Erst spielen, dann zocken

Diese Woche findet in Las Vegas die Curling-Weltmeisterschaft statt. Das Schweizer Team ist auf Kurs – obwohl die Verlockungen abseits der Halle gross sind.

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Marco Oppliger@BernerZeitung

Manchmal muss Marc Pfister stark sein. Dann etwa, wenn er nach draussen blickt. Die Sonne scheint ununterbrochen, eine üppige Pool-Landschaft lädt zum Verweilen ein. Und nur eine Meile entfernt glitzert und blinkt es entlang des berühmten Las Vegas Strip. «Verlockend ist das alles, klar», meint der Skip der Schweizer Curler. «Aber wenn ich zum Beispiel den ganzen Tag am Pool liegen würde, wäre ich am Abend, wenn es ernst gilt, schlapp.» Für ihn, Bruder Enrico, Raphael ­Märki und Simon Gempeler gilt im Spielerparadies: zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Zum ersten Mal vertritt der CC Adelboden in dieser Formation die Schweiz an einer Weltmeisterschaft. Die vier Berner wollen sich in der Round Robin einen Platz in den Top 6 sichern, dieser würde zur Teilnahme an den Playoffs berechtigen. Weil die Olympischen Spiele erst vor rund einem Monat zu Ende gingen, haben nur wenige Nationen ihre Topteams nach Nevada entsandt. Deshalb stehen die Chancen der Schweizer, im Kampf um den WM-Titel mitzumischen, gut – zumindest auf dem Papier.

Doch Pfister warnt: «Man sollte hier wirklich kein Team unterschätzen.» Schliesslich haben er und seine Mitspieler zum Auftakt erlebt, wie nah Glück und Pech beieinanderliegen. 4:1 führten sie gegen China, am Ende resultierte eine 5:6-Niederlage. Es folgten die Partien gegen die Favoriten Kanada und Schweden, welche klar (2:7 und 3:7) verloren gingen. Zuletzt indes vermochten sich die Schweizer aufzurappeln, sie siegten gegen Deutschland, Italien und Korea – und sind damit auf Playoff-Kurs.

Elvis und Marilyn gehen vor

Für Pfister ist es die dritte WM-Teilnahme. «So etwas wie hier habe ich noch nie gesehen», meint er lachend. Das begann bereits bei der Eröffnungszeremonie. Angeführt von Elvis- und Marilyn-Monroe-Doubles marschierten die Teams durch das Hotel Orleans, zu welchem mit der 8000 Plätzen fassenden Arena auch die WM-Spielstätte gehört. «Es war Halligalli.» Begeben sich die Curler zur Halle, müssen sie zuerst an Hunderten Spielautomaten vorbeigehen. Für Pfister, der zum ersten Mal in Las Vegas weilt, ist das aufregend. «Es ist wie im Film, nur dass man nicht so viel gewinnt», sagt er. Wobei er betont, nur zocken zu gehen, wenn er nicht im Einsatz steht.

Vor drei Jahren entschied der Weltverband, die Titelkämpfe an die Metropole in der Wüste von Nevada zu vergeben – was reichlich surreal wirkte. Allerdings fand hier 2014 und 2016 schon der Continental-Cup statt, ein Wettkampf zwischen Nordamerikanern und Europäern, ähnlich dem Ryder-Cup im Golf. Und dieser genoss überraschend grossen Publikumszuspruch. Auch jetzt sind die Ränge trotz schönstem Wetter und einer Fülle an Alternativen gut besetzt, was in erster Linie an den vielen kanadischen Touristen liegt.

Hinzu kommt, dass in Pyeongchang John Shuster für die USA erstmals Olympiagold gewann, dem Sport in seiner Heimat damit eine grosse Plattform bot. Wobei dies nicht alle Amerikaner mitbekommen haben. «Wir versuchten, einem Taxifahrer zu erklären, was wir tun», sagt Pfister, «er wollte es nicht verstehen.»

Berner Zeitung

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