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Wahlkampf in den USAAm Ende ein Feuerwerk

Der Parteitag der Demokraten passte zu diesem Sommer. Über einen zornigen Joe Biden, die eindrücklichen Beiträge der Bürger – und den heimlichen Star der Veranstaltung.

Joe Biden mit seiner Ehefrau Jill Biden und Kamala Harris am letzten Tag des Parteitags der Demokraten in Delaware.
Joe Biden mit seiner Ehefrau Jill Biden und Kamala Harris am letzten Tag des Parteitags der Demokraten in Delaware.

Der Star des Parteitags der Demokraten in dieser Woche war nicht der Präsidentschaftskandidat Joe Biden. Es war nicht Michelle Obama, die eine gute Rede hielt, und es war auch nicht ihr Ehemann Barack Obama, der eine grosse Rede hielt. Der Star des Parteitags, zumindest der heimliche, war ein Mann mit einem Teller voller Calamari, angemacht mit Knoblauch, Petersilie und Chili.

Das kam so: Der Sinn einer solchen Versammlung besteht in erster Linie darin, dass sich die Partei wenige Wochen vor der Wahl ihrer selbst versichert. Es gibt aber auch einen bürokratischen Grund für die Zusammenkunft: Der Kandidat der Partei für die Präsidentschaftswahl muss offiziell bestätigt werden. Das geschieht, indem sämtliche US-Bundesstaaten und -Überseegebiete mitteilen, wie viele ihrer Delegierten für welchen Kandidaten gestimmt haben. Normalweise findet dieses Prozedere in einer grossen Halle statt.

In diesem Jahr wurde der Parteitag wegen der Corona-Krise jedoch virtuell abgehalten, sodass die Bundesstaaten ihre Ergebnisse in 30 Sekunden langen Filmchen verkündeten. Viele nutzten diese Gelegenheit, um auf Besonderheiten ihres Staates hinzuweisen. Beim Film aus Montana sah man zum Beispiel weite Prärie und kauende Kühe. Und beim Film aus Rhode Island stand neben dem lokalen Parteichef ein schwarz gekleideter Mann mit schwarzer Maske, der finster blickte und – man möchte sagen: drohend – einen überreich mit Calamari gefüllten Teller in die Kamera hielt.

Joseph McNamara verkündete die Resultate aus Rhode Island und wird seither als «Calamari Man» gefeiert.
Joseph McNamara verkündete die Resultate aus Rhode Island und wird seither als «Calamari Man» gefeiert.
Foto: Reuters

Calamari seien die offizielle Vorspeise von Rhode Island, rief der Parteimann mit ansteckender Begeisterung. In den sozialen Medien wurde der neben ihm stehende Mensch mit dem Teller umgehend als «Calamari Man» gefeiert. Es wurde gefordert, dass die Calamari die Hauptrede des Parteitags halten sollten. Es wurde gefragt, ob die Calamari nicht damit die Präsidentschaftswahl gewonnen hätten. Es war ein heiterer Moment inmitten eines durchweg ernsten Parteitags.

Sofort machten sich Scharen von Reportern daran, alles über die Calamari in Erfahrung zu bringen. Was sie herausfanden, dürfte die Demokraten ernüchtert haben. Der Besitzer des Restaurants, aus dem die Calamari stammten, teilte mit, er wisse nicht, ob er für Joe Biden stimmen werde. Er konzentriere sich derzeit darauf, den Menschen in Rhode Island «überparteiliche Calamari» zu servieren.

Das mag mit dazu beigetragen haben, dass die Hauptrede des Parteitags am Donnerstagabend dann doch Joe Biden hielt. Es heisst vor solchen Reden ja immer, dass es die wichtigste sei, die dieser oder jener Kandidat in seiner politischen Karriere je halten musste. Das ist nicht immer richtig. Aber im Fall von Joseph Robinette Biden, Jr. stimmte es. Die Wähler haben im vergangenen halben Jahr nicht viel von Biden gesehen, hier mal ein Interview, da mal ein verhuschter Auftritt mit Maske und immer sechs Fuss vom Volk entfernt. Im Grossen und Ganzen aber hat er seinen Wahlkampf vom Keller seines Hauses in Wilmington, Delaware, aus geführt.

