Flaggschiff im Fadenkreuz

Als «Guard» wird die neue S-Klasse von Mercedes-Benz zum Panzerwagen im Pelzmantel.

Aussen sicher, innen luxuriös: Als «Guard» wird die S-Klasse von Mercedes-Benz zum fahrenden Panzerschrank. Fotos: Mercedes-Benz

Aussen sicher, innen luxuriös: Als «Guard» wird die S-Klasse von Mercedes-Benz zum fahrenden Panzerschrank. Fotos: Mercedes-Benz

Es gibt Autofahrer, die definieren Sicherheit nicht nur über die Anzahl Airbags oder Assistenzsysteme. Weil sie stets im Rampenlicht und nicht selten auch im Kreuzfeuer der Kritik stehen, fürchten sie sich weniger vor Auffahrunfällen und dem Grenzbereich der Fahrdynamik als vor Anschlägen mit kriminellem oder terroristischem Hintergrund. Für diese zwar kleine – aber sehr zahlungskräftige – Kundschaft bauen viele Automobilhersteller sogenannte Sonderschutzfahrzeuge. Also Trutzburgen auf Rädern, die auch ballistischer Gewalt standhalten und auf diese Weise Leib und Leben der Passagiere schützen. Von aussen möglichst unauffällig, von innen so luxuriös wie die ganz normalen Serienmodelle, sind sie wahre Panzerwagen im Pelzmantel und damit erste Wahl für Regierungschefs, Konzernbosse und alle, die Probleme mit der sozialen Akzeptanz ihrer politischen oder finanziellen Vormachtstellung fürchten.

200'000 Euro für 500 Bauteile

Den grössten Anteil an diesem mit bis zu 30000 Fahrzeugen im Jahr gar nicht mehr so kleinen Markt hält Mercedes. In Stuttgart werden seit über 80 Jahren gepanzerte Sonderschutzfahrzeuge gebaut und mittlerweile die Fuhrparks von 90 Regierungen und Königshäusern beliefert. Damit das auch in Zukunft so bleibt, haben die Schwaben jetzt das Flaggschiff dieser sogenannten Guard- Modelle erneuert und bieten ein Jahr nach dem Modellwechsel nun auch die neue S-Klasse in einer Sonderschutzversion an. Zusammen mit dem E- und dem G-Guard und der gepanzerten G-Klasse haben die Stuttgarter damit mehr derartige Fahrzeuge im Angebot als jeder andere Hersteller.

Für gut und gerne 200'000 Euro Aufpreis wird so in Hunderten zusätzlicher Arbeitsstunden aus der Langversion des S 600 ein fahrbarer Panzerschrank, dem auch militärische Gewehre, Handgranaten und Sprengladungen nichts mehr anhaben können. Dafür wird vor allem die Passagierzelle bereits im Rohbau aufwendig verstärkt und beinahe hermetisch abgeriegelt. Rund 500 Bauteile aus mitunter zentimeterdickem und mehrfach gehärtetem Spezialstahl, hochfeste Matten aus nahezu unzerstörbaren Aramid-Fäden und armdicke Scheiben aus Panzerglas sorgen dafür, dass Kanzler, Könige und Industriekapitäne unbeschadet einem Kugelhagel entkommen können. Und weil Sprengfallen mittlerweile das grösste Risiko sind, wird bei der Luxuslimousine zum ersten Mal der Unterboden in einem Stück durchgepanzert.

Dazu gibt es allerlei Spezialtechnik und Zusatzausstattung, die man in der Regel nur aus den James-Bond-Filmen kennt. Über Blaulichter, Sirene, Wechselsprechanlage und die Fahnenhalter an den vorderen Kotflügeln wird man sich natürlich kaum wundern. Doch nach einer detaillierten Einweisung kann der Fahrer auch ein paar Systeme nutzen, wie man sie selbst im Polizeiauto nicht finden wird. Mit ihnen lässt sich ein automatisches Löschsystem aktivieren, das auf Knopfdruck Brände am Fahrzeugboden und im Motorraum bekämpft, oder auch bei einem Angriff mit Gift- oder Tränengas die Frischluftversorgung sicherstellen. Ausserdem bekommt der S Guard natürlich schussfeste Reifen, die auch ohne Luft noch weiterfahren können oder einen Spezialtank, dessen Hülle sich nach einem Einschuss wieder selbst verschliesst.

500 Schüsse abgewehrt

Dass die S-Klasse tatsächlich Schutz gegen allerlei ballistische Gewalt bietet, hat Mercedes nicht nur berechnet und im eigenen Schiessstand tief unter dem Werk Sindelfingen selbst ausprobiert. Sondern darauf haben die Schwaben auch Brief und Siegel des staatlichen Beschussamtes in Ulm, das die Limousine mit bis zu 500 Schüssen aus grosskalibrigen Revolvern und militärischen Schnellfeuergewehren und sogar mit Sprenggranaten traktiert hat. Dabei wurde nicht wahllos auf den Wagen gefeuert, sondern vor allem auf neuralgische Punkte wie die Türöffnungen oder die Fenster geschossen. Danach sah die Limousine zwar aus wie ein Schweizer Käse, die Insassen allerdings hätten den Übergriff unbeschadet überstanden.

Die zusätzliche Ausstattung hat natürlich auch einen gewissen Einfluss auf das Fahrverhalten – schliesslich wiegt die Panzerung fast zwei Tonnen. «Das ist, als würde man der S-Klasse noch eine E-Klasse aufs Dach schnallen», beschreibt Produktmanager Markus Nast die neuen Verhältnisse. Zwar haben die Schwaben Bremsen und Federung ebenso an dieses Gewicht angepasst wie die elektronischen Helfer, die freilich auch beim Guard zum Einsatz kommen. Und auch der sechs Liter grosse V12-Motor bietet allemal genügend Kraftreserven für einen flotten Rückzug. Doch ganz so leicht und unbeschwert wie eine normale S-Klasse wird sich die Panzerlimousine kaum fahren lassen. Deshalb verkauft Mercedes nicht nur das Fahrzeug, sondern gleich auch noch das entsprechende aufwendige Training für den Chauffeur. «Denn», so ist Produktmanager Nast überzeugt, «selbst das sicherste Fahrzeug ist höchstens so gut wie sein Fahrer.»

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