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Sommerserie GrenzenÄusserlich kerngesund, innerlich voller Zweifel

Was mit immer höherem Druck bei der Arbeit beginnt, endet für Daniel M. in einem Klinikaufenthalt. Burn-out. Daniel M. erzählt, wie er an seine Grenzen gestossen ist.

Heute kann Daniel M. wieder nach vorn blicken. Noch vor nicht allzu langer Zeit sah er in seinem Leben keine Perspektive mehr.
Heute kann Daniel M. wieder nach vorn blicken. Noch vor nicht allzu langer Zeit sah er in seinem Leben keine Perspektive mehr.
Foto: Christian Pfander

Daniel M. kommt direkt vom Büro seines neuen Arbeitgebers ans Gespräch – und das mit grossen Schritten. Er trägt ein weisses Hemd und schwarze Anzughosen, elegante Schuhe. M. ist gross, sein Auftreten wirkt sicher, offen, die Augen blicken einem aufmerksam und freundlich entgegen, der Blick hält dem des Gegenübers problemlos stand.

Dass das Leben dieses gestandenen, sympathischen Mannes vor noch nicht allzu langer Zeit einem Scherbenhaufen glich, erfährt man erst, wenn man sich seine Geschichte anhört, hinter sein Auftreten blickt. Dass er «eine Talsohle» erreicht hat, wie er sagt, einen Punkt, an dem er sich gefragt hat, ob es sich überhaupt lohnt, weiterzufahren, weiterzuleben. M. schaut vom Tisch auf. «Hätte es einen Knopf gegeben, den ich hätte drücken können, um mein Leben zu beenden, ich hätte ihn gedrückt.»

Dieses Tief, die Grenze, die er erreicht hat, benennt er nur einmal im ganzen Gespräch. Burn-out. «Eine von verschiedensten Formen der Depression», sagt der 48-Jährige aus der Region Bern. Burn-out, das klinge «salonfähiger» als das Wort Depression.

Über diese Zeit, diese Krankheit, will Daniel M. sprechen. Er will darüber sprechen, weil das Thema häufig immer noch als Tabu wahrgenommen werde. Er will einen normalen Austausch darüber pflegen, ohne diesen Teil seines Lebens zu verstecken. Und doch möchte er anonym bleiben, da dieses Thema insbesondere in der Arbeitswelt immer noch wenig bis keinen Platz hat und auf wenig Verständnis stösst.

Heute empfindet Daniel M. wieder Lebensfreude und Zuversicht. «Es kommt gut», sagt er. Er erzählt von seiner Bucket List, auf der er Dinge aufgeschrieben hat, die er noch erleben und sehen möchte. Und von vermeintlich kleinen Schritten, die ihm aber viel bedeuten. Etwa, mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. «Das klingt banal, ich weiss.» Aber: Noch vor einiger Zeit wäre so etwas nicht möglich gewesen. Zu viele Zweifel haben M. sogar bei solchen Sachen begleitet, zu viele Fragen hat er sich gestellt, zu viel hinterfragt. Was, wenn es plötzlich regnen sollte, wo kann er sich umziehen, wo die Ersatzkleider einpacken?

Freizeit? Fehlanzeige

Die Talsohle, die Grenze, die er erreicht hat, ist schleichend gekommen. Nicht wie eine Grippe, bei der man sich plötzlich unwohl fühlt, sondern nach und nach, mit kleinen Anzeichen, die sich zu einem grossen Ganzen kumuliert haben.

Daniel M. erzählt vom Sommer 2015. Damals hat alles begonnen. In seinem Job wird viel von ihm gefordert, er trägt Verantwortung im Unternehmen, ist lange Arbeitstage und Druck gewöhnt. Innert kurzer Zeit verschlechtert sich seine berufliche Situation stark. Es gibt einen Wechsel im Management, eine Vielzahl von Projekten, die am besten gleichzeitig in Angriff genommen werden sollten, eine neue Struktur im Unternehmen, in der Daniel M. keinen Platz mehr haben soll. Die Arbeit nimmt noch mehr Zeit in Anspruch, Ferien ohne Mails oder Anrufe sind nicht möglich. Abschalten und sich erholen – Fehlanzeige. «Im Unternehmen wurde ich verheizt, machte und sagte immer mehr nur das, was man von mir hören wollte.» Aus diesem Teufelskreis sei er nicht mehr herausgekommen.

Dazu kommen Durchhalteparolen aus dem Umfeld. «Das wird schon wieder besser werden», sagt man ihm. «Ich hätte jemanden gebraucht, der mir unmissverständlich sagt, dass ich kündigen soll.» Seine Angst vor der Arbeitslosigkeit, vor dem Verlust des Einkommens, lässt ihn diese Möglichkeit aber gar nicht in Erwägung ziehen.

