurde, standen die Eltern und meine Freundin bereits dort – dieser Moment war extrem emotional.

Was empfanden Sie, als Roger Federer vor Ihnen stand?
Das war ebenfalls speziell, aber auf eine andere Art.

Auf welche Art?
Als Roger kam, war ich plötzlich der Schulbube. Ich realisierte sofort, dass Erik Guay und Max Franz Ähnliches empfanden. Wir himmelten ihn einfach nur an.

Und dann...
... hat er mir gratuliert. Ich hatte ihn schon früher kennen lernen dürfen, wir waren sofort auf der gleichen Wellenlänge. Er ist zwar ein Weltstar, aber ein völlig unkomplizierter Mensch.

Worüber haben Sie sich mit ihm unterhalten?
Er wollte wissen, wie es gewesen ist, vor Heimpublikum eine WM zu fahren. Und dann sagte er mir, dass er das Rennen als extrem spannend empfunden, es in seinem Innern gekribbelt habe. Worauf ich ihm sagte, das sei etwa das Gleiche, wie wenn ich ihm an den Australien Open zuschaue. Ich wechselte während des Finals etwa 700-mal den Kanal, weil ich nicht mehr hinschauen konnte. Da musste er lachen.

Wechseln wir das Thema. Sie ­erwähnen oft, wie wichtig Ihre Partnerin Katrin Triendl auf dem Weg zum Sieg gewesen sei. Weshalb war sie wichtig?
Weil sie während der ganzen Woche in St. Moritz gewesen ist. An stressigen Tagen gehe ich nachmittags gerne spazieren und abends auswärts essen.

Damit Sie auf andere Gedanken kommen?
Genau, im Weltcup plampen wir Fahrer normalerweise in den Hotelzimmern herum. Und an was denkst du, wenn du das an der Heim-WM tust? An die Heim-WM natürlich, an den Druck. Was nicht unbedingt erfolgversprechend ist. Ablenkung kann da Gold wert sein (schmunzelt). (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.02.2017, 08:45 Uhr

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