Am Donnerstag aber musste Biden raus auf die Bühne. Wobei das, was die Demokraten da in einem Gewölbe eines Kongressgebäudes in Wilmington zusammengezimmert hatten, nur mit Nachsicht als Bühne bezeichnet werden konnte. Ein Pult, eine Reihe US-Flaggen, schräg neben Biden stand eine grosse Videowand, auf der Zuschauer zugeschaltet waren. Hinter ihm verlor sich der Raum in Dunkelheit.

Joe Biden im Chase Center in Wilmington, Delaware.
Joe Biden im Chase Center in Wilmington, Delaware.
Foto: Reuters
Eine Reihe US-Flaggen mussten als Dekoration genügen.
Eine Reihe US-Flaggen mussten als Dekoration genügen.
Foto: Reuters
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Aber vielleicht half diese finstere Atmosphäre Biden. Schliesslich gibt es wenig zu feiern in Amerika im Sommer 2020. Donald Trump, so sagte Biden, «hüllt das Land in Dunkelheit – zu viel Wut, zu viel Angst, zu viel Streit». Der Präsident kümmere sich nicht um die Bürger, die vom Coronavirus infiziert, getötet oder arbeitslos gemacht wurden.

Er weigere sich, etwas gegen die Virus-Pandemie zu tun und hoffe auf ein Wunder. «Aber es wird kein Wunder kommen», sagte Biden, und man konnte die Empörung hören, die in ihm brodelt. Trump habe das Land im Stich gelassen, es sei dem Virus schutz- und hilflos ausgeliefert. «Unser Präsident hat seine wichtigste Pflicht gegenüber Amerika versäumt.» Das war der zornige Biden.

Die USA sind 244 Jahre alt. Joe Biden hat knapp ein Drittel davon miterlebt. Das ist schon ein ganzer Brocken Zeit.

Es gab auch den milden. Biden ist ein Mensch, der harte Schläge eingesteckt hat. Er hat seine erste Frau und zwei Kinder verloren, aber das hat ihn nicht bitter gemacht. Er weiss, was Schmerz und Trauer sind. Und am Donnerstag bot er den Amerikanern an, der Präsident zu sein, der sie durch Schmerz und Trauer führt, sei es, weil das Virus ihnen einen Angehörigen genommen hat oder ein schiesswütiger Polizist. Es war eine sehr gute Rede, das fanden danach sogar die Moderatoren bei Trumps Hofsender Fox News.

Joe Biden ist ein Mann. Er ist weiss. Und er ist nicht mehr jung. Um sein Alter historisch einzuordnen: Die Vereinigten Staaten haben 1776 ihre Unabhängigkeit erklärt. Joe Biden wurde 1942 geboren. Das Land, dessen Präsident Biden werden will, ist 244 Jahre alt. Fast 78 Jahre davon hat Biden miterlebt – knapp ein Drittel. Das ist schon ein ganzer Brocken Zeit.

Hillary durfte länger reden als Bill

Die Demokraten allerdings, das konnte man bei diesem Parteitag sehen, wollen auf keinen Fall die Partei der alten, weissen Männer sein, sondern die Partei des jungen, modernen, ethnisch bunten Amerika – und die Partei der Frauen. Die vielen kurzen Filmschnipsel, aus denen ein Grossteil des Programms bestand, erinnerten deswegen zuweilen an eines der Werbefotos, die Oliviero Toscani in den Neunzigerjahren für den italienischen Kleiderhersteller Benetton gemacht hat: Sie zeigten lauter junge, fröhliche Menschen, vorzugsweise Frauen, mit mehr oder weniger dunkler Hautfarbe.

