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Einst verboten, heute erlaubtAls die Kinos an hohen Feiertagen geschlossen hatten

Für die Vergnügungslust gab es bis Mitte der 1990er-Jahre noch Grenzen: Kinos durften an Feiertagen nicht öffnen.

Auch das Berner Kino ABC durfte einst an Ostern und Weihnachten keine Filme zeigen.
Auch das Berner Kino ABC durfte einst an Ostern und Weihnachten keine Filme zeigen.
Foto: Susanne Keller

Wer vor 30 Jahren an Weihnachten oder an Ostern Lust auf einen Kinobesuch hatte, stand in Bern vor verschlossenen Türen. Das Gesetz über die Ruhe an öffentlichen Feiertagen verbot den Betreibern, diese zu öffnen. Nach und nach kam man in der Politik jedoch zum Schluss, dass diese Vorschrift nicht mehr zeitgemäss war und man sie abschaffen soll. Ganz so problemlos ging die Liberalisierung aber doch nicht vonstatten.

In der vorgeschlagenen Gesetzesrevision war auch die Möglichkeit enthalten, Läden in touristischen Gebieten und bis zu 120 Quadratmetern an Sonntagen zu öffnen sowie allen anderen Geschäften zwei Sonntagsverkäufe zu ermöglichen. Die christlich-konservativ orientierte Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) ergriff das Referendum; die Gesetzesrevision wurde schliesslich am 1. Dezember 1996 mit 53 Prozent Ja-Stimmen nur relativ knapp angenommen. Fortan durfte man auch an hohen Feiertagen ins Kino gehen.

Und René Gerber war erleichtert. Der heutige Geschäftsführer von Pro Cinema, der Vereinigung der Schweizer Kinobetreiber, war damals bei einer Kinokette tätig und war erstaunt, dass an Feiertagen die Rollläden unten bleiben mussten. In Zürich, wo er vorher gearbeitet hatte, und auch in anderen Kantonen waren die Vorschriften weniger streng. «Wir empfanden das Berner Modell ganz klar als Eingriff in die Gewerbefreiheit», sagt Gerber.

Mit der Gesetzesrevision aber gewann ein gesellschaftliches Gut (die Freiheit, auch an Feiertagen die meisten Dinge tun zu können) über das andere (Ruhe an Feiertagen) die Oberhand. Die Grenzen, was wann erlaubt ist und wann verboten, verschoben sich. Auch andere einschränkende Bestimmungen wie etwa sogenannte «Tanzverbote» – an hohen Feiertagen durften keine Partys stattfinden – wurden aufgehoben.

Keine Spassbremse sein

Diese Veränderung lässt sich auch in der Haltung der Kirche feststellen. «Die traditionellen gesetzlichen Bestimmungen fokussierten darauf, dass kirchliche Feiern nicht gestört und die Bevölkerung nicht durch konkurrierende Angebote von deren Besuch abgehalten wird», sagt Esther Gaillard, Vizepräsidentin des Rates der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Nach wie vor wehrt sich die EKS dagegen, dass an Sonn- und Feiertagen vermehrt gearbeitet werden muss. Das Ziel sei es, diese arbeitsfrei zu halten. Sonn- und Feiertage seien oft die einzigen Tage, in denen gerade in Familien alle frei haben und gemeinsam etwas unternehmen könnten. «Die Kirchen wollen nicht Spassbremsen sein», sagt Gaillard. Vor dem Hintergrund eines christliches Menschenbildes erachte die EKS Auszeiten aus dem Alltag und dem Arbeitsdiktat als zwingend notwendig.

Es ist selbstverständlich geworden, dass die Kinos an hohen Feiertagen geöffnet sind, ausser, wenn eine spezielle Situation wie die Corona-Pandemie eine Schliessung erzwingt. Die Besucherzahlen sind unterschiedlich. «An Weihnachten sind die Kinos gut besucht», sagt Gerber. An Ostern oder Pfingsten hängen sie vom Wetter ab. Scheint die Sonne, zieht es die Menschen in die Natur. Regnet es, gehen sie gerne ins Kino. Egal, welcher Tag gerade ist.

Nousse fliegen nicht am Muttertag

Ganz verschwunden sind übrigens traditionelle Beschränkungen noch heute nicht, obwohl sie nicht mehr zwingend befolgt werden müssten. So wird etwa im regionalen Fussball im Kanton Bern in der Regel am Eidgenössischen Buss- und Bettag nicht gespielt. Und die Hornusser tragen am Muttertag – der kein hoher Feiertag ist – keine Meisterschaftsspiele aus. Die Kinos aber, die sind an 365 Tagen im Jahr geöffnet.