«Frauen tragen Afrika»

Mariétou Biléoma Mbaye ist Zürichs neue Gastautorin. Sie gehört zu den bedeutendsten Autorinnen der Francophonie Afrikas.

Kein SVP-Politiker könnte Afrikas Führer schärfer attackieren als sie: Mariétou Biléoma Mbaye in Zürich. Foto: Doris Fanconi

Kein SVP-Politiker könnte Afrikas Führer schärfer attackieren als sie: Mariétou Biléoma Mbaye in Zürich. Foto: Doris Fanconi

Martin Ebel@tagesanzeiger

Anfang Juli sollte sie in Zürich ankommen, Ende Juli ist es geworden – Visaprobleme, die Bürokratie. Aber nun ist sie da, stürmt mir auf dem Sechseläutenplatz entgegen, «on s’embrasse?» und: «Ich liebe das leichte Kratzen von Bartstoppeln.» Wir sind uns noch nie begegnet, aber Ken Bugul widersteht man nicht. Im Café bestellt sie «ein Bier von Zürich», es wird dann ein Appenzeller, auch gut. Und nach zweieinhalb Stunden Interview fragt sie mich, wo man Socken kaufen kann. Sie will die netten Damen des Literaturhauses nicht mit Kleinigkeiten behelligen.

Aber was heisst schon Interview? Auf eine Frage folgt eine Wortwoge, die hierhin und dorthin schwappt, nahe und entlegene Themen bewässert und nur mit viel Mühe in die Richtung zu steuern ist, die sich der Interviewer vorgenommen hatte. «Je suis bavarde», sie rede gern viel, meint sie entschuldigend. Zu entschuldigen gibt es nichts. Aber erst ganz zum Schluss kommt man dazu, nach jener Phase in ihrem Leben zu fragen, als sie «als 28. Frau im Harem eines Serigne» lebte – wie das in Kurzbiografien gern knallig formuliert wird.

Die Wirklichkeit ist etwas differenzierter. Der Serigne – so die Bezeichnung für eine religiöse Autorität – hatte vier angetraute Frauen, wie es im Senegal noch heute legal ist. Darüber hinaus hatte er 24 weitere unter seinen Schutz gestellt: Frauen, die von der Gesellschaft verstossen waren, weil sie keine Kinder bekommen konnten oder nach dem Tod ihrer Männer als «Unglücksbringer» ­galten. Ken Bugul stiess dazu in einer schweren Lebenskrise, aus der der ­Serigne ihr heraushalf; der wiederum profitierte von den Gesprächen mit der klugen und gebildeten Frau.

Eine Reihe von Kulturschocks

Wie das genau war mit dem «Harem», erzählt Ken Bugul in ihrem Roman «Riwan». Wie überhaupt die meisten ihrer Bücher autobiografisch sind und sie die Authentizität des Erlebten auch gar nicht abstreitet. Wer «Le baobab fou» von 1982 gelesen hat, auf Deutsch als «Die Nacht des Baobab» im Unionsverlag erschienen und eines der wichtigsten Bücher der afrikanischen Francophonie, der kann eine dramatische, eine erschütternde Lebenskurve nachfahren.

1947 zur Welt eines senegalesischen Dorfes gekommen, war Mariétou, so ihr richtiger Vorname, seit Generationen – nein: überhaupt – das erste weibliche Wesen der Grossfamilie, das eine Schule besuchen durfte. Das französische Bildungssystem trug das aufgeweckte Mädchen weiter, von Stufe zu Stufe hinauf, bis nach Europa, mit einem Stipendium an eine belgische Universität. Hier erlebte sie eine ganze Reihe von Kulturschocks. Zu Hause verspottete man sie als «toubab», als Weisse, die französische Illustrierte las und den berühmten Schulbuchsatz «nos ancêtres les gaulois» wörtlich nahm. In Brüssel wurde sie durch ihre Hautfarbe definiert und reduziert: unwiderruflich und auf eine Weise, die die junge Frau völlig über­forderte.

Es waren die frühen Siebziger. Sie geriet in Flower-Power-Milieus, in die Schickeria, in Intellektuellenkreise. Überall war sie «die Schwarze»: mit der man sich schmückte, wenn man progressiv war; an der man sein Kolonial-Schuldgefühl abarbeitete; die man begehrte. Mariétou war jung, attraktiv, neugierig und sinnlich. Sie stürzte sich in die neuen Freiheiten, politische Debatten, Partys, Sex und Drogen. Und stürzte ab, in die Depression, in die Randbezirke der Prostitution, in eine von Gewalt geprägte Beziehung mit einem verheirateten Mann.

