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Angeklagt in ChinaAls menschliches Faustpfand in Haft

Der Kanadier Michael Spavor ist ein Zufallsopfer im Konflikt zwischen den USA und China. Jetzt steht er in Peking vor Gericht.

Nordkorea gehört eigentlich seine Leidenschaft. Michael Spavor hielt sich nur in China auf, um in das von Kim Jong-un regierte Land einreisen zu können.
Nordkorea gehört eigentlich seine Leidenschaft. Michael Spavor hielt sich nur in China auf, um in das von Kim Jong-un regierte Land einreisen zu können.
Foto: Keystone

Am Flughafen im nordostchinesischen Dalian haben sie auf ihn gewartet. Es war der 10. Dezember 2018, und Michael Spavor wollte nach Seoul fliegen, um vor Weihnachten ein paar Freunde zu besuchen. Als er seinen kanadischen Pass vorzeigte, wurde er umringt und abgeführt. Seitdem sitzt er in einer Zelle, 24 Stunden am Tag brennt das Licht.

Nun, nach 557 Tagen Verhör und Einzelhaft, haben die chinesischen Behörden Anklage erhoben gegen Spavor und seinen Landsmann, den ehemaligen Diplomaten Michael Kovrig, der ebenfalls in China verhaftet wurde. Der Vorwurf gegen die beiden Kanadier lautet: Spionage – ein Verbrechen, das in der Volksrepublik mit lebenslanger Haft geahndet werden kann.

Cocktails mit Kim Jong-un

Spavor (44) soll chinesische Staatsgeheimnisse ausgekundschaftet haben. Es war ein Zufall, dass er in den vergangenen Jahren in China lebte. Mit 21 Jahren war er 1996 nach Seoul gekommen, lernte Koreanisch, auch den nordkoreanischen Dialekt. 2005 bekam er das Angebot, nach Pyongyang zu ziehen. Er lebte im Diplomatenviertel der Stadt und unterrichtete Englisch, bezahlt von einem kanadischen Hilfswerk. Nach einem halben Jahr war Schluss. Das Regime in Pyongyang wies fast alle Hilfsorganisationen aus.

Spavor machte sich selbstständig und organisierte Reisen nach Nordkorea, vier bis fünf Trips pro Jahr. Hierfür zog er nach China, denn nur von dort kann man nach Nordkorea einreisen. Zweimal begleitete Spavor den früheren Basketballprofi Dennis Rodman nach Pyongyang. Als Rodman den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un traf, übersetzte Spavor. Fotos zeigen ihn auf Kims Jacht, sie tranken Cocktails, der Diktator rauchte. «Das war die erstaunlichste Erfahrung, die ich in meinem Leben hatte», erzählte Spavor. Nordkorea – das war sein Lebensthema, nicht China.

Der verworrene Fall hat offenkundig weniger einen kriminellen als einen politischen Hintergrund. Spavor ist zum menschlichen Faustpfand geworden im grössten Konflikt unserer Tage, auf der einen Seite die USA, auf der anderen China.

Zehn Tage vor Spavors Festnahme in Dalian wurde in seinem Heimatland die chinesische Staatsbürgerin Meng Wanzhou in Gewahrsam genommen. Meng ist die Finanzchefin von Huawei. Ein Bundesgericht in New York wirft ihr vor, den Bruch amerikanischer Iran-Sanktionen vertuscht zu haben. Wird sie an die USA ausgeliefert, droht ihr eine Haftstrafe von bis zu dreissig Jahren.

Mehr Politik als Justiz

China hat das amerikanische Auslieferungsgesuch als politische Anklage bezeichnet und wiederholt Mengs Freilassung aus Kanada gefordert. Im Unterschied zu Spavor sitzt sie nicht im Gefängnis, sondern trägt eine elektronische Fussfessel und lebt in einer Villa.

Ende Mai stellte sich ein Gericht in Vancouver hinter die Einschätzung der Staatsanwaltschaft, dass die Meng in den USA zur Last gelegten Taten auch in Kanada strafbar wären. In China waren die staatlichen Medien hingegen davon ausgegangen, dass das Gericht sie freisprechen würde.

Auch Meng selbst schien sich ihrer Sache sicher zu sein. Bereits Tage vor dem Entscheid liess sie sich von Fotografen in Siegerpose ablichten, gedacht offenbar zur raschen Verbreitung nach dem Richterspruch. Eine Fehleinschätzung, die nun vermutlich Michael Spavor in Nordostchina trifft: Die Verurteilungsrate vor chinesischen Gerichten beträgt mehr als 99 Prozent.

9 Kommentare
    GMatch

    Merkwuerdig - Kanada darf als sogenannter 'Rechtsstaat' chinesische Buerger verschleppen und in Auslieferungsrituale Richtung USA verwickeln und wenn China reagiert ist das unrechtmaessig.

    Ganz zu schweigen was der Australier Assange in Grossbritannien ueber sicher ergehen muss, seine Strafe hat er abgesessen bleibt aber im Hochsicherheits-Gefaengnis ohne Urteil eingesperrt - Alles im Auftrag der US Demokratie!

    Ekelhaft kann man da nur sagen.