In Afghanistan hat niemand eine Antwort

Viele Menschen blicken mit gemischten Gefühlen auf die Verhandlungen der USA mit den Taliban: Kommt der Frieden, oder folgt die nächste blutige Runde?

Talibankämpfer während einer Waffenruhe: Sie spielen eine wichtige Rolle im Ringen um den Frieden in Afghanistan. Foto: Reuters

Talibankämpfer während einer Waffenruhe: Sie spielen eine wichtige Rolle im Ringen um den Frieden in Afghanistan. Foto: Reuters

Verunsichert und hoffnungsvoll, das sind eigentlich zwei Begriffe, die nicht so recht zusammenpassen. Doch in Afghanistan ist das die Gefühlslage vieler Menschen nach 17 Jahren westlicher Besatzung. Verunsichert sind sie, weil ihre Regierung beim Friedensprozess nicht mitredet, weil sich US-Diplomaten mit den Taliban in Doha treffen oder weil die Islamisten wie an diesem Dienstag in Moskau mit afghanischen Oppositionellen über die Zukunft des Landes sprechen. «Wir haben Hoffnung, weil wir alle den Krieg leid sind», sagt ein Mann in Kabul, der namentlich nicht in der Zeitung genannt werden möchte. «Aber wir sind auch verwirrt, weil wir nicht wissen, wie ein solcher Frieden aussehen könnte.»

Was wird aus den Errungenschaften der vergangenen 17 Jahre? Dürfen Frauen weiterhin im Parlament sitzen und Mädchen in die Schule gehen? Dürfen Menschenrechtler sich weiter für Meinungsfreiheit einsetzen und eine korrupte Justiz anprangern? Was passiert, falls es zu einem Friedensschluss zwischen den Taliban und der Kabuler Regierung kommt, die Islamisten aber einfach nur abwarten, bis der Westen seine Soldaten abgezogen hat – stürzt das Land dann in den nächsten Bürgerkrieg?

In Afghanistan hat niemand eine Antwort auf diese Fragen. Fest steht nur: Die Taliban werden hofiert. Lange als Terroristen gebrandmarkt, gelten sie nun als Verhandler auf Augenhöhe. Denn der Konflikt befindet sich in einem Patt, die USA wollen den längsten Kriegseinsatz ihrer Geschichte beenden – und die Afghanen sehnen sich nach nichts mehr als nach Frieden. An Phasen, in denen in ihrem Land keine Kämpfe tobten, erinnert sich nur noch die ältere Generation.

Sehnsuchtsort für Hippies

Mohammad Rafiq Helali ist 70 Jahre alt und Landbesitzer in der westafghanischen Provinz Farah, die an den Iran grenzt. Er berichtet von einer Ära «ohne ausländische Einmischung», von einer Zeit in seiner Heimatprovinz, «in der es keine einzige Waffe gab, ausser bei den Sicherheitskräften». Das war in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren, König Zahir Shah regierte ein liberales Land. Sicherheit, Musik, Frauen in Miniröcken, das war Alltag in Kabul, das zum Sehnsuchtsort für die Hippies aus dem Westen wurde. Wie selbstverständlich spielte sich das Leben im öffentlichen Raum ab. Heute hat Furcht die Lebensfreude vieler Afghanen ersetzt, bangen Eltern um ihre Kinder, wenn sie in die Schule gehen, weil sie nicht sicher sein können, ob die Jungen und Mädchen einem Anschlag zum Opfer fallen. «Der König hatte die Lage im Griff, alles war sicher», sagt Helali. Zwar sei die afghanische Wirtschaft schon damals unterentwickelt gewesen, aber sie habe sich voranbewegt: «Wir waren auf dem Weg zu einem modernen Land, alles hat sich Schritt für Schritt zum Besseren gefügt.»

Doch im Jahr 1973 stürzte der Cousin des Königs den Monarchen und rief die Republik aus. Es folgten die Machtübernahme der Kommunisten und, um diese zu unterstützen, der Einmarsch der Roten Armee im Jahr 1979. Die USA gaben den selbst ernannten Gotteskriegern im Kampf gegen die Sowjets Geld und Raketen. 1989 zogen die russischen Soldaten gedemütigt ab. Afghanistan war so zersplittert, dass es in den Bürgerkrieg abdriftete, verfeindete Warlords zertrümmerten grosse Teile Kabuls. Die Taliban kämpften sich Anfang der Neunziger an die Macht, die Leute atmeten auf: endlich Ruhe, nach Jahren des Schreckens. Doch die Taliban errichteten ihrerseits ein Regime der Finsternis, Frauen wurden aus dem öffentlichen Leben verbannt. Sie herrschten, bis nach den Anschlägen vom 11. September die USA und ihre Verbündeten kamen. Besiegt hat der Westen die Islamisten nicht. Nun sollen sie wieder integriert werden. Die Frage ist nur: Wie soll das funktionieren?

Durch Streit gelähmt

Auf dem Bonner Petersberg wurde kurz nach dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 der Ausgleich zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in Afghanistan begonnen – die Taliban wurden dabei aussen vor gelassen. «Nun haben sie die Oberhand gewonnen, und die gegenwärtige politische Fragmentierung und ethnische Polarisierung schadet dem politischen Prozess, der um Ausgleich bemüht ist», sagt der Kabuler Politanalyst Haroun Mir. Er geht davon aus, dass die Taliban weiter an ihrer Linie festhalten werden, nicht mit der Regierung in Kabul zu verhandeln, und sich gar nicht in das bestehende System integriert werden wollen.

In diesem System haben die USA immer wieder nach Wahlen mit diplomatischem Druck interveniert und sichergestellt, dass dem Präsidenten, der aus der ethnischen Mehrheit stammt, Vertreter anderer Volksgruppen an die Seite gestellt werden. Diese Regierung der nationalen Einheit, die von Staatschef Ashraf Ghani angeführt wird, hat in den vergangenen Jahren zwar Reformen angestossen, war aber vor allem durch innenpolitischen Streit gelähmt.

Ein afghanischer Journalist in Kabul hat diese Geschichte mitrecherchiert. Aus Furcht vor Repressalien durch die Taliban möchte er nicht als Co-Autor genannt werden.

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