Pflegerinnen entlasten den Hausarzt

Der Mangel an Hausärzten spitzt sich weiter zu: Jetzt sollen Pflegefachpersonen in die Bresche springen. Ein Modell, das sich im Ausland schon bewährt hat, hält nun also auch in der Schweiz Einzug.

Pflegefachfrau mit erweiterten Kompetenzen: Corina Thomet, hier während eines Patientengesprächs im Inselspital, gehört zu den ersten Pflegeexpertinnen APN im Kanton Bern.

Pflegefachfrau mit erweiterten Kompetenzen: Corina Thomet, hier während eines Patientengesprächs im Inselspital, gehört zu den ersten Pflegeexpertinnen APN im Kanton Bern.

(Bild: Tanja Laeser/zvg)

Über 60 Prozent der heute tätigen Hausärzte werden in den nächsten zehn Jahren ihre Praxis altershalber aufgeben. Es fehlt an Nachwuchs, und es kommt zugleich zu einer Überalterung: «15 Prozent der bereits heute geleisteten hausärztlichen Tätigkeit werden von über 65-Jährigen erbracht», sagt Andreas Zeller vom Universitären Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel. Damit droht eine Versorgungslücke.

Auch der Kanton Bern tut sich schwer mit dieser Entwicklung. «Es ist nicht einfach, motivierten Nachwuchs zu finden, der eine bestehende Praxis übernimmt oder eine neue eröffnet», bestätigt Yvan Rielle, Geschäftsführer des Vereins Berner Haus- und Kinderärzte und -ärztinnen.

Dafür gebe es mehrere Gründe: So würden in der Schweiz zu wenige Mediziner ausgebildet, und zu wenige wollten Hausärzte werden. Dies hänge mit den schwierigen Voraussetzungen für diesen Berufsstand zusammen; dazu gehörten der im Vergleich mit Spezialisten tiefere Verdienst und die hohe Arbeitsbelastung.

Pflegeexpertin ergänzt Arzt

Um dem Hausärztemangel entgegenzuwirken, sind neue Modelle gefragt. Beispielsweise, indem die Kompetenzen von Pflegefachpersonen erweitert werden, etwa mit sogenannten Advanced Practice Nurses (APN). Ein solches Modell wird bereits in Holland, Norwegen oder Grossbritannien praktiziert. Mit diesen speziell ausgebildeten Pflegefachpersonen verbessert sich in diesen Ländern nachweislich die Versorgung der Bevölkerung, Spitalaufenthalte werden ausserdem verkürzt.

In der Schweiz werden solche Pflegefachpersonen als Pflege­expertinnen APN bezeichnet. Es handelt sich dabei um dip­lomierte Pflegefachfrauen und -männer, die an einer Universität oder Fachhochschule einen Master of Science in Nursing erworben haben. Am Inselspital in Bern arbeiten insgesamt 14 Pflegeexpertinnen APN mit spezifischen Patientengruppen.

Eine davon ist Corina Thomet, die am Inselspital eine Sprechstunde für Jugendliche und junge Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern sowie deren Eltern aufgebaut hat. «Ziel ist es», erklärt sie, «das Wissen der Jugendlichen durch regelmässige Schulungen bezüglich ihres Herzfehlers zu verbessern und eine individuelle Begleitung dieser Patienten und deren Eltern anzubieten.»

Die Patienten lernten also Verantwortung für ihre eigene Gesundheit zu übernehmen, sodass die Eltern diese zunehmend an die Jugendlichen abgeben könnten. Vermittelt werden Themen wie Leben mit dem Herzfehler, Berufswahl, Sport, Verhütung, Zigaretten- und Alkoholkonsum oder Versicherungsfragen.

Eine erste Auswertung dieser Sprechstunde, die 2012 lanciert wurde, hat gezeigt, dass sie von Patienten und Eltern sehr geschätzt wird, vorab in Bezug auf die Kontinuität der Betreuung und die Qualität der Schulung. Mit ihrer Tätigkeit entlasten Pflegeexpertinnen APN nicht nur die Fachärzte, sondern auch die Haus- und Kinderärzte ausserhalb des Spitals. «Noch sind leider unsere Tätigkeitsfelder und unser Nutzen vielen Patienten und Ärzten zu wenig bekannt», bedauert Corina Thomet.

