«Wir sind elitär im positiven Sinn»

Thun

23 Jahre lang haben sie die Musikschule Region Thun geprägt, ausgebaut und der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nun sind die Co-Schulleiter Stefan Fahrni und Ruedi Bernet abgetreten.

Im Park ihres Wirkungsorts (v.l.): Die beiden Co-Schulleiter Ruedi Bernet und Stefan Fahrni vor dem Schloss Bellerive, Sitz der Musikschule Region Thun, im Gwatt.

Im Park ihres Wirkungsorts (v.l.): Die beiden Co-Schulleiter Ruedi Bernet und Stefan Fahrni vor dem Schloss Bellerive, Sitz der Musikschule Region Thun, im Gwatt.

(Bild: Markus Hubacher)

Der Musikschule Region Thun haftet das Etikett «elitär» an. Wie kommt das?Ruedi Bernet: Das ist ein alter Vorwurf, der längst nicht mehr stimmt. Wir haben die Angebote der Musikschule in den letzten 20 Jahren Schritt für Schritt ausgebaut und modernisiert. Elitär im positiven Sinn sind wir insofern, als wir von unseren Schülern Leistung fordern. Wir müssen diese auch einfordern, denn als öffentlich anerkannte Musikschule sind Steuergelder involviert – im Unterschied zu privaten Anbietern. Stefan Fahrni: Als Ruedi Bernet und ich in den 1990er-Jahren die Schulleitung übernommen haben, war dies schon noch eine weitgehend klassisch ausgerichtete Musikschule mit Kindern aus mehrheitlich gut verdienenden Kreisen. Heute sieht das anders aus: Viele Fächer für den frühen Einstieg wie Eltern-Kind-Musik oder Doppelstrich und für Ältere etwa Bandunterricht oder Jazz-Rock-Pop-Gesang haben zu niederschwelligen Eintrittsmöglichkeiten geführt. Zudem verfügen wir heute über ein gut ausgebautes Stipendienwesen, das es finanziell benachteiligten Familien erlaubt, ihren Kindern Musikunterricht zu ermöglichen.

Wie finanzieren das Familien, in denen alle in den Unterricht kommen möchten?Bernet: Der Trägerverein MSRT legt die Höhe des Schulgelds fest. Das von den Eltern bezahlte Schulgeld beträgt rund 40 Prozent der Bruttokosten einer Semesterlektion. Der Kanton subventioniert den Unterricht mit rund 28 Prozent, und die Gemeinden finanzieren den Rest. Die Schüler aus unseren Trägergemeinden profitieren je nach Einkommen von abgestuften Sozialtarifen. Dazu haben wir einen Geschwisterrabatt in der Schulgeldordnung verankert. Fahrni:Wenn Sie die Kosten unserer Musikschule mit jenen von privaten Anbietern vergleichen, stellen Sie fest: Wir sind absolut im Rahmen. Der Unterricht für Erwachsene ist zugegebenermassen «kostbar». Aber jedes intensiv betriebene Hobby hat heute seinen Preis.

Zu den Unterrichtskosten kommen jene für Musikinstrumente. Ist das für Familien tragbar?Bernet: Streich-, Zupf- und Blasinstrumente, die mit der Körpergrösse der Kinder mitwachsen, kauft heute niemand mehr – die werden alle gemietet. Auch mit der Einführung der Schnupper-Abos – 3-mal 30 Minuten Unterricht inklusive Instrument – hat sich für die Eltern auf der Kostenseite viel verbessert. Fahrni: Das ist bei Tasteninstrumenten ähnlich. Die E- und Digital-Pianos sind heute klang- und anschlagsmässig auf einem sehr guten Niveau und viel günstiger geworden. Als Klavierlehrer merke ich in einer Unterstufenlektion praktisch nicht mehr, ob ein Kind zu Hause auf einem Klavier, Flügel oder Digitalpiano übt.

Rund 1200 Schülerinnen und Schüler besuchen die MSRT. Wie lässt sich das organisieren?Fahrni: Etwa 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchen den Musikunterricht im Schlösschen Bellerive. Da gibt es an gewissen Tagen und in den zweiten Nachmittagshälften schon Platznöte, die nur dank einer guten Raumplanung und der optimalen Stundenplaneinteilung unserer Lehrkräfte gelöst werden können. Die restlichen 30 Prozent des Unterrichts finden extern in Schul- und Gemeinderäumen der Trägergemeinden statt. Bernet: Derzeit haben wir nur 7 Schülerinnen und Schüler, die aufgrund der Thuner Förderklassen Kunst+Sport während der regulären Schulzeiten in den Unterricht kommen. Unsere Lehrpersonen können daher oft erst nach 15.30 Uhr mit ihrem Unterricht beginnen, was ein 100-Prozent-Pensum verunmöglicht. Da wünschte ich mir, dass die Durchlässigkeit auf allen Stufen der Volksschule offener wird.

