Brexit-Vergleich sorgt für Wirbel

Europafreundliche Briten versuchen, mit radikalen ­Thesen ein Umdenken in Sachen Brexit zu erreichen. Ein neues Buch vergleicht die Brexit-Vertreter mit den Politikern der 30er-Jahre, die sich mit Hitler arrangieren wollten.

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Bei den EU-freundlichen Briten hat sich in den vergangenen Wochen der Eindruck verstärkt, dass das Land auf eine Katastrophe zusteuert. Während die britische Regierung in den Verhandlungen mit der EU weiterhin eine harte Haltung einnimmt, treten Brexit-Gegner mit zunehmend eindringlichen Warnungen an die Öffentlichkeit. Kürzlich ist ein Buch erschienen, das sogar einen Vergleich zieht zwischen den Zugpferden des Brexit und den sogenannten Appeasern der 30er-Jahre, die sich mit Nazideutschland arrangieren wollten.

«Guilty Men: Brexit Edition», veröffentlicht unter dem Pseudonym Cato the Younger, beschuldigt führende EU-feindliche Politiker wie Nigel Farage und Boris Johnson, die Zukunft Grossbritanniens aufs Spiel zu setzen, sei es aufgrund einer irregeleiteten Ideologie oder um sich persönliche Vorteile zu verschaffen.

Bezug zu Pamphlet von 1940

Der Titel des Buches ist bedeutsam, denn er bezieht sich auf ein Pamphlet aus dem Zweiten Weltkrieg: Im Juli 1940, wenige Monate nachdem Winston Churchill die Regierung übernommen hatte, publizierten drei Journalisten ein kleines Buch mit dem Titel «Guilty Men». Darin klagten sie die Hauptvertreter der Appeasement-Politik der 30er-Jahre an, etwa den früheren Premierminister Neville Chamberlain und Aussenminister Lord Halifax. Es war eines der meistverkauften Pamphlete in der britischen ­Geschichte und trug seinen Teil dazu bei, den Widerstandswillen der Briten gegen Nazideutschland zu stärken.

Der Vergleich zwischen Brexit und Zweitem Weltkrieg mag auf Aussenstehende arg überrissen wirken, aber vielen britischen Europafreunden spricht er aus dem Herzen. Andrew Adonis, der unter der letzten Labour-Regierung eine Reihe von Kabinettsposten besetzte und heute im House of Lords sitzt, lobte die «Brillanz der Anklage» und bekräftigte, dass ein «harter» Brexit «den schlimmsten Fehler seit den 30er-Jahren» darstellen würde.

Ungeachtet der historischen Vergleiche gibt es reichlich Anlass, sich über die Brexit-Stra­tegie der britischen Regierung Sorgen zu machen. Weiterhin sucht man vergebens nach einer eindeutigen Linie, die Theresa May in den Verhandlungen fahren will.

Streit im eigenen Lager

Erschwert wird die Sache für sie dadurch, dass die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Kabinetts in den vergangenen Wochen noch stärker zum Vorschein gekommen sind: Finanzminister Philip Hammond, der die wirtschaftlichen Beziehungen zum restlichen Europa so eng wie möglich gestalten will und nach dem Stichtag eine längere Übergangsphase ins Auge fasst, wird von seinen Kollegen beschuldigt, den EU-Ausstieg verhindern zu wollen. Aussenminister Boris Johnson setzt unterdessen seine konfrontative Rhetorik gegenüber Brüssel fort.

Verunsicherte Konsumenten

Auch die ökonomischen Aussichten haben sich verdüstert. Die steigende Inflation hat begonnen, sich auf die Kaufkraft der Briten auszuwirken. Die Zuversicht der Konsumenten ist in den letzten zwei Monaten stark zurückgegangen. In der gleichen Zeitspanne ist die Zulassung von neuen Fahrzeugen stark eingebrochen. Schlecht sehen auch die Aussichten im Nahrungsmittelsektor aus: In einer neuen Studie verweisen Akademiker darauf, dass nach dem Brexit eine an­gemessene Regulierung dieses Wirtschaftszweigs fehlen würde. Das könnte die Preise stark ansteigen und die Standards bei den Nahrungsmitteln sinken lassen.

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