Arbeit und Liebe

Tamara Funiciello über unbezahlte Tätigkeiten von Frauen.

An was denken Sie, wenn Sie das Wort Arbeit hören? An die Kassiererin? Den Bauarbeiter? Denken Sie an Ihre Arbeitskolleg*innen, an ihre Karriere und ob Ihre Arbeit Sinn ergibt und ob Sie Ihre Arbeit überhaupt interessant finden? Fragen Sie sich vielleicht manchmal, ob Sie einen gerechten Lohn für das bekommen, was Sie den ganzen Tag leisten?

Denn so funktioniert Arbeit, oder? Arbeitsstunden gegen Geld, Pausen und Ferien, Krankheitstage. Falsch gedacht. Das gilt nicht für alle. Denn nicht alle in unserer Gesellschaft kriegen Geld für die Arbeit, die sie leisten und haben Recht auf Ferien. Es gibt nämlich Arbeit, die gar nicht als Arbeit anerkannt wird. Wenn man nämlich zu Hause putzt, wenn man Wäsche wäscht, Kinder erzieht, sie füttert und ihnen Geschichten vorliest, wenn man ihre Kotze aufwischt, wenn man betagte Eltern pflegt, einkaufen geht, Menschen tröstet, dann macht man das gratis.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen: Logisch macht man das gratis, schliesslich macht man diese Arbeit aus Nächstenliebe. Das mag stimmen – aber verringert das auch den Wert dieser Arbeit? Wir rechtfer­tigen den Millionenlohn eines Topmanagers damit, dass er viel leistet und viel Verantwortung trägt. Gilt das für jemanden, der oder die Kinder grosszieht, nicht? Wieso wird das nicht anerkannt?

«Es gibt Arbeit, die gar nicht als Arbeit anerkannt wird.»

Weil es um Kohle geht. Viel Kohle. Die Ökonomin Mascha Madörin weist nach, dass Frauen in der Schweiz pro Jahr insgesamt 108 Milliarden weniger verdienen als Männer – obwohl sie gleich lange arbeiten. Ein Teil davon lässt sich auf konkrete Lohndiskriminierung zurückführen, wenn Frauen also für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden als Männer. Der viel grössere Teil aber kommt zustande, weil Frauen weniger oder gar nicht bezahlt arbeiten, um eben diese «Arbeit aus Liebe» zu leisten. Das ist Geld, das Frauen ganz real fehlt, und zwar ihr ganzes Leben lang.

Das zeigt sich an zwei konkreten Beispielen: Erstens haben Frauen im Schnitt 40 Prozent tiefere Renten als Männer, weil die zweite Säule unserer Altersvorsorge nur bezahlte Arbeit ­widerspiegelt. Zweitens kann niemand ernsthaft in Zweifel ziehen, dass Bäuerinnen extrem hart arbeitende Frauen sind und nicht nur für ihre Familie, sondern auch auf dem Hof eine tragende Rolle spielen. Trotzdem erhalten sind oft keinen Lohn und sind nicht sozialversichert. Auch deshalb hat Christine Bühler, oberste Bäuerin der Schweiz, angekündigt, dass sie am Frauenstreik am 14. Juni 2019 teilnehmen wird.

Wir sollten uns an dieser Stelle fragen, welche Arbeit in unserer Gesellschaft wirklich Wert schafft. Welche Arbeit wirklich wichtig ist. Wollen wir ernsthaft, dass Menschen, die Waffen produzieren oder die den Grosskonzernen beim Steuerbetrug helfen, finanziell besser dastehen als Menschen, die die nächste Generation aufziehen und die grundlegenden Bedürfnisse unserer Gesellschaft befriedigen? Ich bin ganz klar für eine Gesellschaft, die die ­Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt und nicht den Wachstumswahn des reichsten Prozents.

Was also tun? Die sogenannte unbezahlte Sorgearbeit (eben das Putzen, das Kindergrossziehen etc.), die heute vor allem von Frauen geleistet wird, muss rentenbildend werden. Die Arbeitszeit muss massiv reduziert werden, damit diese Sorgearbeit besser verteilt werden kann und so auch aufgewertet wird. Es braucht einen gut ausgebauten Service public, mit Kitas, Tagesschulen, Altersheimen, und Löhne im Dienstleistungsbereich, die den Namen auch verdienen. Denn Haus- und Sorgearbeit ist auch Arbeit – und zwar unglaublich wichtige.

Tamara Funiciello ist Präsidentin der Juso und eine der Vizepräsidentinnen der SP Schweiz.

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