Einer der wenigen anderen weissen Männer im fortgeschrittenen Alter, die abgesehen von Biden überhaupt einen respektablen Redeplatz bekamen, war der 74 Jahre alte Bill Clinton. Der Altpräsident war früher einmal der Held der Partei, der lange, gewundene Reden hielt, die hinterher alle ergriffen als brillant bezeichneten. Dieses Jahr räumte die Parteitagsregie Bill Clinton nur fünf Minuten ein. Länger und prominenter durfte dagegen seine Frau Hillary Clinton sprechen.

Die 2016 gescheiterte Hillary Clinton durfte länger sprechen als ihr Mann, Ex-Präsident Bill Clinton.
Die 2016 gescheiterte Hillary Clinton durfte länger sprechen als ihr Mann, Ex-Präsident Bill Clinton.
Foto: Reuters

Man könnte daher einen derzeit beliebten sozialwissenschaftlichen Begriff zitieren und es so sagen: In optischer Hinsicht war der Parteitag ein zu Bild und Ton gewordenes Manifest der Identitätspolitik. Der normale, mittelalte, weisse amerikanische Durchschnittsmann jedenfalls sah, wenn er sich zuschaltete, nur wenige Gesichter, die seinem eigenen glichen.

Daran ist der mittelalte, weisse amerikanische Durchschnittsmann ganz und gar selbst schuld. Denn eine knappe Mehrheit der Männer in Amerika, und vor allem der weissen Männer, hält auch nach dreieinhalb Jahren voller Chaos, Lügen, Irrlichterei und Inkompetenz immer noch zu Donald Trump. Weder 174'000 Corona-Tote noch zig Millionen Arbeitslose haben ihr Vertrauen in den Präsidenten so erschüttert, dass sie ihn abwählen würden. Dürften in den USA nur weisse Männer abstimmen, müsste Trump sich um seine zweite Amtszeit keine Sorgen machen.

Frauen hielten wichtigste Reden

Dass er es trotzdem tun muss, dass er in den Umfragen beständig hinter Biden liegt, hat erstens mit den Frauen zu tun und zweitens mit den Angehörigen von ethnischen Minderheiten. Bei diesen Wählern führt Biden mit solidem Vorsprung vor Trump. Um im November zu gewinnen, muss Biden dafür sorgen, dass diese Menschen tatsächlich ihre Stimme abgeben. So gesehen war der Parteitag eine Art viertägige Dauerwerbesendung, die auf einige spezifische Zielgruppen zugeschnitten war. Frauen, Schwarze und Latinos gehörten dazu, weisse Männer nicht.

Und deswegen waren es Frauen wie Michelle Obama, Jill Biden und Hillary Clinton, denen die wichtigsten Reden zugewiesen wurden, in denen sie die Amerikaner, vor allem aber die Amerikanerinnen, beknieten, wählen zu gehen. Deswegen war es Barack Obama, der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten, der die Aufgabe bekam, die Afroamerikaner davon zu überzeugen, für Biden genauso zahlreich und begeistert zur Wahl zu gehen, wie sie es 2008 und 2012 für ihn getan haben, aber 2016 für Hillary Clinton eben nicht.

Die Demokratische Partei hat ihre beliebteste und talentierteste Nachwuchspolitikerin wie ein freches Dummchen behandelt, das draussen bleiben muss.

Eine Frau hielten die Demokraten allerdings vom Bildschirm fern. Ausgerechnet die junge New Yorker Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez bekam nur 60 Sekunden Redezeit zugeteilt. Sie machte 97 daraus, aber das änderte auch nichts mehr an der bizarren Situation, dass die Demokratische Partei aus einem ihr – aber wohl auch nur ihr – logisch erscheinenden Grund beschlossen hatte, ihre beliebteste und talentierteste Nachwuchspolitikerin wie ein freches Dummchen zu behandeln, das draussen bleiben muss.

