Ein Hoch auf den Nebel

Der Hochnebel drückt manchen Menschen aufs Gemüt. Er hat aber auch poetische Seiten – Würdigung einer verkannten Herbsterscheinung.

Nebelschwaden hängen über dem Zürcher Oberland. Foto: Eddy Risch (Keystone)

Nebelschwaden hängen über dem Zürcher Oberland. Foto: Eddy Risch (Keystone)

Der kleine Arm ist durchgestreckt, die Handfläche nach oben gerichtet, die ­Augen beschwören den gelben Ball am blauen Himmel. «Komm», ruft die Vierjährige, «komm auf meine Hand!» Lange bleibt die Kinderstimme geduldig, der Arm weit ausgestreckt. Dann kippt die Tonlage plötzlich: «Komm, Sonne, bitte, komm. Schnell.» Und schliesslich etwas leiser: «Ich muss jetzt hinunter und möchte dich mitnehmen.» Wenig später fällt die Kabinentür der Zahnradbahn ins Schloss. Durch die Scheibe winkt das Mädchen der Sonne hinterher. Auch noch, als die Kabine im zähen Grau verschwindet.

Sie ist in diesen Tagen oft gezogen, die horizontale Jalousie, die uns die Sicht einfach nimmt. Unerbittlich schiebt sie sich dazwischen, sorgt für ein Drüber und ein Drunter, für eine Welt in Grau und eine in Blau. «Heute über der Alpennordseite zäher Hochnebel, Obergrenze um 1200 Meter. Darüber strahlend sonnig und nachts sternenklar.» So und ähnlich lauten die Wetter­prognosen.

Wirklich undurchsichtig

Auslöser ist die in dieser Jahreszeit typische Inversionslage, die Umkehr der gewöhnlichen Temperaturabfolge. Nächtliche Abkühlung oder aber Verdunstung nach starkem Regen bewirken, dass zuunterst kalte, schwere Luft liegt, zugedeckt von einer wärmeren, leichteren Schicht. In Regionen, die Becken und Kesseln gleichen, kann die kalte Luft schlecht entweichen. So viel ist nachvollziehbar und klar, vieles Weitere allerdings im Wortsinn undurchsichtig. Fachleute können zum Nebel kaum langfristige Aussagen und Prognosen machen. Mit Ausnahme klar definierter Areale wie Flughäfen sucht man vergeblich nach entsprechenden Statistiken. Der Grund liegt darin, dass der Nebel meist ein kleinräumiges Phänomen ist. Für flächendeckende Messungen müssten unzählige Stationen aufgestellt werden.

In der Schweiz machten sich die Universität Bern und Meteo Schweiz letztmals 2008 diese Mühe. Sie untersuchten das Schweizer Mittelland. Ihr Hauptbefund: Seit den 70er-Jahren hat die Nebel­häufigkeit hier stark abgenommen. In den Jahren 1971 bis 1975 wurden zwischen September und Februar durchschnittlich 41 Nebeltage gemessen; zwischen 2000 und 2004 waren es noch 25 Tage. Als Gründe nennen manche Experten die immer dichtere Besiedlung, die einen grösseren Ausstoss von Wärme mit sich bringt. Die Folge ist, dass der Wasserdampf schwerer zu Nebeltropfen zusammenfindet. Andere Fachleute führen die Erderwärmung ins Feld, wieder andere sprechen von veränderter Grosswetterlage.

Weniger Raum für Interpretationen gibt eine zweite Entwicklung: In den letzten Jahrzehnten hat sich die Nebelgrenze kontinuierlich erhöht. Das ist ärgerlich für jene Menschen, die in Orten wie Magglingen BE oder Gommiswald SG in den 70er- und 80er-Jahren über der Nebelgrenze gebaut haben und inzwischen oft mitten in der grauen Suppe stecken. Der Nebel lässt sich eben weder verlässlich voraussagen noch beeinflussen.

Als einer von wenigen Wissenschaftern in der Schweiz hat sich Werner Eugster der Thematik angenommen. Sein Untersuchungsfeld sei «vielschichtig», erklärt der Geograf, der in der Abteilung Umweltsystemwissenschaften an der ETH Zürich tätig ist. Er berichtet von zahlreichen «diffusen» Beobachtungen und davon, dass die Forschung zum Nebel häufig «im Grauen» tappe. Dann sagt er pragmatisch: «Man muss sich damit begnügen, dass der Nebel ein Phänomen ist, das da und dort vorkommt, räumlich und zeitlich begrenzt ist und deshalb nie die gleiche globale Relevanz haben wird wie zum Beispiel der Regen. Somit hat die Nebelforschung nicht überall auf der Welt den gleichen Stellenwert. Aber da, wo der Nebel vorkommt, ist auch die Forschung sehr wichtig.»

Belastetes Wasser

In den vergangenen Jahren hat sich Eugster immer wieder den Schadstoffen gewidmet, die sich im Nebelwasser ansammeln können. Er hat nicht nur Studien in lateinamerikanischen und asiatischen Regenwäldern verfolgt, sondern sich auch die Situation am östlichen Ausläufer des Kettenjura genauer angeschaut. Dabei hat er festgestellt, dass das Nebelwasser, das sich am aargauisch-zürcherischen Höhenzug Lägern ansammelt, durchschnittlich zweieinhalbmal so viel Nitrat enthält, wie im Trinkwasser normalerweise toleriert wird. Weiter konnte er nachweisen, dass im Nebelwasser auch andere Substanzen bis zu 66-mal konzentrierter als im Regenwasser vorkommen.

