Der Fluch der Zeit

Niemand ist so berühmt und so erfahren wie Hillary Clinton, aber sie wäre bei einem Amtsantritt als ­Präsidentin 69. Kann man ihr einen Neuanfang zutrauen?

«Ich denke darüber nach»: Ex-Aussenministerin Hillary Clinton über ihre Kandidatur fürs Weisse Haus. (Getty Images)

«Ich denke darüber nach»: Ex-Aussenministerin Hillary Clinton über ihre Kandidatur fürs Weisse Haus. (Getty Images)

Nicolas Richter@n_richter

Das Spiel «Kandidiert Hillary Clinton 2016 für das Weisse Haus?» ist einfach und geht immer gleich. Wenn sie vor ihren Fans auftritt, schmunzelt Hillary Clinton und sagt vielsagend: «Ich denke darüber nach.» Dann lässt sie ihren Fans ein paar Augenblicke Zeit zum Jubeln, bis sie hinzufügt: «Aber heute bin ich nicht deswegen hier.» Die Fans antworten enttäuscht mit «Uuhs» und «Oohs».

Natürlich glaubt jeder in Amerika zu wissen, dass sie sich bewerben wird um das höchste Amt. Clinton hat diesen Eindruck so sehr geschürt, dass alles andere sonderbar wäre. Trotzdem möchte es die Öffentlichkeit nun endlich von ihr selbst hören und, vielleicht mehr noch, ihre ­eigene Partei. Seitdem Präsident Barack Obama die Mehrheit im Land mehr enttäuscht als begeistert, sehnen sich die Demokraten nach einer neuen Lichtgestalt.

Die Partei hat nicht nur die jüngste Kongresswahl verloren, sie hat davor auch erbärmlich ausgesehen. Statt die ­Erfolge Obamas hervorzuheben – die sinkende Arbeitslosigkeit, die Krankheitsvorsorge, die Initiativen zum Klimaschutz –, haben die Demokraten ihn verleugnet wie Teenager, die sich für ihre Eltern schämen. Die Demokraten verfechten durchaus noch mehrheitsfähige Ideen wie Mindestlohn, Gesundheitsschutz, höhere Steuern für die Reichsten, Legalisierung von Cannabis, aber ihnen fehlt das Selbstvertrauen, um andere davon zu überzeugen. Die Partei ist verzagt, und sollte sie jemand schnell aufrichten können, dann nur Clinton als Kandidatin für die Präsidentschaft. Niemand ist so berühmt, vernetzt und erfahren wie sie.

Der Oma-Faktor

Genau darin aber liegt für sie auch der Fluch: In Washington nennt man es die Tücke des Unvermeidlichen. Schon im Jahr 2007 galt Clinton als nächste Präsidentin, aber dann tauchte Barack Obama auf, und plötzlich wirkte sie gestrig und verkrampft. In den kommenden beiden Jahren könnte sich die Geschichte wiederholen. Alle offensichtlichen Vorteile, die Clinton ihrer Partei und ihrem Land zu bieten hat, könnten sich ein weiteres Mal in Nachteile verkehren.

Beispiel eins: die Marke Clinton. Bill und Hillary Clinton sind Superstars, sie bespielen jede Bühne, werfen sich für Parteifreunde in den Wahlkampf oder empfangen als «Clinton Global Initiative» die Weltprominenz. Sie nähren eine wohlige Nostalgie, eine Erinnerung an die Neunzigerjahre, als Bill Clinton Präsident war und die Gehälter noch stiegen in Amerika. Aber die Clintons sind eben Geschöpfe Washingtons, immer überall dabei, im Weissen Haus, im Parlament, im Aussenministerium. Für Hillary Clinton ist das riskant in einer Zeit, da die ­Wähler so rebellisch und unzufrieden mit ­Washington sind wie selten. Wer sich für das Weisse Haus bewirbt, der gibt sich deswegen oft als Aussenseiter, als einer, dem der Hauptstadtfilz fremd ist. Als Kandidatin müsste Hillary also die Stadt verleugnen, die sie so gross gemacht hat.

Beispiel zwei: der Oma-Faktor. Hillary ist neuerdings Grossmutter, sie wirkt weich und gelassen; zwei Eigenschaften, die vor allem die Rechten ihr früher abgesprochen haben. Gleichzeitig hat Clinton als First Lady, Senatorin und Aussenministerin eine Kompetenz angesammelt, die nicht zu übertreffen ist. Kein Präsident der jüngeren Geschichte hatte beim Amtsantritt so viel diplomatische Erfahrung zu bieten wie Hillary beim möglichen Amtsantritt Anfang 2017. Andererseits wäre sie dann 69 Jahre alt, und es ist nicht klar, ob sie bis dahin eine neue Idee für Partei und Land entwickeln kann und ob sie den Neubeginn verkörpern könnte, den Amerika von seinen designierten Staatsoberhäuptern erwartet.

Wenig Konkurrenz in der Partei

Beispiel drei: die Konkurrenz. In der eigenen Partei muss Clinton zurzeit keine Rivalen fürchten. Im Schatten Obamas haben es die Demokraten versäumt, politische Talente zu fördern. Allenfalls könnte Hillary Clinton ein Parteifreund gefährlich werden, der sie mit einer populistischen Agenda links überholt. Sie versucht bereits, sich dagegen abzu­sichern, indem sie manchmal gegen das grosse Geld wettert. Kürzlich überraschte sie mit der These, Arbeitsplätze würden nicht von Firmen und Konzernen geschaffen. Als mögliche linke Rivalen gelten die Senatorin Elizabeth Warren, die aber nicht gegen Hillary antreten möchte, oder der parteilose Senator Bernie Sanders, der aber noch wenig bekannt ist.

In der Hauptwahl allerdings wird Clinton dann noch einen Republikaner schlagen müssen, der nach acht Jahren Obama einen Neuanfang verkörpern würde. Paradoxerweise könnte sich der Sieg der Republikaner bei der Parlamentswahl vor zwei Wochen als Vorteil für Clinton erweisen. Die politischen Konkurrenten beherrschen jetzt den Kongress, sie müssen also etwas zustande bringen, und in zwei Jahren kann Clinton deren Bilanz auseinandernehmen. Allerdings wird sie sich schwertun, als Versöhnerin der verfeindeten Lager anzutreten: Bei etlichen Republikanern ist Clinton so verhasst wie Obama.

Beispiel vier: Obama. Sollte die Wirtschaft weiter wachsen, die Arbeitslosigkeit weiter sinken und der Präsident eine Serie diplomatischer Krisen überzeugend lösen, könnten seine späten Erfolge Clinton durchaus als natürliche Nach­folgerin ins Weisse Haus tragen. Bleibt Obama aber so unbeliebt wie bisher, wird sie sich von ihm absetzen müssen. Sie hat damit schon begonnen, hat seine Aussenpolitik für zu zögerlich befunden. Aber sie kann damit nicht übertreiben, denn erstens darf sie Obamas junge Anhänger nicht abschrecken, und zweitens ist sie so lange Obamas Ministerin gewesen, dass sein Scheitern wenigstens teilweise auch ihr Scheitern wäre.

Hillary Clintons Rückkehr ins Weisse Haus, diesmal als erste US-Präsidentin der Geschichte, ist also möglich, aber nicht so selbstverständlich, wie es ihr Status als Superstar nahelegt. Möchte sie gewinnen, muss sie jedenfalls eine Botschaft vermitteln, an der die Wähler in diesem Herbst sehr zweifeln: Mehr Staat ist gut für Amerika, und die Demokraten sind die Richtigen, um diesen starken Staat zu lenken.

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