Vivaldis «vier Jahreszeiten» einmal anders

Interlaken

Beinahe ein ganzes Jahr lang haben rund 150 Laien- und Profimusiker geprobt, um alle vier Jahreszeiten aufzuführen.

Blick auf eine vollbesetzte Bühne und eines ebensolchen Konzertsaales.

Blick auf eine vollbesetzte Bühne und eines ebensolchen Konzertsaales.

(Bild: Orith Tempelman)

Fällt in einem musikalischen Rahmen der Begriff Jahreszeiten, denkt man meist an Vivaldi und erst in zweiter Linie an Haydn, denn Vivaldi hat einen Evergreen geschrieben, Haydn eher einen Ladenhüter.

Gerade weil Joseph Haydns «Jahreszeiten» relativ selten aufgeführt werden, sind sie in die ­engere Wahl der Initianten – Marlène Studer, OK-Vorsitzende, Markus Inauen, Leiter der Chorgemeinschaft Unterseen, Ga­briela Moser Regli, Leiterin des Frauenchors Meiringen, des Männerchors Sängerbund Meiringen und des Singkreises Meiringen-Hasliberg, sowie Leonardo Muzii, Dirigent des Orchestervereins Interlaken – aufgenommen worden.

Gewählt wurde das Werk schliesslich auch, weil es entgegen den meisten Oratorien auf Deutsch gesungen wird. Paradoxerweise begründete gerade dieses Kriterium Anfang des 19. Jahrhunderts den relativ bescheidenen Erfolg der Komposition. Und der Umstand, dass Haydns Oratorium auch nicht ­religiös geprägt ist, sorgte anno dazumal ebenfalls für etliches Nasenrümpfen.

Erster Höhepunkt

Die monatelange Vorbereitung der beiden Konzerte von Inter­laken und Meiringen erreichte am Samstag in der Konzerthalle des Kursaals Interlaken einen ersten Höhepunkt. Hier wurde keine tadelnde Augenbraue ge­hoben und keine Nase gerümpft, sondern – zu Recht – geklatscht. Der eine oder andere Zuhörer dürfte auch mehr als einmal wegen der unfreiwilligen und un­beabsichtigten Komik der herrlich veralteten Sprache des Li­brettos geschmunzelt haben. Und als der Tenor «Hört, wie vom Tal ein dumpf Gebrüll den wilden Sturm verkünd’t» sang und just in diesem Moment im Publikum lautstark geniest wurde, dürfte manch einer sogar innerlich gelacht haben.

Die drei Gesangssolisten María Cristina Kiehr, Sopran, Mark Bonney, Tenor, und Lisandro ­Abadie, Bassbariton, kurzfristig für den erkrankten Sebastian Goll eingesprungen, führten grossartig Dialog untereinander, mit dem Chor, dem Orchester und dem exzellenten Cembalisten. Nur einzelne minimale «Wackler» trübten das ansonsten perfekte Zusammenspiel. Ebenfalls beeindruckend war die Harmonie zwischen Streichern und Bläser, vor allem wenn man bedenkt, dass Letztere nicht ständig im Orchester integriert sind, sondern jeweils ad hoc zu Konzerten zugezogen werden.

Alle Musizierenden unter der Leitung von Leonardo Muzii sowie die Initianten und Chor­dirigenten durften am Ende des dreistündigen Konzerts vom zahlreichen Publikum im Kursaal Interlaken einen verdienten und warmen Applaus entgegennehmen.

Berner Oberländer

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