Kommt ein Esel ins Museum

Alle Macht dem Bild! Das fordert der kanadische Künstler Jeff Wall und zeigt in München Fotografie, die besser ist als jedes Kino.

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Da steht Champion. Alle kennen Champion, Champion, den Esel. Denn er ist ja nicht irgendein Langohr, das da in der Ecke eines Stalls in Blackpool intensiv vor sich hin blickt, Kugelbauch, depressiver Rücken. Keine Schönheit ist er, doch eine Berühmtheit, eine Prominenz! Auch Prinz Charles hat mächtige Ohren, aber diese hier sind von einer ganz besonderen Macht. Champion ist der bekannteste Esel der Kunstwelt. Abgesehen vom Kollegen, dem Maurizio Cattelan 1998 ein Fernsehgerät gesattelt hat. In München empfängt Champion, der Esel von Jeff Wall, in der teuren Pinakothek der Moderne teure Besucher. Der Esel, Hartz-IV-Empfänger des Tierreichs quasi, und die Münchner Schickeria: was für ein Bild!

Doch es ist ja selten, wie es scheint. Wäre Champion bloss eine verlauste Krücke, man hätte ihn nicht in den Kunst-Olymp eingelassen, dort, wo die Götter der Moderne wohnen, Beuys, Baselitz und Rauch. Denn diesen ist unser Esel womöglich sogar überlegen. Sein Understatement verbirgt nämlich seine wahre Natur: Champion ist eine Wandaktie, eine erstklassige Wertanlage, um nicht zu sagen ein Bluechip.

Sein Besitzer freilich will vom schnöden Mammon nichts wissen, denn er hat auch so Geld wie Heu: Das Tier hängt, wenn es nicht im Museum fremdgeht, im Schlafzimmer des Münchner Sammlers und Verlegers Lothar Schirmer. Seit «A Donkey in Blackpool» (1999) dort eingestallt hat, heisst das Zimmer «Zwei-Esel-Raum»: «Der eine Esel liegt im Bett, der andere hängt an der Wand und frisst jede Menge Strom», lässt sich der Verleger gern zitieren. Er kaufte das Bild Ende der 90er-Jahre beim Künstler persönlich, zum geschätzten Schnäppchenpreis von 50'000 bis 100'000 Dollar. Heute würde Beuys-Sammler Schirmer für das Bild ein Mehrfaches bekommen. Denn auch Jeff Wall ist ein Bluechip, ein Champion wie der andere Champion. Und das mit gutem Grund.

Bilder wie Filmstills

Jeff Wall, 1946 in Vancouver geboren, ist dafür bekannt, dass er in den 70er-Jahren einen Trick ersann, auf den vor ihm keiner gekommen war: Er machte den sperrigen, eckigen, den riesigen Leuchtkasten der Werbewelt salonfähig, ja kunstfähig. Er lud ihn mit sakraler Bedeutung auf und veredelte den Metallkasten als neue Darreichungsform von Kunst. Er materialisierte und thematisierte die Präsenz von Kunst im Raum. Zumal jene von Fotografie, bei Wall eine Monumentalkunst, eine bildnerische Selbstüberschätzung und Behauptung der Schwergewichtsklasse. Ich bin ein Bild, ich bin gross, überlebensgross, ich bin es wert, gesehen zu werden, lautet die Botschaft.

In seinen von innen beleuchteten Schaukästen lässt Wall die Grenze zwischen Dokument und Inszenierung, zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Obwohl der Künstler selbst das Wort «Fiction» nicht schätzt. Es klingt ihm zu sehr nach Roman; Jeff Wall besteht darauf, dass bei ihm «Fiction» ersetzt wird durch das Wort «Kino». Manche seiner Bilder wirken tatsächlich wie Filmstills, andere wie Gemälde, was nicht nur daran liegt, dass Wall Kunstgeschichte studiert hat und früher selbst malte; andere wiederum haben den Charme eines Kammerspiels, sind aufwendig inszenierte Bühnenstücke, die sich in einem einzigen Bild verdichten.