Bei der Finanzierung des neuen Berufsfeldes Pflegeexpertin APN hapert es allerdings noch. Diese dürfen im Spital nicht selbst mit der Krankenkasse abrechnen. Vereinzelt kann jedoch ein Teil der Pflegeleistungen delegiert über den Arzt weiterbe­lastet werden, was indes bei weitem nicht kostendeckend ist.

Dieselben Schwierigkeiten erleben auch Pflegeexpertinnen, die ambulant tätig sind, etwa im Me­dizentrum in Schüpfen (diese Zeitung berichtete). Hier sind Pflegeexpertinnen APN zur Entlastung der Hausärzte unterwegs. Sie besuchen Chronischkranke, zu Hause oder im Heim, unter­suchen und behandeln sie bei ­Bedarf selber – nach Rücksprache mit einem Arzt (siehe auch Kasten).

Eine Gesetzesänderung ist deshalb notwendig. Sie würde ermöglichen, dass die neue Berufsgruppe als Leistungserbringer anerkannt wäre und direkt mit den Krankenkassen abrechnen dürfte. Doch der Ständerat hat jüngst eine entsprechende Ergänzung des Bundesrats im ­Gesundheitsberufegesetz abgelehnt.

Abgesehen vom Finanzierungsproblem stösst das neue Angebot aber auf Interesse. Eine Entlastung der Ärzte durch die Zusammenarbeit mit Pflegeexpertinnen APN wird höher gewichtet als die Angst vor Konkurrenz. Philippe Luchsinger vom Verband Haus- und Kinderärzte Schweiz: «Auch wenn es gewisse Überschneidungen in der Arbeit geben kann, sind die beiden Berufe nicht deckungsgleich.»

Es gebe zudem Arbeiten, die bisher durch Hausärzte übernommen worden seien, die aber nicht rein ärztliche Handlungen seien. Wichtig sei ­jedoch, dass die Zusammenarbeit Hand in Hand gehe. Ebenso begrüsst der Schweizer Berufsverband der Pflegefachpersonen (SBK) das neue Angebot.

«Die APN können zu einer qualitativ ­guten und kostengünstigen Gesundheitsversorgung beitragen, weil ihr Fokus darauf gerichtet ist, dass die Patienten möglichst selbstständig leben können», sagt Helena Zaugg vom SBK. Ausserdem trage die APN-Ausbildung zur Attraktivität des Pflegeberufs bei und fördere damit den Nachwuchs.

Grossfirmen helfen sich selbst

Neben der öffentlichen Aufmerksamkeit, die neue Versorgungsangebote aus dem Ausland geniessen, fristet daneben eine traditionsreiche, ähnliche Dienstleistung nur noch ein Schattendasein: die einstige ­«Betriebskrankenschwester».

Die heutige Pflegefachfrau oder Health Nurse findet man nur noch in Grossbetrieben. Dieses Angebot richtet sich an jüngere Arbeitnehmende mit akuten ­Erkrankungen oder Bagatell­unfällen.

Günstiger als ein Arzt

Seit 21 Jahren besorgt beispielsweise das Institut für Arbeits­medizin (IFA) in Baden für den Grosskunden ABB diese Aufgabe, mit 15 Pflegefachfrauen an fünf Standorten. «Sie diagnostizieren, behandeln und sind für Notfälle da», erklärt Dieter Kissling, Geschäftsleiter und Begründer des IFA.

Im Hintergrund steht jederzeit ein Arzt bereit, per Videokonferenz oder vor Ort. «Die wichtigste Kompetenz ist dabei, die eigenen Grenzen zu kennen», betont Kissling. Mit der Abrechnung gibt es keine Probleme, denn die Kosten werden vollumfänglich vom Betrieb getragen. Auch wenn es in der Industrie kriselt – Kissling sorgt sich nicht um die Finanzierung.

Der Nutzen für den Betrieb sei offensichtlich: Eine Health Nurse sei günstiger als ein Arzt vor Ort, es gebe weniger Abwesenheiten, weniger Unfälle, weniger Weg­zeiten für Arztbesuche – und die Mitarbeitenden könnten sich erst noch Franchise und Selbstbehalt sparen.

«Der fehlende Umsatzdruck ermöglicht den Pflegefachfrauen ausserdem, für die Sorgen und Nöte der Mitarbeitenden Zeit zu haben», fügt Kissling hinzu. Zeit, die auch für Prävention und Gesundheitsförderung genutzt werden könne, was wiederum dem Arbeitgeber diene. Und nicht zuletzt werden dank den Pflegefachfrauen auch die Hausärzte entlastet.

Berner Zeitung

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