Baggios Fehlschuss – der Schmerz bleibt

Genau 25 Jahre ist es her, dass Roberto Baggio im Elfmeterschiessen des WM-Finals seinen Penalty verschoss.

Im WM-Final 1994 verschoss Roberto Baggio seinen Penalty. Der Italiener wurde so zur tragischen Figur des Turniers. (Video: Youtube)

Roberto Baggio ist ein bemerkenswert ehrlicher Mensch. Und weil der gläubige Buddhist so ehrlich ist, gibt er in seinen raren Interviews offen zu, dass er noch oft von jenem Moment zur Mittagszeit am 17. Juli 1994 im Rose Bowl Stadium zu Pasadena träumt. Wie gerne würde er ihn nochmals erleben, wenn auch mit anderem Ausgang. Im Schlaf ist das möglich: Baggio wähnt sich dann am Elfmeterpunkt, wie er den Ball setzt und Anlauf nimmt. Er ist ganz ruhig und zweifelt nicht daran, dass er im notwendig gewordenen Penaltyschiessen des WM-Finals zwischen Italien und Brasilien treffen wird. Was auch der Fall ist – im Traum.

Wenn er aufwacht, hat er ein Lächeln auf den Lippen, wie er in seiner Biografie «Ein Tor im Himmel» erzählt. Bis ihm bewusst wird: Alles nur eine Illusion, die Wirklichkeit ist ein Albtraum. In Tat und Wahrheit drosch er den Penalty damals vor genau 25 Jahren über den Querbalken in den Himmel und machte Brasilien zum Weltmeister. Baggio blickte dem Spielgerät noch lange hinterher, gedankenverloren, aber vielleicht mit einer Vorahnung, dass der Schmerz über diesen fatalen Moment unauslöschlich bleiben würde.

Die Mutter aller Fehlschüsse

Jede Fussballweltmeisterschaft schreibt ihre ganz eigenen Geschichten, die den Menschen zuallererst in den Sinn kommen. Das Wembley-Tor 1966, das trefferreiche «Spiel des Jahrhunderts» vier Jahre später zwischen Deutschland und Italien, die Hand Gottes 1986 – von der WM 1994 ist es dieser Moment von Roberto Baggio am Elfmeterpunkt, der vor allem in Erinnerung bleibt. Der verschossene Penalty gilt seitdem als die Mutter aller Fehlschüsse. Nach der WM sollte er die Szene für Werbespots denn auch genauso nachstellen, was ihm jedoch nicht mehr gelingen wollte. «Nun traf ich immer», schreibt er in seiner Biografie. Tatsächlich zählte er zu den treffsichersten Penaltyschützen überhaupt. Aber nicht im wichtigsten Moment seiner Karriere.

Baggios Fehlschuss ist doppelt ungerecht, weil die Squadra azzurra ohne ihre Nummer 10 gar nicht erst so weit gekommen wäre. Nationaltrainer Arrigo Sacchi, der den Fussball bei der AC Milan mit Raumdeckung, Pressing und dem 4-4-2-System revolutioniert hatte, setzte voll auf den Weltfussballer von 1993. «Roberto», machte er ihm früh klar, «du bist für Italien, was Maradona für Argentinien ist: fundamental wichtig.» Im Vorrundenspiel gegen Norwegen nahm er seinen Schlüsselspieler trotzdem bereits nach 22 Minuten vom Platz – eine taktische Massnahme, weil Goalie Gianluca Pagliuca zuvor des Feldes verwiesen worden war. Baggio reagierte irritiert und sagte beim Hinausgehen, gut sichtbar für die TV-Kameras: «Der ist verrückt.»

120 Minuten blass

Die italienischen Medien machten eine grosse Geschichte daraus, Sacchi aber hielt den Ball flach. Er zeigte Verständnis für Baggios Reaktion und setzte weiterhin auf ihn. «Il divin codino» (das göttliche Zöpfchen), wie er wegen seines Schwänzchens am Hinterkopf genannt wurde, dankte ihm das Vertrauen mit entscheidenden Toren in den K.-o.-Spielen gegen Nigeria, Spanien und Bulgarien. Damit hatte es Italien in den WM-Final geschafft, für Baggio wurde ein Traum wahr.

Er war aber müde von den Anstrengungen der vorherigen Partien. Auch machten ihm die strapaziösen Bedingungen in den USA zu schaffen, mit 40 Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent. Vergeblich hofften Mitspieler und die Fans der Azzurri auf eine besondere Eingebung des Fussballgenies. Baggio galt sowohl als genialer Vorbereiter als auch als präziser Vollstrecker. An diesem Tag in Pasadena blieb er jedoch über die gesamten 120 Minuten blass. Erst im Penaltyschiessen machte er sich unsterblich, aber nicht auf die Art, die er sich gewünscht hatte.

Kein Trost

Heute führt Roberto Baggio ein zurückgezogenes Leben. Interviews gibt er wie erwähnt nur selten: «Ich bin keiner, der viel redet.» Dafür liess sich in diesen Tagen seine älteste Tochter Valentina zum berühmten Elfmeter vernehmen. Die heute 28-Jährige war damals mit ihrer Mutter im Stadion. «Der Fehlschuss hat meinen Vater noch menschlicher gemacht. Aber er war nicht der Einzige, der nicht traf. Viele vergessen, dass Franco Baresi den ersten Penalty verschoss.» Und auch Daniele Massaro sah seinen Versuch abgewehrt. Für Roberto Baggio ist das kein Trost.

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