Im Arbeitsalltag kommen immer grössere Zweifel auf, M. hinterfragt immer häufiger auch sich selber. Auch sonst in seinem Leben erfreut er sich an immer weniger Dingen, zu Hause, wo eine Familie wartet, gibt es keine Freizeit. Alles ist mühsam, alles wird als Belastung angesehen. «Am liebsten hätte ich allen, die etwas von mir wollten, gesagt, sie sollen mich in Ruhe lassen.» Dazu kommt die bleierne Müdigkeit, die nicht verschwindet. Und Schwindel – «ein treuer Begleiter», sagt er. Er unterzieht sich im Spital einigen Gesundheitstests, doch diese fördern nur eins zutage: Daniel M. ist körperlich kerngesund.

Sein Hausarzt will ihn krankschreiben, doch er weigert sich. «Ich wollte selber wieder aus diesem Tief herauskommen, ohne Hilfe.» Schliesslich gesteht er sich doch ein, dass es ohne Hilfe nicht geht, und lässt sich doch noch krankschreiben. Nach dieser Zeit jedoch wird er von seinem Arbeitgeber entlassen. «Das hat mir endgültig den Boden unter den Füssen weggezogen.» In diese Periode fällt auch die Trennung von seiner Familie. Die Frage nach Sinn und Unsinn stellt sich M. danach nicht mehr über seine Arbeit, sondern über sein Leben. Die Worte, die er ausspricht, gehen ihm auch heute noch sehr nahe. Trotzdem will er es genau so sagen, wie es damals für ihn gewesen ist.

Bedürfnisse beiseitegeschoben

Daniel M. erhält schliesslich einen Kontakt von einer Klinik. Bis er zum Telefonhörer greift, vergeht aber wieder viel Zeit. «Diese Handlung erschien mir so wahnsinnig wie die Besteigung des Mount Everest», erklärt er. Als er sich aber durchringt, anzurufen, verspürt er eine grosse Erleichterung. Das hat auch mit der Person zu tun, die ihn fortan betreut und begleitet. Die erkennt, in welcher Lage er sich befindet, ihn auf seinen Notfall aufmerksam macht und sofort reagiert. So entscheidet er sich, einen stationären Aufenthalt in einer Klinik zu machen.

Diesen tritt er im August 2018 an. Im Nachhinein sagt M., es sei das Beste gewesen, was er in seinem Leben für sich persönlich gemacht habe. «Vorher habe ich mich und meine Bedürfnisse immer in den Hintergrund gestellt und mich selber nicht zu wichtig genommen.» Hier aber lernt er, was ihm guttut und was nicht, setzt sich mit sich selber auseinander. Gesteht sich ein, dass er schon von Kindesbeinen an immer ein bisschen unter Druck gestanden hat, gut genug zu sein. «Natürlich waren das keine einfachen Wochen, natürlich war es emotional und ging nicht immer konstant bergauf.» Eine Therapie sei nicht wie ein Aspirin, das man einnehme und das wenig später Wirkung zeige. Viel Wille brauche es dazu, Zeit, Geduld und Vertrauen zu den Ärzten und Betreuern. In diesem Umfeld gelingt es Daniel M. nach und nach, wieder Mut zu fassen, Energie zu tanken, vorwärtszuschauen.

Ermüdung erkennen

Dieser Aufenthalt liegt nun fast zwei Jahre zurück. Der Notfallplan sei das gewesen, sagt er. Besiegt hat er die Krankheit auch heute noch nicht. Er wird weiterhin von einer Psychologin betreut. Phasen, in denen er nachdenklicher ist als sonst und weniger gut drauf, kommen immer noch vor. Trotzdem: «Die Kurve zeigt stetig nach oben.» Wenn Daniel M. merkt, dass er müde wird, viel um die Ohren hat, kann er das heute erkennen – und im Gegensatz zu früher vor allem auch handeln. Sich Oasen einplanen, wo er wieder Energie tanken könne, sei wichtig. Die Rückfallquote bei Burn-out-Patienten ist gemäss M. hoch. «Ich werde aber alles daransetzen, dass ich nie wieder in eine solche Lage gerate.»

Am Schluss gehe es, sagt er, vor allem darum, dass man für sich und seine Bedürfnisse einsteht. Dass man sich eingesteht, wenn ein bestimmter Punkt gekommen ist, an dem es für einen nicht mehr stimmt. Dass sich etwas ändern muss, damit man gesund bleiben kann. Dass er das so lange nicht konnte, ist ihm beinahe zum Verhängnis geworden. Daniel M. schaut vom Tisch auf. «Zum Glück nur beinahe.»