Sommer ohne Probleme

Wintersport ist ein Halbjahresgeschäft. Mit den sozialen Medien löst sich diese Gewissheit auf.

Mehr als nur ein Selfie: Die Schweizer bescheren ihren Sponsoren Präsenz in den Sozialen Medien.

Mehr als nur ein Selfie: Die Schweizer bescheren ihren Sponsoren Präsenz in den Sozialen Medien. Bild: Keystone

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In der ersten Nacht in St. Moritz lagen Wendy Holdener und Joana Hählen nebeneinander in ihrem Hotelbett und zogen sich nacheinander die Decke über den Kopf. «Only one more sleep until the world championship starts», schrieb die Lenkerin Hählen unter das Video und veröffentlichte es bei Instagram.

Englisch ist die Sprache der Zukunft, das ist offenbar auch im Berner Oberland ein Konsens. Dazu schrieb Hählen: #letsdothis #superexcited #yeeyeeyee. Fredykomedy kommentierte: «So fürabe Girls süscht chunnt das nid guet. Lg». Bilder und Videos wie dieses haben den Skisport verändert.

In einem Skirennen gibt es mehr Verlierer als Sieger. Die meisten Sportler leben für den Sieg, aber von den Sponsoren. Wendy Holdener, beispielsweise, erschien am Sonntag vor der WM mit einer Emmi-Trinkflasche in der Hand zur Medienkonferenz. Sie setzte sich, und hielt die Flasche zwischen sich und die Fo­tografen.

Man darf davon ausgehen, dass es nicht der Durst war, der sie dazu veranlasste. Eine Schirmmütze mit dem Logo des Kopfsponsors gehört zur Grundausrüstung des Skifahrers – daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nichts geändert.

Die Schirmmütze

Lange gab es in der Beziehung von Skifahrer und Sponsor ein Problem: der Sommer. Da verschwand der Skifahrer aus der ­Öffentlichkeit. Die Schirmmütze wurde in dieser Zeit von einem ökonomischen Faktor zu einem Sonnenschutz. Der Skisport war ein Halbjahresgeschäft.

Mit den sozialen Medien verändert sich diese Wahrheit. Wendy Holdener stellte an einem Sonntag im Sommer ein Bikinibild von sich ins Internet. Man sah sie im Kopfstand auf einem Surfbrett – neben ihr auf dem Brett lag die Schirmmütze mit dem Logo ihres Sponsors.

Joana Hählen veröffentlichte ein Bild, auf dem man sie mit einer Freundin beim Baden sieht: «Great way to spend a hot sunday», #aarebötli #flouting #sundayfunday. Wendy Holdener kommentierte: «gsed hammer us!», und Tina Weirather schrieb: «Vermisss diiii». Als Fan des Schweizer Frauenteams konnte man sich in dem Moment zur Entourage zählen.

Thomas Rieder leitet das Sponsoring bei Swisscom, dem Hauptsponsor von Swiss-Ski. Er sagt: «Lange mussten wir hoffen, dass im Sommer irgendein Journalist über das Trainingslager berichtet. Heute können wir sicher sein, dass die Athleten ein paar Bilder posten.»

Gewissheit statt Hoffnung, das ist die Macht der neuen Medien. Rieder besuchte St. Moritz während der WM – im Dorf sah er seine Sportler auf grossen Plakaten. Am Fernsehen liefen die Werbespots mit den Athleten der Swisscom. Sponsoring 1.0. Aber das reicht nicht mehr.

Das Ziel einer Werbung ist es, nicht als Werbung erkannt zu werden. In der neuen Welt des Sponsorings transportiert die Firma ihre Botschaft deshalb nicht mehr selber, die Aufgabe übernimmt jetzt der Athlet. «Jeder Skifahrer hat in den sozialen Medien seine Community», sagt Rieder, «und in dieser Community ist seine Glaubwürdigkeit maximal. Deshalb animieren wir die Athleten, unsere Botschaften auf ihren Kanälen zu promoten.»

Marke Hirscher

Marcel Hirscher erzählt in den sozialen Medien die Geschichte eines Rekordfahrers: «Das ist meine Welt, ich zeige sie euch!» Hirscher schreibt unter fast jedes Bild, das er ins Internet stellt: #verleihtflügel #championstrainwithtechnogym. Es sind Referenzen an zwei seiner Sponsoren, einen gut bekannten Dosengetränkehersteller und ein weniger gut bekanntes Fitnesscenter. Hirschers Aktivitäten in den sozialen Medien sind hochgradig professionalisiert. Er ist das, was man eine internationale Marke nennt.

Joana Hählen ist in diesem Winter primär noch eine lokale Marke. Auf ihrem Instagram-Konto erzählt sie die Geschichte einer staunenden Sportlerin: «Schaut mal, was ich so alles erlebe! Ich glaube es manchmal selber nicht!» Hählen schreibt unter ihre Bilder: #hoppschwiz #viuspass.

Geschäft oder Spass – es gibt keine Zweifel, in welche Richtung die Entwicklung geht. Thomas Rieder, der Sponsoringleiter bei Swisscom, sagt: «Die neuen Medien sind ein zusätzliches Argument, in den Skisport zu investieren.» Joana Hählen, um beim Beispiel zu bleiben, stellte vor ein paar Tagen ein Bild von sich und Karl Frehsner ins Internet. Sie schrieb: «As always it is a great pleasure to hang out with Karl the legend.» Es ist immer eine Freude, mit Karl zusammen zu sein!

Karl Frehsner, der Schweizer Trainer aus dem letzten Jahrtausend, unterhält kein Instagram-Profil, aber so war er dennoch präsent. Auch eine Legende kann sich der Schwerkraft der neuen Welt nicht entziehen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 09:16 Uhr

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