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2021 statt 2020Nun läuft er für den guten Zweck

Er ist Marathonläufer und schon 37 – ewig Zeit hat Tadesse Abraham also nicht mehr. Am Ziel Tokio will er nichts ändern, obschon nun praktisch die ganze Saison ausfällt.

Tadesse Abraham will 2021 noch hungriger sein als 2020. An den Rücktritt dachte er nie.
Tadesse Abraham will 2021 noch hungriger sein als 2020. An den Rücktritt dachte er nie.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Der Jahresfokus ist weg. Der 9. August, der zum grossen Tag von Tadesse Abraham hätte werden sollen, hat keine Bedeutung mehr. Um den Schlusstag der Olympischen Spiele in Tokio handelte es sich ursprünglich, den Tag mit dem Männer-Marathon. Die Corona-bedingte Verschiebung von Olympia um ein Jahr hat ihn dennoch nicht vom Weg abgebracht. Abraham sagt: «Vieles ist abgesagt worden, meine Karriere aber geht weiter.»

Nur: wie? Abraham ist immerhin schon 37-jährig. Das Bedauerliche, Einschneidende, Schwierige hat den Marathon-Olympiasiebten von 2016, Halbmarathon-Europameister und Schweizer Rekordhalter beschäftigt. Aber nicht lange. Zwar fordert die Situation. Er aber sagt sich: «Am Unabänderlichen kann ich nicht rütteln.»

Rasch ist es Abraham gelungen, eine weitere Stärke neben dem ausdauernden Laufen auszuspielen: das positive Denken. Statt mit dem Altersfaktor – seine Leistungskurve dürfte je länger, je weniger aufwärtszeigen – beschäftigt er sich mit möglichen Vorteilen. Abraham sagt: «Bei einem Olympiamarathon ist häufig die Erfahrung der entscheidende Faktor.» Und Erfahrung wird er in diesem Zusatzjahr hinzugewinnen, davon ist er überzeugt: «Einzigartige Erfahrungen.»

Für andere gelaufen

Aus den letzten drei Monaten hat Tadesse Abraham viel mitgenommen. Der Abbruch des Trainingslagers in Äthiopien, das Abschreiben seines Frühjahrsmarathons in Wien, das Abhaken von Olympia, EM und wohl auch eines grossen Städtemarathons im Herbst haben ihn hinterfragen lassen. Aber: «Kapitulieren stellt keine Option dar. Den Gedanken des Rücktritts hat es nicht gegeben.» Vielmehr habe er sich rasch gesagt: «Jetzt will ich aus dieser Zeit zu Hause in Genf mit der Familie und all dem, was sich in diesem Jahr noch ergibt, das Beste herausholen.»

Im April hatte er seinen «Motor heruntergefahren», so sagt er das, ähnlich, wie er es nach dem Wiener Marathon getan hätte. Anschliessend hat er nach den Plänen seines langjährigen Coaches Urs Zenger vom LC Uster dosiert den Wiederaufbau begonnen. Oft ist er allein unterwegs gewesen, ab und an aber auch begleitet von Trainingspartnern von Stade Genève. Zur Auflockerung bestritt er Mitte Mai einen Wohltätigkeitslauf, rund 6000 Franken erlief er so zugunsten humanitärer Projekte in Eritrea, Äthiopien und in der Schweiz. «Solche speziellen Zwischenhighlights tun gerade in dieser Zeit gut», sagt er. Seine 30-Kilometer-Zeit (1:34:31 Stunden) hat einen Anhaltspunkt bezüglich Verfassung geliefert. Auch das Bahntraining Mitte dieser Woche sowie die Teilnahme am «OneMillionRun» vom nächsten Wochenende tun dies. Abraham läuft dann wie andere Sportler mit der gesamten Schweizer Laufszene aus dem Stillstand:

Seine aktuelle Verfassung bezeichnet Abraham als «nicht top, aber auch nicht schlecht». Für den Moment reicht ihm diese Erkenntnis. Auch der Ungewissheit bezüglich «richtiger Wettkämpfe» begegnet er mit Gelassenheit. Er betont: «Ich will weniger die Nachteile aufzählen als die Vorteile erkennen.» Als einen dieser Vorteile sieht er «den wegfallenden Stress» und denkt vor allem an die stets knappe Erholungszeit in der Wettkampfzeit. «Kompromisse, wie ich sie in Nicht-Corona-Zeiten immer wieder eingegangen bin, fallen nun weg.»

2021 statt 2020? «Völlig egal»

Die Möglichkeit, dem Körper mehr Regenerationszeit zu gönnen, will er nutzen – im Wissen, «dass es dafür enorm fordert, stets dranzubleiben». Tragen werden ihn dabei zusätzliche Komponenten wie: Vorbildrolle für Hobbyläufer und Nachwuchstalente, die Gesundheit, die Chance zum Gewinn von mentaler Stärke.

Und eines betont Tadesse Abraham: «Die riesige Vorfreude auf Olympia begleitet mich jetzt einfach ein Jahr länger, es ist für mich völlig egal, ob es Tokio 2020 oder Tokio 2021 ist.» Begleitet ist dieses Gefühl von einer Zusatzhoffnung: «Vielleicht bin ich dann in noch besserer Verfassung und noch hungriger.»