Zürcher Kleinverlag im Glück

Vor zehn Jahren gründete Sabine Dörlemann ihren Verlag. Mit Jens Steiner und Alice Munro hat sie aktuell zwei Preisträger im Programm – und druckt nach.

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Martin Ebel@tagesanzeiger

Die Verlagsetage liegt im vierten Stock, einen Aufzug hat das Haus an der Forchstrasse nicht. Ein kostenloses Fitnessprogramm für die Mitarbeiter – und die Besucher, die kürzlich, beim «Tag der offenen Tür» im Rahmen von «Zürich liest», die Verlagsräume besichtigten. In jedem liegen oder stehen die eigenen Titel, in zehn Jahren ist da einiges zusammengekommen. Der erfolgreichste, mit 35'000 Exemplaren, ist immer noch der allererste: «Ein unbekannter Freund», zwei Erzählungen des russischen Nobelpreisträgers Iwan Bunin, von Swetlana Geier, der «Patin» des Verlags, als Starthilfe unentgeltlich übersetzt. Elke Heidenreich lobte das Bändchen in ihrer damaligen «Lesen»-TV-Show überschwänglich; damit war der Verlag im Feuilleton und den Buchhandlungen gelandet.

Aber in der Branche hält ein Erfolg nicht lange, jede Saison ist ein neues Vabanquespiel. «Es gab schwierige Jahre», sagt Sabine Dörlemann. Aber immerhin: Sie hat durchgehalten, sowohl finanziell als auch im Anspruch. Unter ihren Titeln findet sich eine erstaunlich hohe Zahl von (Wieder-)Entdeckungen und echten Kleinoden. Der britische Reiseautor Patrick Leigh Fermor (mit dem herrlichen Kleinroman «Die Violinen von Saint-Jacques»). Die Kriegsreporterin Martha Gellhorn. Elizabeth Taylor, Richard Hughes, Louise de Vilmorin: Namen, die jetzt zum Kanon des wahren Bücherfreundes gehören.

Hoher Frankenkurs

Und sie hat sich behutsam vergrössert, von anfangs anderthalb auf nun insgesamt knapp vier Stellen (die Verlegerin immer inbegriffen). Ein wichtiger «Zugang» war Liliane Studer, die von Limmat kam und nun die deutschsprachigen Titel betreut. Der aktuelle Gewinner des Schweizer Buchpreises, Jens Steiner, steht für den Ehrgeiz des Verlages, erste Adresse für Schweizer Autoren zu sein. Mit Henriette Vasarhelyi stand sogar ein zweiter Dörlemann-Titel im Finalrennen. Und der Eingang an Manuskripten zeigt, dass der Schweizer Ehrgeiz des Verlags sich herumgesprochen hat.

Durch die Schliessung des Ammann-Verlages ist ja tatsächlich eine Lücke entstanden. Und die füllt man gern aus. Sabine Dörlemann, diese eher herbe Norddeutsche, steht ausdrücklich zum Standort Zürich, obwohl auch ihr Unternehmen, wie alle Schweizer Verlage, unter dem hohen Frankenkurs ächzt. «Wir zahlen Schweizer Löhne und verkaufen vier Fünftel unserer Bücher in Deutschland» – der schwächere Euro beschert Umsatzverluste von fast 20 Prozent. Verschärfend kommt hinzu, dass sich auch mancher Schweizer Buchhändler direkt vom Stuttgarter Grosshändler KNV beliefern lässt – zu Europreisen.

Nicht nur wegen dieser schwierigen Situation wäre auch Sabine Dörlemann froh, wenn Schweizer Verlage, wie ihre österreichischen Pendants, von staatlicher Seite unterstützt würden. Allerdings: In die verlegerischen Entscheidungen würde sie sich nie hineinreden lassen; Unabhängigkeit geht ihr über alles.

Erfolg macht frei, und diese Freiheit – bis zur nächsten Saison – kann Sabine Dörlemann im Augenblick richtig geniessen. Von Alice Munro, der Literaturnobelpreisträgerin, hat sie die beiden ersten Erzählbände im Programm; jeweils 8500 Exemplare waren bis zum wunderbaren 10. Oktober verkauft, noch einmal so viel sind nachgedruckt und «im Markt», bis Weihnachten wird wohl weiterer Nachschub fällig. Von Jens Steiners «Carambole» hat der Verlag bis zum Buchpreis-Sonntag 4500 Exemplare ausgeliefert; 8000 weitere sind in Auftrag gegeben, auch hier hofft Sabine Dörlemann auf ein lebhaftes Weihnachtsgeschäft.

«Bestehen zu können»

Grosse Zahlen sind das nicht, aber Zahlen sind auch relativ, und diese bedeuten für einen so kleinen Verlag gute Geschäfte. Klein sein und klein bleiben: Das ist ein Teil des Erfolges. Man braucht bei Dörlemann eben keine hohen Auflagen, um durchzukommen, keinen «Pflichtbestseller», damit die Bilanz stimmt. (Über Überraschungsbestseller, wie die «Dialektisch»-Bändchen, die auf eine TA-Serie zurückgehen, freut man sich natürlich besonders.) Absolute Professionalität von Anfang an ist ein weiterer Erfolgsfaktor. Und schliesslich: die gute Präsenz in Deutschland (für manch anderen Schweizer «Kleinen» ist genau das die entscheidende Hürde).

Und die Ziele? Bescheiden und, in diesen rauen Zeiten für die Branche, ehrgeizig: «Bestehen zu können», sagt Sabine Dörlemann. Mit einem literarisch anspruchsvollen Programm, acht bis zehn Titeln im Jahr – «und ohne Katzenkalender».

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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