Abzocker in Weiss?

Die Ärzte sind verschnupft, weil Bundesrat Alain Berset eine Debatte über ihre Löhne angezettelt hat. Im Fokus stehen die Chefärzte an Spitälern. Die Intransparenz rächt sich.

Wie viel ist genug? Die Löhne von Chefärzten werden zum Politikum.

Wie viel ist genug? Die Löhne von Chefärzten werden zum Politikum.

(Bild: Keystone Yoshiko Kusano)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Je weniger klar ist, umso fröhlicher wird spekuliert: Diese Regel bestätigt sich zurzeit in der sich verschärfenden Diskussion über die Löhne von Ärzten. Weder die Einkommen der selbstständigen Ärzte mit eigener Praxis noch die Bezüge der angestellten Spitalärzte sind bekannt. Lanciert hat die Diskussion kein Geringerer als der Gesundheitsminister, SP-Bundesrat Alain Berset.

Ende Januar echauffierte er sich über Mediziner, die aus Sozialversicherungen siebenstellige Einkommen erzielten. Diese Woche erreichte die Debatte einen Kulminationspunkt, wobei nun die Chefärzte der Spitäler ins Visier gerieten: Sie verdienten im Durchschnitt etwa 1 Million Franken im Jahr. Dies meldete die «Rundschau», gestützt auf «umfassende Hochrechnungen» des Vergütungsexperten Urs Klingler. Die Bandbreite liege bei 350’000 bis 1,5 Millionen Franken.

«Völlig falsches Bild»

In der Branche herrscht Konsternation. Die Ärztevereinigung FMH verlangt eine «sachliche Diskussion» und betont, bei den Chefärzten handle es sich um eine kleine Minderheit mit grosser Verantwortung. Dass die Zahlen falsch seien, schrieb sie im Communiqué jedoch nicht. Beat Straubhaar hingegen sagt, die Zahlen ergäben «ein völlig falsches Bild». Und er muss es wissen: Straubhaar hat in den letzten Jahrzehnten mehrere Spitäler in den Kantonen Zürich, Basel und Bern geführt, heute ist er Präsident des Psychiatriezentrums Münsingen BE.

Straubhaar sagt, in den letzten zehn Jahren habe er in keinem Spital einen Chefarztlohn von 1 Million Franken oder mehr gesehen. Früher sei das vereinzelt vorgekommen, heute gebe es das schon nur wegen des vielenorts sinkenden Anteils Zusatzversicherter nicht mehr. Diese sind für Spitäler und Ärzte lukrativ, da sie bei Privat- oder Halbprivatversicherten nebst den «normalen» Pauschalen zusätzlich relativ hohe Honorare erhalten. Anders gesagt: Wenn ein Arzt dank dieser Honorare ein Millioneneinkommen erreicht, belastet dies nicht die Prämien der Grundversicherung.

In einem Punkt gibt Beat Straubhaar den Kritikern jedoch recht: Er würde es begrüssen, wenn die Branche über die Löhne der Kaderärzte Transparenz schafft. «Im eigenen Interesse», betont er. Sonst werde es immer wieder solche Diskussionen geben.

Operation gescheitert in Bern

Die Intransparenz bei den Einkommen der Spitalärzte ist chronisch. Das müsse sich ändern, fand 2013 das Parlament des Kantons Bern, wo die hohen Prämien seit Jahren ein Politikum sind. Bern nahm eine Vorreiterrolle ein und verschrieb allen Spitälern im Kanton – auch den vielen Privatspitälern – eine vermeintlich weitreichende Lohntransparenz. Sie umfasst nicht nur die Verwaltungsräte, sondern auch die «Führungspersonen der Kliniken». Dabei bezieht sich das Gesetz auf das Obligationenrecht (OR), das verlangt, dass Unternehmen nicht nur die Gesamtsummen der Bezüge ausweisen, sondern auch die jeweils höchsten Löhne pro Führungsgremium.

Doch rasch erwies sich der Tiger als zahnlos. Anfänglich wiesen zwar einzelne Spitäler die höchsten Einzellöhne aus, wobei man damals zum Beispiel erfuhr, dass am Spital Thun der bestbezahlte Angestellte nicht der CEO ist, sondern ein Chefarzt mit 673’000 Franken. Die meisten Spitäler nannten aber nur Gesamtsummen. Sie argumentierten, das Gesetz sei widersprüchlich formuliert. Die Gesundheitsdirektion gab ihnen recht. Die externen Revisoren der Spitäler sind damit aber nicht zufrieden. Sie bringen in den Jahresrechnungen nun regelmässig Beanstandungen an, da aus ihrer Sicht das OR massgebend wäre. Dies bleibt aber folgenlos.

Der Fall zeigt, wie schwierig die Transparenz umzusetzen ist, die nun allseits gefordert wird. Jedenfalls weiss man im Berner Spitalamt bis heute nicht, wie viel die Chefärzte verdienen, wie Amtsleiterin Annamaria Müller auf Nachfrage bestätigt. Dass sie im Durchschnitt 1 Million Franken verdienen, hält sie nicht für plausibel. Aber: «In Einzelfällen ist das gut möglich.» Eines ist für Müller klar: Wirklich viel können Ärzte nur verdienen, wenn sie ganz oder teilweise in einem Spital tätig sind, und auch dies nur, wenn sie dort Zusatzversicherte behandeln. «Denn allein mit der Grundversicherung wird niemand reich.» Einkommen von über 1 Million seien vor allem dort möglich, wo auf eigene Rechnung operiert werde, insbesondere in Spitälern mit Belegarztsystem. Dieses kennen Privatspitäler, wobei die Ärzte selbstständig bleiben und ihre Honorare selbst in Rechnung stellen.

Oberster Chirurg spricht von «Bschiss»

Hart gestritten wird zurzeit auch über die Ärzte mit eigener Praxis: Laut dem Krankenkassenverband Santésuisse gibt es rund 140 hoch spezialisierte Ärzte, die allein aus der Grundversicherung Umsätze von über 1,5 Millionen Franken erzielen. Santésuisse geht von 30 Prozent Fixkosten aus und schätzt damit die Einkommen dieser Ärzte auf über 1 Million. Ärzte kritisieren, das sei unmöglich, es müsse sich um Zahlen von Gruppenpraxen handeln. Santésuisse hält dazu auf Nachfrage fest, gemäss den Daten, die direkt von den Ärzten selbst geliefert worden seien, handle es sich um Umsätze einzelner Ärzte.

Diese Zahlen brachten Josef E. Brandenberg, Präsident der Schweizer Chirurgen, auf die Palme: In einem offenen Brief an Bundesrat Berset schrieb er am Mittwoch, wenn es stimme, dass 140 Ärzte aus der Grundversicherung ein Millioneneinkommen generierten, handle es sich dabei um «reinen Bschiss». Er forderte Berset auf, ihm die Namen dieser «schwarzen Schafe» zu nennen, damit er, Brandenberg, gegen diese vorgehen könne. Berset selbst solle sich dann wieder den wirklich drängenden Fragen widmen und auf die Verunglimpfung der anderen 99,7 Prozent der Ärzte verzichten.

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