Das mag für Wanderer und Nebelfreunde erschreckend klingen. Doch der Forscher entwarnt: Niemand müsse befürchten, fortan mit einer Schutzmaske in die Berge gehen zu müssen. «Nebel ist weniger problematisch für den Menschen als Feinstaub und Ozon, die immer dann relevant sind, wenn kein Nebel anzutreffen ist.»

Der Lichtmangel unter der grauen Decke kann jedoch zu saisonal abhängigen Depressionen führen, wie Ulrike Ehlert vom Psychologischen Institut der Universität Zürich erklärt: «Wer eine negative Grundstimmung hat, dem kann der Nebel aufs Gemüt schlagen», so ihr Befund, den sie sogleich relativiert. Bei einer schwerwiegenden Depression, die psychiatrisch behandelt werden müsse, sei es faktisch bedeutungslos, in welchem Mass der betreffende Mensch dem Nebel oder der Sonne ausgesetzt sei, sagt die Professorin, welche die Abteilung für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Zürich leitet.

Auch liessen sich grundsätzlich optimistische, widerstandsfähige Menschen von äusseren Faktoren weniger beeinflussen. Das Ganze sei teilweise Einstellungssache. Ehlert beobachtet immer wieder, dass manche Menschen sich auf nebelverhangene Tage geradezu freuen und das Grau in ihrem Alltag willkommen heissen. Der Grund? «Man verspürt dann nicht den Zwang, unbedingt raus zu müssen, sondern kann sich zu Hause in Ruhe jenen Dingen widmen, die sonst etwas zu kurz kommen.» Zeit, um Fotos zu sortieren, den Kleiderschrank auszumisten, die Schwiegermutter anzurufen.

Ein Psychiater wird noch eine Spur poetischer. Auch in seiner Praxis nehme das wenige Licht und vermehrte Grau im Herbst jeweils Platz ein. Dabei zeige sich auch, dass der Nebel für manche Menschen «die Wirklichkeit derart verfremdet, dass sie besser ertragbar wird».

Möglicherweise können das seine ­Patientinnen und Patienten nicht so gut ausdrücken wie jene Primarschülerin, die häufig auf der Rigi ist und, ohne lange zu zögern, sagt: «Es ist ein Gefühl wie Fliegen, während man trotzdem auf etwas Festem steht.» Die Elfjährige geniesst die Erfahrung auf dem Berg, wenn es oben Blau und unten Grau ist. «Hochnebel ist etwas Schönes, ein Glück für uns, wenn wir darüber sind, wenn die Sonne scheint und wir eine schöne Aussicht haben. Bei den anderen ist es dann doofes Wetter.»

Johanniskraut: Symbol der Sonne

Manche Leute helfen sich mit altbewährten Hausmitteln über die Runden. Der Umsatz an Johanniskrautpräparaten steigt zu dieser Jahreszeit jeweils deutlich an, wie Apotheker bestätigen. Die goldgelb blühende Pflanze wird auch als Herrgottsblut bezeichnet und seit Jahrtausenden als Lichtbringer und Symbol für die Sonne verehrt. Noch heute wird das Johanniskraut häufig zur Sommersonnenwende am 21. Juni geerntet, und an Sonnenwendfeiern tragen Frauen und Mädchen gelbe Blumenkränze im Haar. Die St.-Peter-Apotheke in Zürich erteilt Kunden, die sich nach diesem oder anderen Stimmungsaufhellern erkundigen, auch den Rat, sich täglich eine Stunde im Freien zu bewegen. «Und zwar nicht abends in der Partymeile, sondern wenn es hell ist.»

Einer, der ganz bewusst rausgeht, ist René P. Moor. Der am Jurasüdfuss auf­gewachsene Wanderpublizist, der sich selbst als «freischaffender Fussgänger» bezeichnet, erfuhr von klein auf, was es heisst, wochenlang im Grau zu leben. Unvergessen die Sonntage, an denen die Eltern die Kinder ins Auto packten, um dann mit Hunderten anderer Bieler Familien im Stau Richtung Sonne zu stehen. Moor bevorzugt heute den Weg zu Fuss, um nach oben zu gelangen. «Ich will nicht mit technischen Hilfsmitteln an die Sonne katapultiert werden, sondern starte bewusst mit dem Blick aufs Meer von unten.» Jedes Mal fasziniere ihn von neuem, nie genau zu wissen, wann er oben herauskomme, «das wellenartig wogende Meer löst sich immer auf neue Weise auf». Moor liebt die Metamorphose, die er als Wanderer aus der «grauen Tristesse» ins «beglückende Hell» macht – und Stunden später wieder zurück.

Zurück im Grau ist auch die Vierjährige. Das Mädchen winkt längst nicht mehr. Als Trost für die zurückgelassene Sonne hält es nun eine Zuckerwatte in der Hand. Langsam nähert sich seine Zungenspitze dem flauschigen Berg. «Vielleicht kann auch die Sonne etwas Watte essen», sagt das Mädchen, nachdem es herzhaft in die Zuckerwatte eingetaucht ist. Vorhanden wäre jedenfalls genügend.

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