Wie soll das möglich sein?Bernet: Beispielsweise mit Bildungsgutscheinen. Es muss ja nicht jedes Kind das volle Geografieprogramm erlernen, wenn es stärker in Musik ist und die Motivation hat. Dann könnte es dort gefördert werden – auch während der Schulzeit. Genauso wie das umgekehrt für jene möglich sein sollte, die vertieften Geografie-, Naturwissenschafts- oder Sprachunterricht möchten. Fahrni: Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass es heute wesentlich einfacher als noch vor 20 Jahren ist, für einen Musikschüler eine Dispensation zu erlangen. Damals brauchte es für einen Musikschulanlass ein reguläres Gesuch; heute reicht eine kurze Nachricht von uns an die Volksschule.

Wer besucht die MSRT – abgesehen natürlich vom grundsätzlichen Interesse für Musik?Bernet:Als öffentlich subventionierte Schule muss die Schulleitung mit jedem Kind und den Eltern nach der Anmeldung ein Eintrittsgespräch im Sinne einer Eignungsabklärung führen. Da stelle ich fest: Unsere «Kundschaft» ist sehr vielfältig, multinational und -kulturell. Viele Kinder haben schon früh einen Instrumentenwunsch. Schön ist dann, wenn die Eltern diesen unterstützen und ihr Kind an der Musikschule einschreiben. Fahrni: Solche Eintrittsgespräche habe ich immer gerne gemacht. Es gibt auch unvergessliche darunter: Einmal war eine russische Mutter hier, die für ihre dreieinhalbjährige Tochter zweimal 60 Minuten Klavierunterricht pro Woche forderte. Oder ein koreanischer Vater, der kurzfristig beim Handballklub Wacker Thun engagiert war und nur so viele Lektionen für seinen Sohn einkaufen wollte, bis er zu seinem nächsten Handballklub nach Düsseldorf transferiert wurde – was auch bald eintraf.

Führt das auch zu Problemen?Fahrni: Manchmal sind die Auffassungen ganz verschieden. Wir müssen klarmachen, dass es bei unserer Ausbildung nie nur um Drill geht, auch wenn Fortschritte gefordert werden. Wichtig ist der gesamtheitliche Unterricht im Interesse des Schülers. Bernet: Heute haben auch Kinder mit Beeinträchtigungen die Möglichkeit, Unterricht an der Musikschule zu besuchen. Ich denke da zum Beispiel an einen Schüler mit Trisomie 21, der seine Leidenschaft für sein Instrument ausleben kann und im ordentlichen Unterricht gefördert wird. Auch wenn er langsamer als ein durchschnittlicher Schüler lernt. Wenn die Motivation da ist, funktioniert das.

Stichwort Musikerkarriere: Wie fördern Sie diese?Bernet:Wir raten heute vorsichtshalber eher ab, wenn jemand eine Musikerkarriere einschlagen möchte. Der Weg ist dermassen hart und steinig – und nur 5 Prozent schaffen es wirklich, davon leben zu können. Fahrni: Wir benötigen heute viel eher gute Amateurmusiker, die ein interessiertes Publikum bilden, qualitativ hochstehende Hausmusik spielen oder in Amateurorchestern mitmachen.

Sie sind beide ausgebildete Profimusiker. Wie ist bei Ihnen der Funke fürs Unterrichten übergesprungen?Fahrni:Als ich auf einmal realisiert habe, wie viel Potenzial in jedem einzelnen Kind schlummert. Kinder saugen so vieles wie ein Schwamm auf – und dann entsteht etwas Eigenes daraus. Man erhält als Lehrkraft so viel zurück. Darum ist es auch gut, dass wir heute nicht mehr nur die richtigen Fingersätze und Tonabfolgen einpauken, sondern ganzheitlich und spielerisch an die Musik herangehen. Bernet: In unserer 23-jährigen Tätigkeit als Schulleiter gab es schon auch Probleme mit Lehrpersonen, die zwar instrumental bestens ausgebildet waren, denen aber das grundlegende pädagogische Verständnis für die Kinder und Jugendlichen fehlte. Da galt es zu erklären, dass es nicht darum geht, Liszt oder Paganini wie im Konzertsaal zu spielen. Sondern dass Kinder erfahren, was hinter den Noten steckt, und motiviert werden, dies auszudrücken. Solcher Unterricht muss vom Stoff her ernsthaft sein. Es darf aber spielerisch zu- und hergehen.

Thuner Tagblatt

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