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Problemfall Axsana Anbieter von Patientendossier braucht noch mehr Steuergeld

Acht Kantone, darunter Zürich, Basel und Bern, sollen der Axsana des früheren Zürcher Gesundheitsdirektors Heiniger neues Geld einschiessen. Doch die zeigen wenig Bereitschaft, zumal das System immer noch nicht funktioniert.

Mit dem elektronischen Patientendossier sollen Spitäler – hier die Notaufnahme des Inselspitals Bern, einfacher auf Dokumente zugreifen können.
Mit dem elektronischen Patientendossier sollen Spitäler – hier die Notaufnahme des Inselspitals Bern, einfacher auf Dokumente zugreifen können.
Foto: Adrian Moser

Eigentlich müsste das elektronische Patientendossier (EPD) bereits seit dem 15. April dieses Jahres laufen. So steht es im Gesetz. Und die Politiker hatten eine genaue Vorstellung davon, was damit gemacht werden sollte: Die Patienten sollten alle ihre Gesundheitsdaten an einem Ort haben, und ihre Ärzte sollten rasch und einfach finden, was sie brauchen – so, wie es in Dänemark schon lange funktioniert.

Fünf Monate nach dem Termin gibt es hierzulande diese Systeme aber immer noch nicht. Und Besserung ist nicht in Sicht. Der offizielle Grund ist, dass die Zertifizierung der Systeme nicht vom Fleck kommt. Doch noch viel wichtiger ist, dass der grösste Anbieter elektronischer Patientendossiers, die Firma Axsana, nicht vom Fleck kommt.

Die Firma gehört zu 50 Prozent einem Trägerverein aus Spitalverbänden und Ärztegesellschaften. Die andere Hälfte der Anteile gehört den Kantonen Zürich, Bern, Basel-Stadt, Luzern, Nidwalden, Schwyz, Zug und Uri. Im Sommer verschickte die Axsana den ihr angeschlossenen Spitälern Rechnungen, doch diese weigerten sich zu zahlen und bekamen am Schluss recht.

Fünf Millionen gesucht

Jetzt braucht aber Axsana unbedingt rund 5 Millionen Franken. Die Firma ist deshalb an die acht Kantone gelangt mit der Bitte, ein Darlehen über 1,875 Millionen Franken zu sprechen. Von der Swisscom, welche die Informatiklösung erarbeitet hat, möchte Axsana die Stundung von 3 Millionen Franken. Das geht aus einer Antwort des Berner Gesundheitsdirektors Pierre-Alain Schnegg auf eine Frage von Grossrat Michael Köpfli (GLP) hervor. Die Anschubfinanzierung werde nicht reichen, schreibt Schnegg. Und der Geschäftsplan der Axsana greife nicht mehr.

«Die Gewährung eines Darlehens durch den Kanton Bern ist nicht geplant.»

Pierre-Alain Schnegg, Gesundheitsdirektor Bern

Am Dienstag findet die Sitzung statt, an der über das Darlehen entschieden wird. Einfach dürfte es für Axsana nicht werden. Denn in der gleichen Antwort schreibt Gesundheitsdirektor Schnegg, dass «die Gewährung eines Darlehens durch den Kanton Bern nicht geplant ist.»

Die Zurückhaltung von Bern könnte Folgen haben. So lässt die Zürcher Gesundheitsdirektion ausrichten, von Zürich gebe es nur Geld, wenn sich die anderen Kantone und auch der Trägerverein aus Spitalverbänden daran beteilige. Zudem müsse ein «Zeitplan für die Finanzierungs- und Rückzahlungsschritte sowie ein verbindlicher Zeitraum im Frühling 2021 für die Einführung des EPD vorliegen. Zürich fordert zudem, dass «eine substanzielle Änderung des Governance-Settings in Angriff» genommen wird. Was das konkret bedeutet, wollte Sprecher Marcel Odermatt nicht darlegen.

Auch die Gesundheitsdirektionen von Schwyz und Nidwalden, Basel, Zug, Luzern und Uri sind zurückhaltend und nicht scharf darauf, dem Problemunternehmen noch mehr Geld zu geben. Der Trägerverein wird sich erst am Donnerstag beraten, ob und wie er der Axsana Geld zukommen lässt.

Wie schlimm es um die Finanzen der Axsana steht, lässt sich nur erahnen. Die Firma bestätigt Gespräche mit den Kantonen, dem Trägerverein und dem Bund. Obwohl die Firma weitgehend von Steuergeldern lebt, legt sie ihre Buchhaltung auf wiederholte Anfrage nicht offen, selbst der Jahresbericht 2019 enthält keine ordentliche Abrechnung. Dass sie Darlehen in Millionenhöhe benötigt, zeigt, dass sie Liquiditätsprobleme haben könnte. Gegenüber den ihr angeschlossenen Spitälern liess Axsana Ende August verlauten, dass man mit einem «eingeschränkten Pilotbetrieb» starten wolle, und zwar «frühestens ab Mitte November 2020».

Nur ein Viertel plant die Integration in die Kliniksoftware

Wie weit weg das elektronische Patientendossier von der ursprünglichen Grundidee entfernt ist, zeigt eine Liste der Gesundheitsdirektorenkonferenz von Ende April. Dort haben 257 Spitäler und Kliniken angegeben, ob und teilweise wie sie das EPD mit ihrem Klinikinformationssystem verknüpfen wollen. Nur dann würde das Patientendossier den vorgesehenen Nutzen bringen.

Nur 68 Gesundheitsinstitutionen haben angegeben, diese Einbettung des Patientendossiers in ihre Kliniksoftware überhaupt anzustreben. Bei allen anderen wird es eine Webportal-Lösung geben, oder wie der Obwaldner Spitaldirektor Andreas Gattiker sagt, einen «PDF-Friedhof», sprich, es werden nur elektronische Kopien von Dokumenten abgelegt, was den Patienten wenig Nutzen bringen dürfte.

Unter jenen Kliniken, die vorwärtsmachen, sind fast alle Spitäler im Kanton Graubünden. Die von ihnen gebildete Gemeinschaft hat aber einen anderen Ansatz als Axsana gewählt: Sie entwickelte mithilfe eines österreichischen Anbieters, der schon ein solches System entwickelt hat, eine Plattform zur Vernetzung der Leistungserbringer. Das Patientendossier ist dann daran angehängt. Das Bündner System ist im Gegensatz zu Axsana auch ganz ohne kantonale Beiträge entwickelt worden.

20 Kommentare
    Peter Imthurn

    Es ist immer das Gleiche. Es wird Technologie verwendet, weil man diese kennt und Methoden verwendet weil man diese angeblich beherrscht. Anschliessend wundert man sich, wenn auf Grund der «alten Fehleinschätzungen» und viel zu optimistischer Planung tatsächlich das rauskommt, was man eigentlich schon zu Beginn befürchtet hat (aber niemals ausgesprochen hat) und ist dann überrascht von den Kosten und zeitlichen Problemen.

    Bei diesen Vorgehen muss man sich nicht wundern, wenn nichts Innovatives rauskommt, weil man die Innovation von Anfang an ausschliesst. Wahre Innovationen kommen nie von den Etablierten, sondern von den Newcomern, die bestehende Strukturen disruptiv hinterfragen und verändern.