AOC, wie sie genannt wird, wurde 1989 geboren, als Biden bereits seit 16 Jahren Senator war, sie ist Latina, sie kann gut reden, sie hat Charisma, dazu 8,3 Millionen Follower bei Twitter und 6,2 Millionen bei Instagram. Und die Demokraten sperren sie aus?

Bei den Jungen ist sie beliebt, doch die Demokraten befürchten, dass Trumps Team ihren Kandidaten Joe Biden als Marionette von Alexandria Ocasio-Cortez darstellen und ihn in die linke Ecke drängen könnte.
Bei den Jungen ist sie beliebt, doch die Demokraten befürchten, dass Trumps Team ihren Kandidaten Joe Biden als Marionette von Alexandria Ocasio-Cortez darstellen und ihn in die linke Ecke drängen könnte.
REUTERS

Erklären lässt sich das eigentlich nur durch Angst. AOC ist eine der Anführerinnen des linken Flügels der Partei, und Bidens Wahlkampfteam befürchtet, dass die Propaganda der Trump-Leute bei den Wählern verfangen könnte, er sei eine Marionette der Linksradikalen und Sozialisten.

Deswegen wurde Ocasio-Cortez beim Parteitag nur die unbedeutende Aufgabe übertragen, den linken Senator Bernie Sanders als Präsidentschaftskandidaten zu nominieren, obwohl feststand, dass er verlieren würde, wenn die Bundesstaaten – siehe oben: «Calamari Man» – die Stimmergebnisse bekannt geben. Amerikas Jugend hat ein Wort, um Missfallen über derlei Dummheiten auszudrücken: «Duh».

Lange Reden funktionieren im virtuellen Format nicht.

Das Format des Parteitags hat einige interessante Erkenntnisse gebracht. Spötter meinten, die überraschendste sei, dass Bill Clinton kürzer als 50 Minuten reden könne. Zu den wichtigen Lehren gehörte allerdings tatsächlich, dass lange Reden im virtuellen Format nicht funktionieren. Was ferner – wenig überraschend – nicht funktioniert, sind planlos aneinandergereihte Filmchen, in denen mal dieses und mal jenes verhandelt wird. Es braucht im Virtuellen, mehr noch als bei herkömmlichen Parteitagen, eine Dramaturgie.

So wollten die Demokraten zum Auftakt des Parteitags zum Beispiel zeigen, dass besonders Kleinunternehmer von der Corona-Pandemie betroffen sind. Sie schalteten deswegen in die unaufgeräumte Küche eines solchen Kleinunternehmers, aber der Mann wusste nicht recht, was er sagen sollte. Sie schalteten ins rustikale Wohnzimmer eines Farmers, und man wartete gebannt darauf, ob die Kuckucksuhr, die links über seiner Schulter hing, die Stunde schlagen würde. Die Beiträge wirkten wie mit dem Handy aufgenommen. Ihr Sinn erschloss sich nicht.

Eindrückliche Beiträge der Bürger

Manchmal aber zahlte sich die Idee, mehr Bürger als Politiker zu Wort kommen zu lassen, erstaunlich gut aus. Der 13 Jahre alte Brayden Harrington erzählte in einem Video, dass Biden ihm Ratschläge gegeben habe, wie er sein Stottern überwinden könne. Biden hatte als Kind selbst gestottert, er war deswegen gehänselt worden, das hängt ihm bis heute nach. «Wir gehören zum gleichen Verein», sagte Harrington. «Ohne Joe Biden würde ich heute nicht mit euch reden.» Er stotterte dabei nur leicht.

In einem der eindrücklichsten Beiträge trat Kristin Urquiza auf, eine junge Frau, deren Vater im Juni an Covid-19 gestorben ist. Er habe sich infiziert, erzählte sie, weil er der Behauptung des Präsidenten geglaubt habe, das Virus sei gar nicht so schlimm und sowieso fast besiegt. «Seine einzige Vorerkrankung bestand darin, dass er Donald Trump vertraut hat», sagte Urquiza. «Dafür hat er mit dem Leben bezahlt.» Das war der vielleicht prägnanteste Satz dieser vier Tage.