Die Crux: In den Fotografien von Jeff Wall findet man die gesamte Kunstgeschichte wieder – das Tafelbild und das Schlachtenpanorama, das Stillleben, die Tierstudie, das klassische Porträt und die Skulptur. Jeff Wall ist der Mann, der die Themen und die Gattungen der Kunst – Malerei, Fotografie, Skulptur und Film – kollidieren lässt und aus dem Funkenschlag Werke in einer nächsten Dimension entwickelt. Werke, die das Fotografische als Bild neu definieren. Dies aber tun sie in einer anachronistischen Opulenz, die es mit den Meistern aufnimmt. Für den Künstler nämlich gilt die Gleichung: Moderne in Potenz gesetzt mit Barock gleich Jeff Wall. In Walls Übergrösse spielt Grösse keine Rolle mehr. Wissend, dass sich Grösse in der westlichen Welt stets an der Lebensgrösse ausrichtet und dass Grösse mit Bedeutung gleichgesetzt wird. Alles ist sekundär bei ihm, alles ist gleichwertig. Jeff Wall gibt dem Bild physische Präsenz im Raum zurück und Autonomie, wie damals die Tableaus der alten Meister.

Hier ist Kunst keine Sache mehr, die etwas repräsentieren muss, sie repräsentiert sich selbst. Sie gefällt sich sogar selber, was für ein Glück. Sie ist als Bild ein Etwas mit einer politischen, kulturellen und ästhetischen Bedeutung, und dieses Etwas gehört keinem anderen als sich. Es ist kein Zufall, dass Wall in München zu sehen ist, in einer Ausstellung, an welcher er selbst intensiv mitgearbeitet hat. In der Stadt, die sich damit auch selber feiert, leben einige seiner treusten Sammler: Ingviel Goetz, die schon früh seine Leuchtkästen entdeckte, und die für ihre «Sammlung Goetz» von Herzog & de Meuron ein ansprechendes Museumsgebäude bauen liess; Lothar Schirmer wie gesagt oder der Galerist Rüdiger Schöttle, der Wall jüngst mit Andreas Gursky zusammenbrachte, dem andern Extremisten des Extremformats.

Reale Versatzstücke gesampelt

Walls Gebärden sind die Gebärden des Barocks, Sinnlichkeit, Feierlichkeit, Tatkraft. Er fotografiert aus beständiger Nähe und projiziert es mit einem anhaltenden Ausbruch von Licht weiter, um es über die fotografische Vergrösserung hinaus noch zu verherrlichen. Doch was verherrlicht er? Wall verherrlicht, nein, beleuchtet im Sinne des Wortes – die Leere der Moderne. Und mit dem Kniff, die Leere im XL-Format auszustellen, wirkt sie doppelt leer.

Das Bild «An Eviction» (1988/2004) zum Beispiel, eine Strassenszene in Vancouver, ein vermeintliches Wohlstands-idyll, leidenschaftslose Vorgärten, Mittelklasseautos, schattenloses Licht. Nicht mehr Stadt, noch nicht Vorort, ein Hybrid. Erst wer genau hinsieht, entdeckt: Vor einem der eher minderwertigen Häuser kämpft ein Mann mit zwei Polizisten, während ihm eine Frau mit ausgestreckten Armen entgegeneilt. Zwangsräumung! Es ist dieser Vorfall, der dem Bild den Titel gibt, doch Wall integriert ihn wie in einer brueghel'schen Landschaft eher zweitrangig in den komplexen Bildaufbau. Denn es glaube keiner, dass Wall an einem authentischen Fall, an einem journalistischen Dokument interessiert sei – im Gegenteil. Wall sampelt, oft aus der Stadtkulisse von Vancouver, reale Versatzstücke, um eine Stimmung herzustellen, eine Allegorie eines Themas der Moderne.

Im Fall von «An Eviction» hat der Künstler die Strasse zwar so vorgefunden, doch alle Autos und Akteure wurden sorgfältig ausgesucht, alle Rollen im Vorfeld im Studio geübt und dann vor Ort wie bei einer Filmaufnahme aufwendig orchestriert. «An Eviction» ist ein Gattungsbastard für das 21. Jahrhundert, es verbindet das Landschaftsbild mit der zeitgenössischen Historienmalerei. Denn hier erzählt sich Geschichte nicht aus der Perspektive der Herrschenden, sondern aus jener der Namenlosen. Entwurzelung, Vertreibung, Entfremdung, Zersiedelung. Gestern Vancouver, morgen überall. – Von Tieren lernen? Die Anspruchshaltung eines Esels ist ein so schlechtes Vorbild nicht.

Tages-Anzeiger

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