Abgelehnt von den eignen Leuten

Sie brach das europäische Abenteuer ab, flog zurück nach Dakar, lebte dort – abgelehnt von den ihren, weil sie aus Europa «nichts mitbrachte» – zwei Jahre auf der Strasse. In dieser Zeit schrieb sie ihr erstes Buch: «Le Baobab fou». Wegen der Direktheit, in der sie das Erlebte in Worte fasste, riet der Verleger dringend zu einem Pseudonym. Aus Mariétou Biléoma Mbaye wurde Ken Bugul. Das ist Wolof und bedeutet: Die, die keiner will.

Das Schreiben und die Zeit mit dem Serigne halfen ihr, sich zu finden. Und sich mit der tiefsten Verletzung ihres Lebens auseinanderzusetzen: Die Mutter hatte sie verlassen, als sie fünf Jahre alt war. Immer wieder arbeitete sie sich daran ab, das Mutterseelenalleingelassenwerden bleibt Thema in späteren Romanen, auch noch in «Cacophonie» von 2014. «Es ist das einzig wirklich Schlimme, was mir in meinem Leben passiert ist», sagt die heute 70-Jährige und fügt hinzu, als ich sie ungläubig ­anschaue: «Alles andere gehört zur Lebens­erfahrung.»

Die nächsten Etappen dieses Lebens waren weniger dramatisch: Ken Bugul arbeitete viele Jahre in einer NGO für Familienplanung in verschiedenen Staaten Afrikas, war verheiratet mit einem Arzt in Benin, bekam eine Tochter, handelte nach dem Tod des Mannes mit Kunst und Kunsthandwerk. Jetzt ist sie wieder im Senegal, 70 Jahre alt und frei, zu tun, was sie will – auch deshalb hat sie gern die Einladung angenommen, als Writer-in-Residence nach Zürich zu kommen.

Einen Roman zu Ende schreiben will sie hier. Die Schweiz kennen lernen, in die Berge gehen. In Zürich herumstreifen – sie erwandert sich leidenschaftlich gern Städte. Und Menschen begegnen. «Ich muss Menschen spüren, berühren», sagt sie und nimmt mein Polo-Shirt zwischen die Finger. «Ah, ich liebe diesen Stoff!»

Ken Bugul hat einen politischen Kopf und klare Ansichten. «Wenn ich aus dem Fenster schaue, kommt das Engagement von selbst»: Unsäglich findet sie die Zustände in den afrikanischen Staaten, und kein SVP-Politiker könnte deren Führer schärfer attackieren, als sie es tut. Die grosse Drift nach Norden – am Thema Migration kommen und wollen wir nicht vorbei – liegt daran, dass die Menschen im Elend leben, ohne Perspektiven. Die Kluft zwischen Reich und Arm in Afrika sei obszön, die jeweilige Regierung ­einzig daran interessiert, sich zu bereichern, Macht und Privilegien zu erhalten. Die Zukunft des Volkes sei ihr egal.

Ein Foulard als Zeichen

Auch der Westen hat eine Verantwortung, nicht nur für eine Handels- und Preispolitik, die Afrika benachteiligt. Entwicklungsgelder, findet sie, müssten zwingend an strenge Auflagen geknüpft werden. Oder besser noch direkt an diejeni­gen fliessen, denen es wirklich nütze: die Frauen. «Frauen tragen ­Afrika», sagt Ken Bugul, schon immer.

Eine Perspektive für Afrika hängt für sie von besserer «governance» ab, von Institutionen, die kein blosser Etikettenschwindel sind, mit einer auf ein erträgliches Mass (nicht auf null – naiv ist Ken Bugul nicht) zurückgeführten Korruption. Eigentlich muss die UNO sich dieser globalen Aufgabe annehmen, meint sie; aber die sei ja politisch blockiert. Und von noch weiter oben betrachtet, sei alles eine Folge des herrschenden «hyper-capitalisme».

Von ganz oben wieder runter, in unser Café, zu Fragen der Sprache und der vielsagenden Zeichen. Ein endloses Thema. Das Foulard etwa, das sie trägt: In Senegal ist das ein Zeichen, dass man eine Frau nicht anbaggern soll. Und ­warum schreibt sie auf Französisch? Weil es allein im Senegal acht offizielle Sprachen gibt. Was sind dagegen die drei­einhalb der Schweiz!

Ken Bugul liest am 7. September im Literaturhaus Zürich.

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