Kristin Urquiza erzählte vom Covid-Tod ihres Vaters Mark Anthony Urquiza, den sie Donald Trump anlastete.
Kristin Urquiza erzählte vom Covid-Tod ihres Vaters Mark Anthony Urquiza, den sie Donald Trump anlastete.
REUTERS

Die prägnanteste Rede hielt Barack Obama. Er hatte mehr Zeit als Bill Clinton, und er nutzte sie, um etwas Unerhörtes zu tun. Normalerweise gilt die Regel, dass frühere Präsidenten ihre Nachfolger öffentlich nicht allzu scharf kritisieren. Obama hat sich daran lange gehalten, obwohl Trump ihn verhöhnte und schmähte.

Es muss eine übermenschliche Anstrengung gewesen sein, schweigend zu ertragen, wie sein Nachfolger systematisch zerstörte, was er aufzubauen versucht hatte. Und Donald Trump machte selten einen Hehl daraus, dass es ihm darum ging, das Erbe Barack Obamas auszuradieren.

«He can't»

Barack Obamas Urteil über Präsident Donald Trump.

An Mittwoch schien es, als habe Obama tief Luft geholt, um in einer einzigen Rede alles zu sagen, worüber er so lange geschwiegen hatte. Er sprach im Museum of the American Revolution in Philadelphia, und er hatte diesen geschichtsträchtigen Ort offenkundig gewählt, um den Amerikanern klarzumachen, dass es bei der Wahl am 3. November um alles geht. «Was wir in den kommenden 76 Tagen tun, wird für Generationen nachhallen», sagte er.

Während Clinton für Reden gefürchtet ist, die niemals enden, ist Obama berüchtigt für seinen professoralen Ton. Diesmal ging er jedoch mit dem Skalpell zu Werke – schneidend, direkt, unbarmherzig. Trump sei eine Gefahr für die Demokratie, sagte Obama, er sei dem Amt nicht gewachsen. «Yes we can», war Obamas Wahlkampfslogan 2008. «He can't», urteilte er am Mittwoch über den Präsidenten. Er kann es nicht.

Barack Obama sprach deutliche Worte gegen seinen Nachfolger.
Barack Obama sprach deutliche Worte gegen seinen Nachfolger.
REUTERS

Vielleicht hätten die demokratischen Parteitagsplaner ahnen müssen, dass Obama nicht bloss artig eine Wahlempfehlung für seinen, wie er ihn nennt, «Bruder» Joe Biden aussprechen würde. Und geleitet von dieser Ahnung hätten sie vielleicht zu dem Schluss kommen müssen, dass man die Vizekandidatin Kamala Harris nicht unmittelbar nach Obama sprechen lassen sollte. Harris ist weit entfernt von der rhetorischen Brillanz, zu der Obama fähig ist, wenn er nicht selbstverliebt in die Höhen entschwebt. Sie hielt keine schlechte Rede. Aber sie sprach zu lang, sie mäanderte, sie versuchte alle und jeden mitzunehmen. Das war verständlich, das war ehrenwert. Zu einer guten Rede führte es nicht.

Nach Obamas furioser Einlassung hätte Harris vermutlich sagen können, was sie wollte. Ihr Auftritt wirkte, als sei im Zirkus nach der Raubtiernummer ein Jongleur in die Manege gestiegen, der drei Bälle gleichzeitig in der Luft halten kann. Kamala Harris hatte keine Chance.

