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Corona-Ausbruch in Frankfurt112 Infizierte nach Gottesdienst: Kirche räumt Fehler ein

Nach einem Gottesdienst in Frankfurt haben sich über hundert Personen mit dem Coronavirus infiziert – trotz Schutzkonzepten. Nun ist klar, wie es dazu kommen konnte.

Hätten die Ansteckungen verhindert werden können? Evangeliumschristen-Baptistengemeinde in Frankfurt.
Hätten die Ansteckungen verhindert werden können? Evangeliumschristen-Baptistengemeinde in Frankfurt.
Foto: Sebastian Kramer, DPA/Keystone 

Im Zusammenhang mit dem Coronavirus-Ausbruch in Frankfurt und weiteren hessischen Landkreisen mit bisher mindestens 112 offiziell gemeldeten Infizierten kommen neue Erkenntnisse ans Tageslicht. Auf der Internetseite der betroffenen Kirchgemeinde räumen die Verantwortlichen erstmals Versäumnisse bei der Durchführung des Gottesdienstes am 10. Mai ein.

So habe man zwar separate Ein- und Ausgänge benutzt, ausreichend Desinfektionsmittel bereitgestellt und einen Abstand von 1,5 Meter eingehalten. Nachholbedarf bestand jedoch offenbar andernorts: «Im Nachhinein betrachtet wäre es für uns angebracht, beim Gottesdienst Mund-Nasen-Schutzbedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten», schreiben die Evangeliumschristen-Baptisten Frankfurt auf ihrer Website.

Eine generelle Maskenpflicht oder ein Gesangsverbot hat das Bundesland Hessen für die Wiederaufnahme des kirchlichen Betriebs per 1. Mai allerdings auch gar nie ausgesprochen. Manche lokalen Religionsgemeinschaften haben jedoch von sich aus weitergehende Massnahmen beschlossen. Weshalb Hessen im Unterschied zum öffentlichen Verkehr und in Geschäften keine Maskenpflicht für den Besuch der Kirchen vorschrieb, liess das Hessische Sozialministerium auf Anfrage der «hessenschau» unbeantwortet.

Vereinsvorsitzender in kritischem Zustand

Die hessischen Gesundheitsämter haben laut eigenen Angaben sofort mit dem Contact-Tracing der Infizierten angefangen, um mögliche Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen. Viele der strenggläubigen Gemeindemitglieder stammen aus Russland. Die Mehrheit hat sich wohl nicht direkt beim Gottesdienst selbst, sondern erst im Nachhinein als Folge des Kontaktes zu Anwesenden angesteckt.

Das hessische Sozialministerium erhöhte die Anzahl der Infizierten am Montag von 107 auf 112. Da es in der Kirchgemeinde viele Familien mit fünf und mehr Kindern gebe, nehme die Anzahl der Ansteckungen zu Hause weiter zu, schreibt die Freikirche auf ihrer Website. Nach Angaben des Leiters des Frankfurter Gesundheitsamtes, René Gottschalk, hatten etwa 180 Personen den Gottesdienst besucht.

Die Betroffenen seien in häuslicher Quarantäne. Der Vereinsvorsitzende befindet sich gemäss Schreiben der Freikirche als Einziger in kritischem Zustand auf der Intensivstation. Viele befänden sich jedoch «auf einem guten Weg der Genesung» und einige seien bereits wieder gesund. In der Zwischenzeit führt die Kirche laut eigenen Angaben ihre Gottesdienste nur noch online durch.

Freikirche droht strafrechtliche Untersuchung

Wegen des sorglosen Umgangs mit den Hygieneregeln drohen der Kirche nun offenbar strafrechtliche Ermittlungen. «Das Gesundheitsamt rekonstruiert das Geschehen sehr genau. Sobald wir alle Erkenntnisse haben, werden wir prüfen, ob wir entsprechende rechtliche Schritte einleiten», sagte eine Sprecherin des Frankfurter Gesundheitsdezernats am Dienstag gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Manche Stimmen empfehlen nun das Führen einer Namensliste zur besseren Nachverfolgung von Infizierten, wie das bereits bei Gaststätten der Fall ist. Zwar würden schon manche Kirchen so verfahren, allerdings nur auf freiwilliger Basis. Eine einheitliche Richtlinie vonseiten des Bundeslandes würde eine schnelle und effiziente Nachverfolgung der Kontakte ermöglichen, meinte Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer.

sho