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Todesopfer des Coronavirus63 Jahre verheiratet, am Ende starben sie getrennt

Olga und Vincenzo Molino aus Norditalien bekamen hohes Fieber, wurden gemeinsam ins Spital gebracht und schieden fast gleichzeitig aus dem Leben.

Kerzen zum Gedenken an die Covid-19-Verstorbenen in der Kirche San Simpliciano in Mailand.
Kerzen zum Gedenken an die Covid-19-Verstorbenen in der Kirche San Simpliciano in Mailand.
Foto: Luca Bruno (AP)

In dem Moment, als Olga Molino klar wurde, dass sie jetzt getrennt werden würde von ihrem Mann, mit dem sie 63 Jahre verheiratet war, da fragte sie nach der Jacke. Ob sie die Jacke ihres Mannes bitte mitnehmen dürfe in ihr Krankenzimmer. Das sei die einzige Möglichkeit, wie sie sich ihm nahe fühlen könne. So hat es die Enkelin des Paares der Zeitung Eco di Bergamo erzählt.

Olga und Vincenzo Molino, 83 und 82 Jahre alt, wurden am 11. November gemeinsam in das San-Gerardo-Spital in der italienischen Stadt Monza eingeliefert. Jeweils mit Verdacht auf Covid-19. Vier Tage später waren die beiden tot.

«Sie waren sehr vorsichtig», erzählt die Enkelin. Beide hätten die Berichte über die rasant steigenden Infektionszahlen in der Region Mailand gelesen und beiden sei auch bewusst gewesen, wie dramatisch die Lage im Frühjahr gewesen war, während der ersten so tödlichen Pandemiewelle, als täglich allein in der Lombardei Hunderte Menschen an dem Virus starben. «Nur mein Grossvater verliess das Haus, um die Einkäufe zu erledigen oder zur Apotheke zu gehen», sagt die Enkelin. Irgendwo muss er sich angesteckt haben.

Der Arzt verschrieb ein Mittel gegen Influenza

Schon zehn Tage bevor das Ehepaar ins Spital gebracht wurde, bekamen beide hohes Fieber, zuerst Vincenzo Molino, dann seine Frau. Doch der Arzt habe keinen Hausbesuch gemacht, sondern nur ein Medikament gegen Influenza verschrieben, erzählt die Enkelin. Erst als das Fieber immer schlimmer wurde, riefen Familienmitglieder den Rettungsdienst an, der die beiden sofort in die Klinik brachte.

Das Paar lebte in einer Wohnung in Sesto San Giovanni. Die 80'000-Einwohner-Industriestadt im Speckgürtel von Mailand ist bekannt, weil Campari hier seinen Sitz hat und Anis Amri, der Terrorist, der den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz verübte, hier einen Tag vor Weihnachten 2016 von italienischen Polizisten erschossen wurde.

Die schönste Erinnerung der Enkelin: Wie Oma und Opa Nudeln formten

Olga und Vincenzo Molino hatten sich als Jugendliche in Apulien kennengelernt, waren aber dann 1957 in die Region Mailand gezogen, wo Vincenzo Arbeit bei einem Stahlunternehmen gefunden hatte. Die Enkelin erzählte der Zeitung, sie werde eine Szene in schöner Erinnerung behalten von ihren Grosseltern. Ihre Oma habe selbst Pasta hergestellt, Orecchiette, die deshalb so heissen, weil ihre Form an kleine Ohren erinnert. Die Oma habe den Teig geformt und der Opa dann jede einzelne Nudel aus ihren Händen genommen und zum Trocknen zur Seite gelegt.

«Sie waren sehr verbunden», sagt die Enkelin. Noch Ende September hatte das Ehepaar seinen Hochzeitstag gefeiert. Am vergangenen Sonntag um 15 Uhr schlief Vincenzo ein, eine Stunde früher seine Frau, vermutlich mit der Jacke neben sich.

31 Kommentare
    Peter Zonv

    Erschreckend, wie auch in den Beiträgen hier die Spaltung der Gesellschaft lesbar ist. Ob mit, an oder ohne Corona: gestorben wurde und wird schon immer. Erschreckend sind nur die Zustände in Italien, denn die werden erst heute publik gemacht. Schlimm und unwürdig war es dort schon immer, jedenfalls in den öffentlichen Spitälern. Wie auch in Spanien und anderen Südeuropäischen Ländern. Aber diese Tatsache wird in unserer Wohlstandsschweiz völlig ignoriert. So sehr, dass auch hier die alten und kranken Menschen sich nicht mehr in fie Spitäler trauen. Die Folgen sind in den Statistiken sichtbar....