Trumps Störversuche

Und dann war da noch Donald Trump. Er war auf dem Parteitag allgegenwärtig. Das lag zum einen daran, dass er im Mittelpunkt vieler Reden stand, denn mindestens ebenso sehr, wie es den Demokraten darum ging, ihren Kandidaten zu präsentieren, lag es ihnen am Herzen, Trump als Wurzel allen Übels zu beschreiben. Es lag zum anderen daran, dass der Präsident sich unablässig zu Wort meldete, bevorzugt auf Twitter. Bisweilen wirkte er wie ein Schüler, der versucht, das Theaterstück der Parallelklasse zu sabotieren, indem er bei der Aufführung beständig aus dem Zuschauersaal dazwischenbrüllt.

Den Höhepunkt seiner Störmanöver hatte er sich für den Donnerstag aufgehoben, den Tag von Joe Bidens grosser Rede. Um 15.03 Uhr entstieg er der Präsidentenmaschine Air Force One auf dem Wilkes-Barre/Scranton Airport in Pennsylvania. Von dort liess er sich zu einer Fabrik fahren, vor der sein Team einen Auftritt organisiert hatte. Trump hätte überall im Land reden können. Dass er eine Fabrik in der Nähe von Scranton gewählt hatte, lag daran, dass Biden in Scranton geboren wurde. Trump hat seinem Rivalen damit zum Höhepunkt des demokratischen Parteitags gezeigt, dass er gerade dabei ist, dessen Vorgarten zu markieren.

Auf dem Rückweg zur Air Force One legte Trump einen Pizza-Stopp ein.
Auf dem Rückweg zur Air Force One legte Trump einen Pizza-Stopp ein.
Foto: Reuters

In einer auch für seine Verhältnisse brutalen Rede behauptete Trump, die Demokraten wollten die Gefängnisse und die Polizei abschaffen, allen Amerikanern die Waffen wegnehmen und die Steuern um vier Billionen Dollar erhöhen. Nichts davon ist wahr. Und was Scranton angeht? Biden stamme gar nicht aus Scranton, sagte Trump: «Er hat Pennsylvania und Scranton im Stich gelassen.» Daran stimmt nur, dass Biden im Alter von zehn Jahren aus Scranton weggezogen ist, weil der Vater in Delaware Arbeit gefunden hatte.

Auf dem Rückweg zum Flieger liess Trump seinen Tross an einem Lokal namens «Arcaro & Genell» anhalten. Es gebe dort ausgezeichnete Pizza, sagte er, sichtlich zufrieden. Anschliessend setzte er seine Mannschaft wieder in Bewegung. Um 18.36 Uhr war er zurück im Weissen Haus, mehr als rechtzeitig, um sich Bidens Rede im Fernsehen anzusehen.

Bei normalen Parteitagen fallen am Ende, wenn der Kandidat seine Rede gehalten hat, die Luftballons von der Decke: rote, weisse und blaue – die Farben der amerikanischen Flagge. Der «Balloon Drop» ist der Moment, auf den die gesamte Inszenierung hinläuft. Der Saal entlädt sich dann in einer Explosion aus Geschrei und Jubel, es ist laut, heiss und hell in der Halle. Dieses Jahr lässt das Virus so etwas nicht zu.

Am Donnerstag ging nach Bidens Rede das Licht aus. Der Kandidat, der versprochen hatte, der «Verbündete des Lichts» zu sein, stand im Dunklen. Biden schaute noch einige Sekunden in die Kamera, dann kam seine Frau Jill auf die Behelfsbühne und umarmte ihn. Diese Mischung aus Dunkelheit, Stille und Intimität war erstaunlich eindrucksvoll. Sie liess Bidens Worte nachhallen, sie schien sie zu verstärken. Die Bidens lösten sich aus der Umarmung, sie verliessen das Gewölbe, sie traten hinaus in die Nacht, und dort gab es dann das, was sie sich in jeder Hinsicht für den November erhoffen: ein Feuerwerk.

Am Ende ein Feuerwerk: So soll es auch 3. November aussehen, hoffen die Demokraten.
Am Ende ein Feuerwerk: So soll es auch 3. November aussehen, hoffen die Demokraten.
Foto: Reuters