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Ein Jahr nach dem HorrorunfallAn Skirennen ist für Kohler nicht zu denken

Marco Kohler erlitt vor zwölf Monaten am Lauberhorn einen Totalschaden im Knie. Der 23-jährige Meiringer kämpft um die Rückkehr auf die Piste.

Abwarten und Tee trinken: Marco Kohler ist noch nicht bereit, um auf die Skipisten zurückzukehren.
Abwarten und Tee trinken: Marco Kohler ist noch nicht bereit, um auf die Skipisten zurückzukehren.
Foto: Beat Mathys

14. Januar 2020. Marco Kohler eröffnet als erster Vorfahrer das erste Training zur Lauberhornabfahrt. Bis zum Ziel-S geht alles gut, dann stürzt der Oberländer, landet in den Fangnetzen und muss mit dem Helikopter abtransportiert werden. Am 15. Januar 2020 kommt aus dem Spital die niederschmetternde Diagnose: Riss der Patellasehne, Riss des vorderen Kreuzbandes, Riss des Innenbandes sowie ein Riss im ausgerissenen Meniskus.

«Ich war mir zuerst nicht bewusst, wie gravierend die Verletzung war», erzählt Kohler rückblickend. Zwei Operationen waren nötig, um alles wiederherzustellen. Eine MRI-Untersuchung hat ihm kürzlich gezeigt: «Aus medizinischer Sicht ist alles verheilt.» Er sei so gesund, dass er ein normales Leben führen könne. Was diese Aussage bedeutet, erklärt Kohler so: «Ich kann wieder Treppen bewältigen oder in ein Auto einsteigen.»

Kreuzband, Patellasehne, Innenband und Meniskus waren gerissen – das Knie vor 365 Tagen und jetzt.
Kreuzband, Patellasehne, Innenband und Meniskus waren gerissen – das Knie vor 365 Tagen und jetzt.
Foto: PD/Beat Mathys

Längst ist dem Meiringer aus Hausen klar, dass er vor einem Jahr im linken Knie einen Totalschaden erlitten hat. Und wenn der 23-Jährige von einem «normalen Leben» spricht, reicht das für ihn eben nicht. Der Athlet aus dem C-Kader von Swiss-Ski ist Spitzensportler, fuhr zuletzt im Europacup. Von der körperlichen Verfassung, die es dafür braucht, ist er noch weit entfernt. «Bevor ich überhaupt wieder an Skirennen denken kann, muss ich mindestens einen sechswöchigen Kraftaufbau absolvieren.» Das ist derzeit unmöglich, denn immer wieder schwillt das Knie an, wenn er versucht, im Training Reize zu setzen. Dann ist wieder Ruhe angesagt. «Das behagt mir gar nicht, ich bin kein geduldiger Mensch.» Diese Eigenschaft zu lernen, sei wohl die grösste Lektion, die ihm die erste schwere Verletzung in seiner Karriere auferlegt habe, meint Kohler. Er leugnet nicht, dass ihm die Rückschläge mental zusetzten, ihn die Eltern zu Hause mehrmals niedergeschlagen gesehen hätten. «Doch vor allem versuche ich mich an den kleinen Schritten zu erfreuen. Das kann etwa eine kleine Koordinationsübung sein, die plötzlich wieder klappt.»

Sehnsucht nach der Piste

Muss der Draufgänger wieder mal pausieren, weil das Knie die Belastung nicht verträgt und sich wieder entzündet, liest Kohler ein Buch oder schaut sich Skirennen am TV an. Schon bald nach dem Unfall hat er mit seiner Mentaltrainerin auch seinen Sturz angeschaut. Heute lösen diese Bilder bei ihm keine Emotionen mehr aus. Psychisch wäre er für die Rückkehr auf den Schnee bereit, physisch nicht. «Dabei kann ich es kaum erwarten, wieder Schwünge in den Schnee zu ziehen.» Kohler hofft, dass das noch diesen Winter passieren wird. Aber bloss um etwas «den Hang runterzurutschen», gehe er nicht auf den Berg. «Ich kenne mich, ich hätte mich nicht im Griff und würde schnell übertreiben.» Schliesslich ist er Speed-Spezialist und liebt das Tempo.

Aktuell behandelt Kohler das Knie mit einer Eigenbluttherapie. Ob diese Methode hilft, die vollständige Genesung zu beschleunigen, weiss er noch nicht. Was für ihn sicher ist: Der Skisport bleibt seine Passion. Trotz aller Schmerzen und Geduldsproben, an den Rücktritt hat er bisher «keine Sekunde» gedacht.

Der 23-jährige Haslitaler arbeitet zu Hause an seinem Comeback.
Der 23-jährige Haslitaler arbeitet zu Hause an seinem Comeback.
Foto: Beat Mathys
2 Kommentare
    andreas abplanalp

    Es ist schon etwas auffällig, wieviel junge Leute in letzter Zeit im Spitzenskisport schwere und schwerste Knieverletzungen erleiden. Es gibt praktisch kein Spitzenfahrer(in) mehr, der/die während der Karriere KEINEN schweren Knieunfall erlitten hat.

    Dass diese Verletzungen zweifellos Folgen für das spätere Leben, insbesondere im Alter, haben werden, liegt auf der Hand.

    Das olympische Motto "Citius,altius,fortius" zu deutsch schneller, höher, stärker, wird dadurch und insbesondere auch wegen den enormen Geldsummen ,die in den Spitzensport einfliessen, ad absurdum geführt.

    Ein konsequentes Ueberdenken resp. Marschhalt in dieser unhaltbaren Situation täte dringend Not.